• Boston Marathon - Start in Hopkinton
    Boston Marathon - Start in Hopkinton © Victah Sailer
  • Geoffrey Mutai
    Geoffrey Mutai © Victah Sailer
  • Die Männer beim Halbmarathon in Wellesley
    Die Männer beim Halbmarathon in Wellesley © Victah Sailer
  • Ryan Hall am berühmten Mädchen College in Wellesley - mit der Aufforderung mehr Beifall zu klatschen
    Ryan Hall am berühmten Mädchen College in Wellesley - mit der Aufforderung mehr Beifall zu klatschen © Victah Sailer
  • Mutai führt
    Mutai führt © Victah Sailer
  • Ryan Hall - noch nicht laut genug!
    Ryan Hall - noch nicht laut genug! © Victah Sailer
  • Geoffrey Mutai im Ziel
    Geoffrey Mutai im Ziel © Victah Sailer
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    Moses Mosop © Victah Sailer
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    Gebre Gebremariam © Victah Sailer
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    Geoffrey Mutai © Victah Sailer
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Blowin´ in the wind - Anmerkungen zum schnellsten Marathonlauf der Geschichte beim Boston-Marathon 2011 - Helmut Winter berichtet

Den sensationellen Lauf am vorletzten Montag kann vielleicht noch am besten mit dem Weitsprung von Bob Beamon bei der Olympiade in Mexiko City 1968 verglichen werden

Mit erheblicher Irritation hat der Laufsport die Ereignisse beim 115. Boston-Marathon am 18. April 2011 registriert, die zwei Läufer in ein neues zeitliches Regime des Marathonlaufs katapultierten und in dieser Form völlig überraschend kamen.

Boston ist mit seiner großen Tradition nicht ganz zu unrecht Mitglied der Eliteliga des Marathonlaufs, den „Marathon Majors", konnte aber über die zurückliegenden Jahre mit seinen Leistungen nur bedingt überzeugen. Und während zunächst Rotterdam, dann Chicago, London und Berlin die (Welt-)Rekorde bei Frauen und Männern in immer neue Höhen schraubten, lief Boston im Sinne des Wortes hinterher.

Der Ablauf der Läufe war dabei immer sehr ähnlich: Ein Feld von hochklassigen Eliteathleten lief den ersten abschüssigen Part aus dem 150 m hohen Hopkinton sehr vorsichtig an, und obwohl man nach gut 4 Meilen bereits 50 m Seehöhe erreichte, lagen die 10 km Splits deutlich über 30 Minuten. Eine Taktik, die der Erfahrung mit dem Rest der Strecke geschuldet war, es warteten die Newton Hills und dann vor allem der legendäre „Heartbreak Hill" bei ca. 21 Meilen (knapp 34 km), wo die Läufer noch einmal von 20 m auf über 70 m klettern müssen. Dies passiert in einer Phase des Marathons, der erfahrensgemäß ohnehin zur Problemzone gehört.

Die Tradition erstickte jede Diskussion über die Strecke im Keim. Dass man sowohl die Rekord-Kriterien für einen Straßenlauf bezüglich Gefälle (1 m pro km - in Boston sind das 3,5 m pro km) als auch Laufrichtung (Start- und Zielpunkt innerhalb 50% der Gesamtstrecke - in Boston sind das 91 %) nicht erfüllte, interessierte kaum jemanden. Die Strecke in Boston wurde als zu schwierig und zu langsam erachtet.

Die Resultate von über 100 Jahren Boston-Marathon belegten dies in allen Belangen. Dabei gab es aber bereits im letzten Jahr ein erstes „Warnsignal", der junge Kenianer Robert Kiprono Cheruiyot folgte zunächst der konservativen Renngestaltung in Boston, legte dann aber im zweiten Teil einen derartigen Sololauf auf das Pflaster, bei dem er den zweiten Teil über die Hügel in tollen 1:02 absolvierte und am Ende den Streckenrekord von 2:07:14 mit 2:05:52 geradezu „pulverisierte". Schon im letzten Jahr wurde spekuliert, was für eine Zeit bereits möglich gewesen wäre, wenn die Elitemänner etwas zügiger den Lauf begonnen hätten. Die Antwort erhielt man bereits ein Jahr später.

Bob Beamon lässt grüßen

Den sensationellen Lauf am vorletzten Montag kann vielleicht noch am besten mit dem Weitsprung von Bob Beamon bei der Olympiade in Mexiko City 1968 verglichen werden, wo der Weltrekord von 8,35 m auf kaum vorstellbare 8,90 m geschraubt wurde. Ähnlich überrascht musste man in Boston registrieren, dass dort der Marathonlauf in ein neues zeitliches Regime vorgedrungen war.

Und es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass die unmittelbar zuvor groß angekündigten Rekordversuche in Rotterdam und London zwar glanzvollen Sport boten, aber Haile Rekordmarke vom Berlin-Marathon 2008 (2:03:59) nicht in Ansätzen gefährden konnten. Dafür rannten in Boston völlig unerwartet die beiden Kenianer Geoffrey Mutai mit 2:03:02 und Moses Mosop mit 2:03:06 Hailes Bestmarke in Grund und Boden. Hätten die beiden nicht durch Taktieren zu Beginn der letzten Meile einige Sekunden verloren, dann wäre es sogar in das 2:02-Regime gegangen.

Entgegen allen Regeln

Im Vorfeld war allen Beteiligten klar, dass Leistungen auf dem Bostoner Kurs keine Anerkennung durch die IAAF erfahren können, obwohl diese in den Vorjahren immer noch in den Rankings aufgenommen wurden. Da die Zeiten aus Boston im internationalen Vergleich bestenfalls im Mittelfeld rangierten, störte das bislang niemanden. Das ist jetzt anders.

Nachdem man in Boston alle bisherigen Leistungen im Marathon der Männer deutlich unterbot, verweist man auf die Einhaltung der Regeln. Die Veranstalter vor Ort stellen sich aktuell stur und haben bei der IAAF die Anerkennung der Bestmarke als neuen Weltrekord beantragt. Da die Regeln der IAAF, wie das Beispiel Boston nun zeigt, aus gutem Grund bestehen, wäre man schlecht beraten, diesem Antrag zu entsprechen. Die Chancen auf Anerkennung dürften gegen null tendieren, in den aktuellen Rankings der IAAF zieren die Bostoner Zeiten nicht die Spitzenplätze, sondern werden in einer Extrarubrik aufgeführt.

Muster ohne Wert?

Wenn die neuen Bestmarken in Boston als Rekorde nicht taugen, was sind die Leistungen, vor allem von Mutai und Mosop, in einer realistischen Einschätzung wert? Kaum eine andere Thematik hat in der Laufszene die Gemüter derart erregt, wie der Ausgang des Boston-Marathons 2011. Die Diskussionen erweisen sich mittlerweile als derart komplex, dass die Vielzahl der sinnvollen und vor allem auch weniger sinnvollen Argumente hier nicht aufgelistet werden können.

Beschränken wir uns deshalb auf einige zentrale Aspekte. Dabei kann vorausgeschickt werden, dass die Projektion der Leistung des Siegers auf eine Regel konforme Strecke auf Grund diverser Unsicherheiten kaum gelingen kann (obwohl man etliche Abschätzungen zu dieser Problematik findet).

Im Fokus der Diskussion stehen die beiden Aspekte, die in unmittelbarem Bezug zu den beiden Regelverletzungen stehen: das Gefälle der Bostoner Strecke sowie der Punkt-zu-Punkt-Kurs. Oder anders formuliert: die Höhendifferenz und der Einfluss des Winds. Beide begünstigen, und haben das auch am vorletzten Montag getan, die Leistungen der Athleten. Beide Punkt bleiben auch in Bezug auf die Bostoner Strecke unstrittig, aber ganz so einfach ist die Argumentation nicht.

Vergleich der Siegerzeiten vom Boston- und Berlin-Marathon in den letzten 10 Jahren.

Wären nämlich die Gegebenheiten ein derart massiver Vorteil, wie er nun herausgestellt wird, dann bleibt schon zu fragen, welchen Effekt diese Fakten in den vorangegangen 114 Auflagen auf das Leistungsniveau hatten. Die überraschende Antwort haben wir schon oberhalb angesprochen: So gut wie keine!

Während weltweit in der letzten Dekade die Großen der Marathonszene das Leistungsniveau beeindruckend steigerten (Mittel der Siegerzeiten der letzten zehn Jahre: Berlin 2:06:03, London 2:06:27, Chicago 2:07:20), blieb Boston weit zurück und bei 2:09:30 stehen. Das ist mittlerweile kaum noch zweitklassig.

Ein direkter Vergleich der Siegerzeiten von Berlin und Boston in der Grafik belegt dies sehr deutlich. Der Streckenrekord in Boston betrug noch vor zwei Jahren 2:07:14, eine solche Zeit lief z.B. einen Tag vor Boston ein durchstartender Hase beim Enschede-Marathon in der holländischen Provinz, und dies wird kaum noch registriert.

Das Starterfeld der letzten Jahre in Boston war stets hochklassig, so dass der hügelige Kurs in Boston in der Tat als schwierig anzusehen ist. Von der enormen Höhendifferenz zwischen Start und Ziel kann man nur bedingt profitieren, dazu ist das Gefälle vor allen am Anfang viel zu hoch. Dazu kommt noch das Fehlen von Tempomachern, und die Getränke müssen sich die Läufer ohne Unterstützung besorgen.

Blowin´ in the wind ...

2011 setzte Mutai alle diese Fakten außer Kraft, seine Siegerzeit lag über 6 Minuten unter dem Schnitt der Siegerzeiten aus den letzten 10 oder 20 Jahren, das sind über 2 km Strecke. Günstige Temperaturen gab es auch schon in den Vorjahren, so dass in den Analysen schnell der Wind als entscheidender Faktor herangezogen wurde. Und der blies in der Tat mit ca. 20 km/h recht heftig, abgesehen von einigen Böen und Schwankungen war das auch in etwa die Geschwindigkeit der Eliteläufer. Damit lief Mutai faktisch in ruhiger Luft und musste kaum eine Leistung aufwenden, um die Luftmassen zu verdrängen, die mit der dritten Potenz der Relativgeschwindigkeit skaliert.

Bei etwa 20 km/h beträgt bei ruhender Luft diese Leistung etwa 15 Watt, die er einsparte, bei Gegenwind von ebenfalls 20 km/h würde die achtfache Leistung, also ca. 120 Watt, aufzubringen sein, die mit Sicherheit Spitzenleistung verhindert hätte. Zu beachten ist dabei, dass in Boston ohne Tempomacher gelaufen wurde, die z.B. bei Hailes Weltrekord auch die Windströmung reduzieren, Haile dürfte in Berlin auch ohne nennenswerten Wind nur wenig Leistung in den Bewegung von Luftmassen vergeudet haben. Vielmehr lässt sich zu diesem Thema fundiert kaum extrahieren.

Interessant vielleicht dazu die Analyse bei LetsRun.com zu den Zeiten der breiten Masse, die sich in Boston über guten Zeiten qualifizieren muss. Der direkte Vergleich zum Vorjahr 2010 ergibt für Platz 1000 eine Verbesserung von + 1:42 (2:55:41), für Platz 5000 von + 2:04 (3:19:55) und für Platz 10000 von + 1:40 (3:38:08). Ein Effekt ist vorhanden, inwieweit der allerdings auch den sehr günstigen Temperaturen zugeschrieben werden muss, wollen wir offenlassen. Ein einfaches Skalieren ergibt einen „Bonus" von ca. 35 Sekunden pro gelaufener Stunde; Mutai läge dann über Hailes Marke. Sinnvoll erscheint aber auch eine solche Analyse kaum.

Ryan Hall als „Superhase"

Einen ganz besonderen Anteil an der überragenden Zeit im Ziel hatte der US-Amerikaner Ryan Hall, der nach Leistungen auf Weltklasse-Niveau vor einigen Jahre danach einen deutlichen Leistungsabfall zeigte. Hall war in Boston von Anfang an bestens aufgelegt, spannte sich sofort vor das Feld und sorgte so - im Gegensatz zu fast allen früheren Läufen in Boston - für ein hohes Anfangstempo. 4:38 für die erste Meile war der Startschuss für ein einmaliges Temporennen.

Bereits nach 5 km in 14:32 und 10 km in 29:08 deutete sich an, dass an diesem Tag die Dinge in Boston anders liefen. Spätestens bei der Halbmarathonmarke in 1:01:58 wurde klar, dass die umfangreiche Spitzengruppe auf Rekordkurs war, aber noch lag der Heartbreak Hill vor den Läufern. Was dann geschah, wird man auch mit Wind, etc. kaum schlüssig erklären können, denn Mutai und Mosop liefen den zweiten Part in knapp über 1:01.

Von 30 km nach 35 km - da liegt die Steigung dazwischen - rannte Mutai in 14:11, und Mosop holte ihn mit 14:07 von 35 km nach 40 km wieder ein. Selbst das Finale ab 40 km im Flachland in 6:14 war höchstes Niveau, wie natürlich auch die Zeit im Ziel: 2:03:02 für Mutai und Debutant (!) Mosop 4 Sekunden dahinter. Wie stark die Leistung der beiden einzuschätzen ist, zeigt die Tatsache, dass der Dritte Gebremariam fast zwei Minuten auf dem Schlussteil verlor.

Hall wurde für seinen mutigen Lauf mit einer Zeit unter 2:05 „belohnt" und dringt damit tief in die Phalanx der ostafrikanischen Marathon-Männer ein.

Hohes Leistungspotential

 

Bei der Bewertung der Bostoner Fabelzeit muss das Leistungspotential der Erstplatzierten berücksichtigt werden. Während das Debut von Mosop schon sehr überraschte (allerdings zeigen 59:20 im Halbmarathon und 26:49 über 10000m ein sehr gutes Niveau auf den Unterdistanzen), kommt die Leistung von Geoffrey Mutai nicht ganz unerwartet. Bereits 2008 und 2009 machte er in Einhoven nicht nur mit Zeiten von 2:07:50 und 2:07:01 von sich Reden, sondern vor allem sein Finish ab 40 km in 6:10 gehört zu den schnellsten Parts im weltweiten Vergleich.

Im Jahr 2010 2:04:55 in Rotterdam und im Regen von Berlin knapp über 2:05. Dann konzentrierte er sich auf den Cross, wurde ganz überlegener kenianischer Meister und spielte bei der Cross-WM bis kurz vor Schluss eine wichtige Rolle. Durch das Marathontraining und den Druck des Verbands auf den Autodidakten, im Camp zu trainieren, verpasste er eine Topplatzierung. Aber für Boston war der Cross natürlich eine hervorragende Vorbereitung, das Resultat besagt alles. Dass er dabei auch noch das Glück des Tüchtigen hatte, kann man ihm unschwer anlasten.

Mutai vs. Mutai

Nach den Eindrücken von Boston dürfte Geoffrey Mutai dieses Leistungsregime auch auf einer „legalen" Strecke bestätigen können. Diesbezüglich wird schon der Kampf gegen Namensvetter Emmanuel vorgeschlagen, der beim London-Marathon gleichfalls mit Kursrekord in 2:04:40 beeindruckte, insb. auch im Schlussteil, als er den Rest eines Weltklassefelds fast stehen ließ. Ob sich diesbezüglich ein Veranstalter findet?

Aber selbst wenn dem so wäre, dass der deutsche TV-Zuschauer von einem solchen Duell bewegte Bilder zu sehen bekommt, ist nicht sicher. Von den tollen Läufen in Rotterdam, Wien, London und Boston gab es gerade eine Livesendung bei Eurosport aus London, ansonsten blieb die Flimmerkiste dunkel. Die öffentlich rechtlichen Anstalten stehen diesbezüglich zu ihrer Abstinenz bei großen Laufevents und übertragen lieber Fußballspiele bis hinab in die dritte Liga in voller Länge.

Boston hat ein Problem

Spätestens mit der Fabelzeit von Mutai hat der Boston-Marathon ein Problem. Die IAAF-Regeln erscheinen sehr sinnvoll und sollten nicht der Tradition eines Laufs geopfert werden. Das wird auch kaum geschehen. Falls der Lauf von 2011 kein einmaliges Event bleiben wird, dann wird man über Alternativen nachdenken müssen, um in den Bestenlisten geführt zu werden. Eine Kursänderung käme kaum in Frage, zumindest nicht für die Massen, für die die Rekordlisten sowieso nicht relevant sind.

Für das kleine Kontingent an Eliteläufer wäre es aber z.B. denkbar, das dieses an der Halbmarathon-Marke in Wellesley beginnt, zunächst einen Viertelmarathon auf dem Kurs Richtung Start läuft, dann in Framingham wendet und ab dort die Strecke wie gehabt läuft. Damit wäre die Regel über die Distanz zwischen Start und Ziel erfüllt. Und auch die Höhendifferenz wäre nun regelkonform.

Wellesley liegt auf 44 m Seehöhe, das Ziel am Copley Square auf 3 m. 41 m auf 42195 m wäre nahezu perfekt!

Helmut Winter