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Jul 10
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Zurück zu alter Stärke – Das Comeback der Melanie Seeger in Barcelona - Wolfram Marx berichtet

Nachdem sie bis Peking zwischen 160 und 200 Kilometer als Wochenpensum hatte, sind es nun nur noch 80 bis 130 Kilometer

Ein eindrucksvolles Comeback nach ihrer Babypause feierte Geherin Melanie Seeger (SC Potsdam) bei den Europameisterschaften in Barcelona und krönte ihre bislang gute Saison. Nach einer zweijährigen Wettkampfpause meldete sich die Potsdamerin nun auch mit einer Top-Platzierung bei einer internationalen Meisterschaft eindrucksvoll in der Weltspitze zurück, sparte aber auch nicht mit Kritik am Verband.

„Ich habe nach den Olympischen Spielen eine Babypause eingelegt, daraufhin wurde mir vom Verband die Förderung gestrichen“, ärgerte sie sich. Umso größer war ihre Freude im Ziel, denn mit dem vierten Platz erzielte sie nicht nur ihr bestes Ergebnis auf internationaler Ebene, sondern erreichte auch wieder die A-Kader-Förderung des DLV. „Ich musste dafür mindestens Sechste werden, das war mein Ziel.“

Für den Verband war es das beste internationale Resultat überhaupt bei den Geherinnen. DLV-Cheftrainer Rüdiger Harksen sprach denn auch von einer „glanzvollen Rückkehr“.„Ich bin so glücklich über diese Platzierung. Das war das Rennen meines Lebens, dies ist für mich keine Holzmedaille“, sagte Seeger.

Dabei war die Realisierung dieses Ziels für sie „sehr schwierig“: „Mein Trainer Michael Klabuhn betreut mich ehrenamtlich, er bekommt keinen Cent dafür. Der DLV war noch nicht einmal bereit, ihn mit hierher nach Barcelona zu nehmen“, mischte sich auch Ärger über ihre Situation in ihre Freude. Doch geht ihre Kritik in Richtung Verband noch weiter.

Es fehle an der Nachwuchsförderung für die Geher. Essentiell sei die Einrichtung neuer Stützpunkte und die Ausbildung neuer Trainer und Übungsleiter. „Die Nachfrage ist da, die Kinder wollen „Gehen“ als Sportart ausüben. Es muss sich schnell etwas ändern“, so ihr Plädoyer.

Ihr größte Sorge, nämlich, wie es mit ihrem Trainer weiter geht, ist ihr erst einmal genommen. „Die Platzierung war so wichtig, damit die Absicherung als Kaderathletin gewährleistet ist.“ Bereits seit 21 Jahren arbeitet sie mit ihm, der hauptberuflich in einem Behindertenzentrum als Betreuer beschäftigt ist, zusammen, nachdem sie nach den Olympischen Spielen 1988 in Seoul zum Schnuppertraining in einen Sportverein kam. Schnell wurde ihr Talent fürs Gehen entdeckt und bereits nach einem Jahr war sie die mit Abstand Stärkste in ihrer Altersklasse.

Ihren größten internationalen Erfolg erreichte sie dann 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen, als sie den fünften Platz belegte, doch nach den Spielen von Peking 2008 befand sie sich in einem Loch. „Ich brauchte unbedingt eine Pause, ein Kind wollte ich auch, da hat es sich dann mit der Schwangerschaft gut ergeben.“ Die Geburt ihrer Tochter Helena im vergangenen Jahr bedeutete für sie eine starke Veränderung im Tages- und Trainingsablauf. „Das erste halbe Jahr war sehr schwierig, denn sie war sehr unruhig.“

Doch gemeinsam mit dem Vater, einem Belgier, wurde ein neuer Tagesplan entwickelt. Jeden Morgen absolviert sie zwischen sieben und neun Uhr ihre erste Trainingseinheit, bevor ihr Freund, den sie 2006 während eines Auslandssemesters in Kopenhagen kennengelernt hat, selbst zur Arbeit geht. „Auch mein Vater hat mit hier sehr geholfen, er war oft bei uns, so dass ich meine langen Einheiten absolvieren konnte.“

Mit der neuen Rolle als Mutter kam aber auch eine komplette Umstellung der Trainings- und Lebensgewohnheiten wie der Ernährung. „Ich verzichte praktisch komplett auf Milch und Zucker und koche alles selbst. Ich habe mich intensiv damit beschäftigt und könnte mittlerweile ein Kochbuch schreiben.“ Die durch die Geburt und das Stillen der Tochter ausgelöste Ernährungsumstellung habe sich natürlich auch positiv auf ihre sportliche Entwicklung ausgewirkt. „Ich bin eine neue Sportlerin. Ich trainiere jetzt wesentlich geringere Umfänge als früher, dafür aber höhere Intensitäten.“

Nachdem sie bis Peking zwischen 160 und 200 Kilometer als Wochenpensum hatte, sind es nun nur noch 80 bis 130 Kilometer, aufgeteilt in einem Verhältnis von etwa 70:30 zwischen Gehen und Laufen. Laufeinheiten stehen rund dreimal die Woche auf dem Programm, sind aber reines Grundlagentraining. „Ich war früher bei den Wettkämpfen durch die hohen Umfänge oft müde, das haben die Konkurrentinnen natürlich auch gemerkt.“ Also entwickelte sie gemeinsam mit Michael Klabuhn ein neues Trainingskonzept, dessen Früchte sie in dieser Saison ernten kann. Drei zweite Plätze in der IAAF Geher Challenge zeigten bereits im Laufe der Saison, dass die Form in diesem Jahr stimmt. Diese wurde dann in einem Höhentrainingslager verfeinert, das sie in den französischen Pyrenäen in Font Romeu auf 1.780 Metern bezogen hatte.

Auch dies ein Teil des neuen Trainingskonzepts. Erst zwei Tage vor dem Wettkampf reiste sie nach Barcelona an. „Es war ein Experiment, aber es hat sich gelohnt.“ Dieses neue Konzept will sie denn auch für ihr großes Ziel, die Olympischen Spiele in London 2012, beibehalten. „Ich will endlich meine internationale Medaille.“

Zuvor aber steht in diesem Jahr noch das Weltcupfinale in Peking am 18. September über zehn Kilometer auf dem Programm. „Ich will auf jeden Fall in die Top 3, hoffe aber auf einen Sieg.“ Dies würde sich nicht nur gut in der sportlichen Vita machen, in Peking winken den Gehern hohe Preisgelder.

Wolfram Marx

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