• Dieter Baumann: Wir haben ein strukturelles Problem!
    Dieter Baumann: Wir haben ein strukturelles Problem! © Mittelrhein-Marathon
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Dieter Baumann: Wir haben ein strukturelles Problem! Wilfried Raatz in "leichtathletik"

Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Mannschaftstitels bei den Deutschen Crossmeisterschaften. Sie haben bestimmt den Titelgewinn auf der Männer-Langstrecke etwas gefeiert?

Die Jungs waren natürlich happy! Es war einfach ein tolles Langstreckenrennen mit einem unverhofften Ausgang. Wir haben am Abend nicht mehr gemeinsam feiern können, weil Arne, Filmon und Daniel andere Verpflichtungen hatten.

Welche Eindrücke haben Sie von den 64. Deutschen Crossmeisterschaften aus Stockach mitnehmen können?  

Wir haben in Stockach eine tolle Strecke vorgefunden, die den Athleten einiges abverlangt hat. Auch das Drumherum war super. Es stellt sich für mich allerdings seit 20 Jahren immer wieder die Frage, weshalb Deutsche Meisterschaften, egal ob im Cross oder auf der Straße, eine so geringe öffentliche Wahrnehmung haben. Es gibt zwar immer wieder ein Auf und Ab, aber Stockach war für mich hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs doch eine Enttäuschung. Vielleicht ist auch Stockach mit seinen 12.000 Zuschauern für eine Meisterschaft zu klein.

Was hätte Ihrer Ansicht nach hier anders laufen müssen? Kritisieren Sie damit nicht auch die Vergabepraktiken des Deutschen Leichtathletik-Verbandes?

Mir scheint, dass es innerhalb des DLV keine Vorgaben gibt, unter welchen Voraussetzungen Meisterschaften stattzufinden haben. Ich meine damit die Qualitätssicherung bei Meisterschaften. So wie es aussieht, ist man überhaupt froh, einen Bewerber gefunden zu haben. Das spricht natürlich gegen die Attraktivität dieser Titelkämpfe.  

Wäre Ihrer Auffassung nach ein Pool von geeigneten Veranstaltern im Cross und auf der Straße eine bessere Lösung? Müssen die Austragungsorte vielleicht auch zentraler liegen?

Eine Veranstaltung wie die Cross-Meisterschaften in einer kleinen Stadt wie Stockach, zudem an der Peripherie gelegen, kann durchaus gut funktionieren. Muss aber nicht, deshalb könnte ein Pool wie es bei den Meisterschaften im Stadion durchaus eine Lösung sein. Schauen wir uns aber auch die Startfelder an. Für mich sind dies Alarmsignale für unsere Disziplin, wenn Vereine Athleten aus Kostengründen zuhause lassen müssen, weil Kosten für die Anreise und die Übernachtung zu teuer sind.

Liegt es vielleicht aber auch daran, dass immer weniger Athleten Leichtathletik als Leistungssport betreiben?

Wir haben auf jeden Fall einen deutlichen Rückgang zu verzeichnen. Es liegt sicherlich daran, dass immer weniger Talente Leistungssport betreiben wollen. Ich möchte vielen nicht das Bemühen absprechen, aber es ist auffällig, dass immer weniger Athleten mit absoluter Konsequenz hinter ihrem Sport stehen. Sie pendeln zwischen den einzelnen Welten wie Studium, Ausbildung und Leistungssport. Die Regeneration kommt dabei zu kurz! Ab und zu Leistungssport betreiben, das reicht einfach nicht mehr! Unsere Athleten fahren natürlich gerne ins Trainingslager, stellen sich aber zu wenig der Wettkampfsituation….

Liegt dies nicht aber auch an einem mangelnden Wettkampfangebot?


Ganz sicher! Betrachten wir das Angebot in diesem Winter in der Halle oder auch im Cross. Selbst bei Landesmeisterschaften ist das Leistungsniveau zumeist eher mäßig. Wenn der Wettkampf nur ein Trainingslauf ist, dann ist dies keine Herausforderung mehr. Wir haben sicherlich tolle Hallenmeetings wie in Karlsruhe, Stuttgart oder Düsseldorf. Doch selbst für die Spitze ist dies nicht einfach, hier geeignete Rennen zu bekommen. Das gilt natürlich in noch stärkerem Maße für die Bahnsaison.

Hallen-Meetings wie in Karlsruhe müssen Ansporn, Motivation sein. Aus solchen Erlebnissen muss die Einstellung für unsere jungen Leute kommen: Ich will mich zerreißen, damit ich auch einmal bei so etwas dabei sein kann! Wir können als Verein, als Trainer nur den Rahmen schaffen. Wenn dieser fehlt, dann können sich die jungen Läufer nicht weiter entwickeln. Vereine, die wie der LAV asics Tübingen Laufgruppen haben, machen sich natürlich Gedanken, wie diese gestärkt werden können. Da fehlt mir allerdings vom DLV die Unterstützung!

An welche Art von Unterstützung denken Sie?


Ich denke auch an eine finanzielle Unterstützung. Athleten wie Arne Gabius erhalten vom DLV für Trainingslager 400 Euro im Jahr. Das ist ein Witz! Das ist keine Förderung eines Athleten, der sicherlich zu den besseren gehört. Der DLV braucht sich nicht zu wundern, wenn wir uns in verschiedenen Disziplinen nicht weiter entwickeln.

Wo soll aber dieses zusätzliche Geld herkommen, wenn in Zeiten knapper Kassen neue Geldquellen kaum erschlossen werden können?


Der DLV hat Fördergelder zur Verfügung, die sponsorenunabhängig sind. Damit müssten wir antizyklisch fördern. Ansonsten steigen wir aus Disziplinen aus! Im Laufbereich fehlt mir ein Konzept, das kann aber nur vom Verband kommen. Die in den Vereinen vorhandenen Laufgruppen müssen besser verzahnt werden, es muss eine Kommunikation untereinander stattfinden. Nur dann können wir uns gegenseitig befruchten. Dazu ist eine Führungsstruktur erforderlich. Eine Ansprache. Und gerade das vermisse ich beim DLV.

Wie sehen Sie angesichts dieser genannten Defizite die Zukunft in der Leichtathletik, insbesondere aber im Laufbereich?

2012 gehen wir baden, weil in den vergangen Jahren nichts passiert ist! Aber deshalb stelle ich mir die Frage, was tun wir aktuell für die Folgejahre 2014 bis 2016? Hier müssen jetzt die Weichen gestellt werden. Wer schaut denn auf die Jahrgänge der Fünfzehn- bis Siebzehnjährigen? Mir wird angesichts dieses Dilemmas angst und bange! Es ist wichtig, dass man sich unter den Lauftrainern zusammensetzt. Dabei werden wir erkennen, dass wir alle die gleichen Probleme haben. Wir brauchen eine Lehrgangskultur, damit wir unsere Disziplin gemeinsam entwickeln.

Wir brauchen von Verbandsseite jemand, der uns die Vorgaben macht. Ein Bundestrainer muss die Schlagzahl vorgeben. Wo ist denn die Verzahnung von Bundes- und Landestrainern? Gerade die Landestrainer sind für den jüngeren Nachwuchs zuständig. Deshalb ist es wichtig, dass man beim DLV weiß, was auf Landesebene passiert. Wer die Inhalte nicht kennt, der kann auch keine Verbesserungsvorschläge unterbreiten, wie das Training optimiert werden kann! Wenn ein Schiff in Fahrt ist, benötigt man keine zusätzliche Motivation. Aber der Schwung ist leider verloren gegangen! Unsere Disziplin befindet sich in einer Krise!

Offensichtlich gibt es aber nicht nur im Laufbereich in Deutschland Defizite. Ist dieses ein europäisches Problem?

Ein gutes Beispiel sind die USA. Dort hat man sich vor zehn Jahren auf den Weg gemacht – und kann jetzt ernten. Was die US-Amerikaner um einen Alberto Salazar können, das sollten wir auch können! Er bündelt nämlich die Kräfte, führt die Athleten und die Heimtrainer zusammen… Bei uns ist es leider so, dass es jeder besser weiß. Ich wüsste schon gerne, wie woanders trainiert wird. Wie machen es zum Beispiel die Spanier? In Großbritannien ist das System auch stark vereinsbezogen, sie haben aber gute Heimtrainer. Aber auch dort kämpft man mit den gleichen strukturellen Problemen wie bei uns.

Training ist ein individueller Prozess. Athleten lassen sich nicht über einen Kamm zu scheren. Welche Fähigkeiten sind Ihrer Ansicht nach heute gefordert, damit ein Lauftalent zu einem erfolgreichen Athlet werden kann?

Es gibt eine generelle Linie mit Ausdauer- und Tempoläufen. Wer ist aber ein Talent? Wer 160 Kilometer ohne Verletzung laufen kann? Oder der, der das Optimale bereits mit 100 Kilometern herausholt? Ein Trainer muss das Talent richtig lesen können. Selbständigkeit praktizieren ist auch Talent! Ich halte es für wichtig, dass ein Athlet die emotionale Kompetenz im Hinblick auf Belastungen erlernt. Er alleine kann nur entscheiden, ob ein Tempo an diesem Tag das richtige ist. Viele Langstreckler trainieren sicherlich so viel wie ich früher, aber der entscheidende Unterschied ist: Ich war Profiläufer und hatte keine zusätzlichen Belastungen!  

Viele Athleten der deutschen Olympiamannschaft in Vancouver sind bei der Bundeswehr, beim Grenzschutz oder bei der Polizei angestellt. Wäre eine Forderung nach weiteren Sportplanstellen im Staatsdienst auch ein tauglicher Ansatz für die Leichtathletik, um der zunehmenden Konkurrenz weltweit Paroli bieten zu können?  

Davon halte ich nichts! Ich finde es wichtig, dass unsere Athleten ein zweites Standbein neben dem Leistungssport schaffen. Aber es wäre sicherlich schon eine Hilfe, wenn die Ausbildungs- oder Studiendauer unbürokratisch verlängert werden würde. Wir können allerdings die Wintersportarten nicht mit den Sommersportarten vergleichen. Gerade in der Leichtathletik ist der Konkurrenzdruck weltweit enorm stark. Ich finde, wir sollten vielmehr darauf drängen, dass wir den Verband stärker fordern. Ich rufe selten nach dem Verband, aber hier erwarte ich einfach Signale! Wir brauchen eine Aufbruchstimmung!

Wilfried Raatz in "leichtathletik" 10/2010