Physiotherapie - FAQ

beantwortet durch Herrn Frank Schmelcher:

Ist Dehnen überhaupt noch notwendig?

Folgt man den derzeitigen Veröffentlichungen zum Thema Dehnen bekommt man den Eindruck, dass Dehnen ein sinnloses Unterfangen sei. Die wissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre konnten die bisher angenommenen positiven Effekte des Dehnens nicht bestätigen. Teilweise erbrachten die Untersuchungen sogar widersprüchliche Ergebnisse.

Bisheriger Erkenntnisstand Derzeitige Meinung
Stretchen verhindert das Auftreten von Muskelkater. Stretching vor oder nach dem Sport kann Muskelkater nicht vermindern
Stretching mindert das Verletzungsrisiko Stretching vor dem Sport scheint das Verletzungsrisiko nicht zu mindern.
Nur statisches (gehaltenes) Stretching erhöht die Dehnungsfähigkeit des Muskels. Auch ballistisches (wippendes) Stretching verbessert das Bewegungsausmaß.
Stretching entspannt den Muskel. (Senkung des Ruhetonus) Kann experimentell nicht nachgewiesen werden. Fühlt man sich nach Dehnungen entspannt geht man von psychisch perzeptionellen Verursachungen aus.
Stretching fördert die Regeneration Dehnmaßnahmen unterbinden bzw. behindern die kapillare Blutversorgung.

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Wenn sich alle, bisher als positiv angenommenen Effekte des Dehnens als falsch herausstellen, macht es dann überhaupt noch Sinn sich mit Dehnübungen zu beschäftigen?

Durch die Technisierung unserer Welt ist es uns gelungen das Leben sehr angenehm zu gestalten. Das Essen liegt im Supermarkt auf angenehmer Höhe im Regal, wir sitzen auf Stühlen, die wir unserer Körpergröße in Höhe und Form anpassen, das Sofa steht in einem guten Winkel zum Fernseher, d.h. wir haben es geschafft unsere Umwelt so zu gestalten, dass es kaum noch notwendig ist, das mögliche Bewegungsausmaß unserer Gelenke zu nutzen.

Auch beim Laufen befinden wir uns in einem mittleren Bewegungsbereich. Weder Fuß, Knie oder Hüftgelenk werden während der Laufbelastung an das Ende ihrer Bewegungsmöglichkeit gebracht. Ein Nichtgebrauch des vor- handenen Bewegungsausmaßes führt jedoch auf die Dauer zu Bewegungseinschränkungen. Auch altersphysiologisch nimmt im Laufe der Jahre das Bewegungsausmaß, aufgrund der sich verringernden Wasserbindungsfähigkeit unseres Bindegewebes ab. Die meisten Dehnübungen führen unsere Gelenke in eine Endposition und verbessern dadurch auch das artikuläre (gelenkabhängige) Bewegungsausmaß. Das positive Empfinden nach Dehnungsübungen rührt vielfach auch daher, dass wir uns Bewegungsbereiche „erarbeiten“, die uns sonst verloren gingen. Verfolgt man die Diskussion, werden repetetive Übungen, in den nächsten Jahren an Stellenwert gewinnen, die gehaltenen, reinen Muskeldehnübungen werden an Wichtigkeit verlieren.

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Bekommt man durch das Laufen eine Arthrose?

Von der Universität Würzburg wurden 200 Untersuchungen der letzten 20 Jahre zu dieser Fragestellung überprüft. Die neueren Untersuchungen weisen keinen Zusammenhang zwischen regelmäßig betriebenem Laufsport und erhöhtem Arthroserisiko auf. Im Gegenteil es konnte gezeigt werden, dass Läufer im Alter über eine bessere Gelenkfunktion verfügen als eine Vergleichsgruppe.

Es wird jedoch diskutiert, dass bei gleichzeitiger Achsenfehlstellung, bei gestörter Gelenkanatomie, bei neuromuskulären Erkrankungen und/oder Adipositas ein erhöhtes Arthroserisko vorhanden ist. Während neuromuskuläre Erkrankungen oder Adipositas dem Läufer meist bekannt sind können Achsenfehlstellungen häufig lange Zeit schmerzfrei kompensiert werden und erst bei größeren Laufbelastungen in eine Schmerzsymptomatik ab- gleiten. Zu den Achsenfehlstellungen zählen z.B. Skoliosen, Beinlängendifferenzen und damit verbundene Beckenschiefstände. Auch O- oder X- Beine zählen zu den Achsenfehlstellungen.

Wichtig ist jedoch zu erwähnen, dass eine Achsenfehlstellung einen Risikofaktor darstellt jedoch nicht ein Ausschlusskriterium. Die meisten Achsenfehlstellungen werden vom Körper ausgeglichen oder können durch adäquate Einlagenversorgungen korrigiert werden. Ein weiterer Risikofaktor auf den in der oben erwähnten Studie nicht eingegangen wurde scheint mir fehlende Stabilisierungsfähigkeit der Rumpfmuskulatur zu sein. Eine ausreichend kräftige Bauch- und Rückenmuskulatur sind Grundvoraussetzungen damit die Körper- und Gelenkachsen während einer Trainingseinheit eingehalten werden können.

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Ist Eis bei Verletzungen immer sinnvoll?

Wie beim Thema des Dehnens ist man auch bezüglich der Anwendung von Eis zurückhaltender geworden. Untersuchungen haben ergeben, dass die Anwendung von Eis verschiedene physiologische Wundheilungsprozesse ungünstig beeinflusst. Lediglich in den ersten 10 – 15 Minuten nach Auf- treten einer akuten Verletzung kann es sinnvoll sein eine Eisanwendung zu applizieren.

Ob Eisanwendungen ansonsten (z.B. bei chronischen Verletzungen) zu empfehlen sind, ist schwer zu beantworten und muss häufig von Fall zu Fall entschieden werden. Das subjektive Empfinden des verringerten Schmerzes führt schnell dazu, dass man zu einem Befürworter der Eisanwendungen wird. Die verminderte Schmerzrezeptorenaktivität ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer beschleunigten Regeneration. Studien belegen, dass nach Eisanwendungen sich Ödeme sogar stärker ausbilden, als dies ohne Eis der Fall ist. Eis ist laut vieler Studien auch nicht entzündungshemmend. Wichtige Regenerationsprozesse können durch zu lange Eisanwendungen negativ beeinflusst werden.

Positiven Einfluss auf den Verlauf vieler Verletzungen, die sich im Bereich bindegewebiger Strukturen abspielen, haben naturheilkundliche Anwendungen wie Quarkwickel, Kohlwickel, Retterspitz- oder Arnikaumschläge.

Quarkwickel

Quark möglichst ohne Bindemittel großzügig auf dem betroffenen Areal verteilen und mit Klarsichtfolie umwickeln und zwei Stunden einwirken lassen. (siehe Bild)

Kohlwickel

Ein großes Blatt Weißkohl (oder Wirz) von der Mittelrippe befreien. Mit einer Flasche über das Kohlblatt rollen, damit die feinen Blattrippen platzen und der Saft austreten kann. Kohlblatt auf die betroffene Stelle legen und mit einer Binde fixieren.

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Wie gehe ich mit einer frischen Verletzung um?

Bei akuten Verletzungen, wie zum Beispiel Muskelzerrungen, Faserrisse, Umknicken des Fußes, Stürze oder Verdrehungen des Kniegelenkes sollte immer nach der PECH Regel vorgegangen werden.

  • P = Pause
  • E = Eis
  • C = Compresion
  • H = Hochlegen

Bei akuten Verletzungen kommt es fast immer zu mehr oder weniger starken Blutungen in das Gewebe, die durch Eis Kompression und Hochlegen gestoppt werden sollen. In dieser frühen Phase einer Verletzung (ersten 24 Stunden) sollte auf die Anwendung durchblutungsfördernder (Heparin) Salben verzichtet werden.

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Was kann ich gegen einen Krampf machen?

Symptomatik: Es handelt sich um die maximale Kontraktion, des Muskels, der in diesem Moment nicht in der Lage ist zu entspannen.

Krämpfe treten vorwiegend im Bereich der Wade und des hinteren Oberschenkels auf. Sie treten häufiger auf bei starker Ermüdung der entsprechenden Muskelgruppe (Fehlen von ATP zur Trennung der kontrahierten Muskelfilamente).

Therapie: In der Akutphase den Muskel in eine Dehnposition bringen, damit sich die Kontraktion lösen kann. Im Anschluss durchblutungsfördernde Maßnahmen, wie leichte Lockerungsmassage, warme Bäder…. Auf entsprechende Flüssigkeitsaufnahme achten.

Vorbeugung:

  • Regelmäßiges Dehnen
  • Zufuhr von Mineralstoffen; v.a. Magnesium und Calcium
  • Ausschluss von Wirbelsäulen Problematiken

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Worin unterscheiden sich Zerrung, Muskelfaserriss, Muskel- bündelriss und was kann ich dagegen tun??

Unterscheidung der Verletzungen liegt in der Anzahl der gerissenen Muskelfasern. Bei einer Zerrung ist bei der Untersuchung der betroffenen Struktur keine Kontinuitätstrennung des Muskels zu spüren. Bei einem starken Muskelfaserriss ist eine Eindellung zu spüren.

Symptomatik: Leitsymptomatik von Muskelfaserriss und Muskelbündelriss ist der messerstichartige Schmerz, der in der Bewegung einsetzt.

Therapie: Man verfährt auch hier nach der PECH – Regel um eine Einblutung ins Gewebe bzw. in die Muskelfaszie zu vermeiden. Je nach Schwere der Verletzung, die ersten 48 Stunden entlasten. Nach ca. 72 Stunden kann man mit vorsichtigen Massagen, Dehnungen und Ultraschallbehandlungen beginnen. Die Gabe von Enzympräparaten soll die Heilung beschleunigen. Im Falle des Verletzungen Muskelfaserriss oder des Muskelbündelriss sollte ein Therapeut aufgesucht werden, der auch den Zeitpunkt der Wiederaufnahme der sportlichen Belastung bestimmt.

Bevorzugte Stellen für alle drei Verletzungen ist die vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur oder die Wadenmuskulatur. Bei ständig wiederkehrenden Muskelverletzungen im gleichen Muskel ist eine segmentale Abklärung der Wirbelsäule zu empfehlen.

Vorbeugung

Gleiches Vorgehen wie bei den Krämpfen. Bei maximalen Belastungen (Sprinttraining, hartes Intervalltraining) auf ausführliches Aufwärmen achten.

  • Regelmäßiges Dehnen
  • Zufuhr von Mineralstoffen; v.a. Magnesium und Calcium
  • Ausschluss von Wirbelsäulen Problematiken.

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Was mache ich wenn ich umgeknickt bin und das Fußgelenk schmerzt und anschwillt?

Im Laufsportbereich dürfte das Suppinationstrauma (Umknicken des Fußes) zu den häufigsten akuten Verletzungen gehören.

Symptomatik: in der akuten Phase besteht eine sehr starke Schmerzhaftigkeit an der Außenseite des Sprunggelenkes. Meist geht eine starke Schwellung mit einher. Das Gelenk strahlt fast immer Hitze aus.

Therapie: In der Akutphase Vorgehen nach der PECH – Regel. Bei sehr starker Schwellung und massiven Schmerzen Abklärung über eine gehaltene Röntgenaufnahme (hierbei wird das Gelenk mechanisch aufgeklappt, man beurteilt dabei den entstehenden Winkel zur Beurteilung ob Bänder gerissen sind). Bei der Ruptur von einem der drei Außenbänder wird nicht operiert. Bei zwei oder allen drei Bändern ist das Vorgehen von Klinik zu Klinik unterschiedlich. Wichtig in jedem Fall die Nachbehandlung bei der die freie Beweglichkeit der Gelenkstrukturen und die Koordination der gelenkumgebenden Muskulatur im Vordergrund stehen sollte.

Vorbeugung: Bei bestehender Instabilität des Fußgelenk sollten regelmäßig Übungen mit Therapiekreisel, speziellen Fußstabilisatoren oder Minitrampolin durchgeführt werden um die propriozeptive Versorgung des Fußes zu verbessern und damit dem Auftreten akuter Verletzungen vorzubeugen.

Hinweis: Bei Läufen auf unebenem Gelände kann es auch ohne Bandverletzung durch Überlastung und Verletzung von Blutgefäßen zu ausgeprägten Schwellungen kommen. Im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen Verletz- ungen ist aber kein starker Schmerz vorhanden. Die Prognose ist hierbei natürlich sehr viel günstiger. Der Betroffene kann nach Resorption des Blutergusses sofort wieder beginnen zu laufen.

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Was kann man bei einer Verletzungen der Achillessehne machen und wie erkenne ich die Art der Verletzung??

Die Achillessehne ist die Sehne mit der stärksten Belastung im Laufsport. Sie muss bei jedem Schritt das gesamte Körpergewicht abfangen (exzentrische Muskelarbeit) und auch wieder beschleunigen (konzentrische Muskelarbeit). Man unterscheidet grundsätzlich zwei Arten der Verletzung:

Entzündungen der Sehne (Tendinitis) selbst (nichtinsertionale Beschwerden) oder des mehrschichtigen Begleitgewebes (Peritendinitis).

Ansatzbeschwerden am Fersenbein, bzw. Schleimbeutelentzündungen des Gewebes am Ansatzbereich (insertionale Beschwerden)

Symptomatik: Die akute Entzündung äußert sich mit belastungsabhängig zunehmenden Beschwerden und einer teils nicht unerheblichen Schwellneigung. Die Sehne fühlt sich derb geschwollen an ist auf Druck schmerzhaft und nicht selten kommt es bei Bewegung zu typischem Knirschen an der betroffenen Stelle.

Therapie: Bei entzündlichen Beschwerden stehen die abschwellenden Maßnahmen im Vordergrund. Zunächst versucht man über Salbenverbände, Quarkwickel oder andere lokale Maßnahmen auf den Bereich einzuwirken. Bei Fortbestehen sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt eine zusätzliche Therapie mit Ultraschall Elektrotherapie und physiotherapeutischen Maßnahmen eingeleitet werden. Spritzen mit Corticoiden werden in der neueren Literatur zurückhaltend diskutiert, wenn dann sollten Lokalanästhetika gespritzt werden. Manche Ärzte setzen Röntgenreizstrahlen zur beschleunigten Regeneration des Sehnengewebes ein. Bei therapieresistenten Reizungen wird auch Stoßwellenbehandlung mit Ultraschall durchgeführt.

Bei chronischen Veränderungen der Achillessehne sollte auf jeden Fall zunächst eine physiotherapeutische Behandlung in Erwägung gezogen werden. Über spezielle Massagetechniken, Dehnungen und Übungen zur Verbesserung der muskulären Stabilisierung des oberen und unteren Sprunggelenkes versucht man die Beschwerden zu verbessern.

Vorbeugung: Dehnung der kurzen und langen Anteile der Wadenmuskulatur stehen bei der Prävention im Vordergrund. Ungewohntes Bergtraining, hochintensive Trainingseinheiten, falsches Schuhwerk und Fußfehlstellungen begünstigen das Entstehen von Achillessehnenbeschwerden. Gerade bei dieser Verletzung ist die Zusammenarbeit zwischen Patient – Arzt – Physiotherapeut und orthopädischem Schuhmacher unumgänglich.

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Worum handelt es sich bei plötzlich auftretendem Schienbeinkantenschmerz – Shin – Splint?

Symptomatik: Bei dem Schienbeinkantenschmerz kommt es zu einem starken Schmerz im bereich des Schienbeines, meist im unteren inneren Drittel des Schienbeines. Der Schmerz tritt in erster Linie bei bergab gehen oder Laufen und bei Treppab gehen auf. Das umschriebene Areal ist stark druckschmerzhaft und strahlt häufig auch Hitze aus.

Als Ursache werden falsches Schuhwerk ungewohntes Laufgelände und vor allem auch eine Umfangssteigerung in zu kurzer Zeit diskutiert. Differenzialdiagnostisch sollte der Schienbeinkantenschmerz von einer Ermüdungsfraktur unterschieden werden.

Therapie: Salbenverbände über mehrere Tage, Massagetechniken und Ultraschallbehandlungen wirken sich positiv auf den Verlauf der Verletzung aus. In der akuten Phase sollte der Trainingsumfang reduziert werden. Dehnung der Wadenmuskulatur zur Entlastung der Schienbeinkante ist wichtig. Überprüfen der Fußstatik über Physiotherapeuten – Arzt oder Orthopädiemechaniker ist empfohlen.

Vorbeugung: Ausreichende Dehnfähigkeit der Wadenmuskulatur, gute Stabilisierungsfähigkeit des Fußgelenkes.

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Quelle: www.baden-marathon.de/de/training/medcoach.php