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Dieter Baumann - Bühnenreife Vorstellung des einstigen Olympiasiegers - Wilfried Raatz berichtet

Die vielfältigen Facetten des Dieter Baumann: Aus dem Läufer und Comedian Dieter Baumann wird ein ernsthafter Schauspieler in Siegfried Lenz’ „Brot und Spiele“ – Premiere am Stuttgarter Theaterhaus

Dieter Baumann - Bühnenreife Vorstellung des einstigen Olympiasiegers ©Ulrich Metz/metzfoto

Die Niederlage war eigentlich unvermeidlich für den alternden Langstreckenstar Bert Buchner in seinem letzten großen Rennen, der Beifall für den einstigen 5000 m-Olympiasieger Dieter Baumann am Ende eines zweistündigen Schauspielmonologs im Stuttgarter Theaterhaus aber Sieg, Lob und Anerkennung für eine Leistung, die ihm selbst seine treuen Anhänger aus der Sportszene kaum zugetraut haben.

Dieter Baumann hat eine weitere brillante Seite offenbart. Erfolge als Läufer, Trainer, Motivationscoach und Comedian durfte er bislang schon reichlich einstreichen, als Schauspieler betrat der 46jährige nun auf der Theaterhaus-Bühne ein neues Terrain, das er erstaunlich (selbst)sicher beherrscht wie zuvor schon die Balance zwischen aeroben und anaeroben Belastungselementen der modernen Trainingslehre.

Nicht von ungefähr hat Dieter Baumann für sein Schauspieldebüt den Roman „Brot und Spiele“ von Siegfried Lenz gewählt. Im Mittelpunkt des 1959 erschienen Werkes steht Bert Buchner, ein spätberufener Läufer, der innerhalb von nur wenigen Jahren vom Zufallssieger bei einem Kreisklassenmeeting zu einem über die Leichtathletikszene hinaus weltweit bekannten Laufass aufgestiegen ist. Die Freundschaft zu einem Journalisten, den er in der englischen Kriegsgefangenschaft kennen gelernt hat, ist im Laufe der Karriere zerbrochen, nicht zuletzt wegen der Charakterschwäche Buchners.

Im letzten großen Rennen Buchners, dem Finale der 10.000 m-Europameisterschaften, vollzieht sich selbst beim verhärmten einstigen Freund eine Gefühlsveränderung, aus der eher distanzierten Haltung ist eine Anteilnahme am letztlich auf der Zielgeraden eingebrochenen Bert Buchner geworden. Der Lenz-Roman ist für Dieter Baumann über viele Jahre hinweg ein treuer Wegbegleiter auf vielen Wettkampfreisen, bei Trainingslagern und Wochenendmaßnahmen gewesen, nun hat er als Solist seine eigene Bühnenfassung von „Brot und Spiele“ gespielt. Als Herzensangelegenheit. Schließlich weiß Dieter Baumann selbst, wie es ist, wenn ein einstmals gefeierter und allseits geliebter Star plötzlich in die Rolle des Buhmanns geraten kann.

Auch wenn das Stück Ansätze zu Parallelen und Personen gibt, in einem unterscheidet sich der Läufer Bert Buchner von dem schauspielenden Olympiasieger in gravierender Weise: Die Romanfigur ist ein bekennener Frontläufer, Dieter Baumann eher der begnadete Spurter (siehe Barcelona 1992)  

„Weltklasse“ staunt selbst der einstige 5000 m-Olympiazweite Markus Ryffel aus der Schweiz über den Bühnenauftritt Baumanns. Eine herzliche Umarmung auf der Premieren-Party sagt freilich mehr als viele Worte über die schauspielerische Leistung. Ähnlich beeindruckt wie Markus Ryffel waren auch viele Freunde und Weggefährten, die der Premiere im Stuttgarter Theaterhaus beiwohnten. Die vielfältigen Talente, zuletzt sichtbar im Kabarettstück „Körner, Currywurst und Kenia“, werden bei „Brot und Spiele“ auf den Bühnenbrettern noch einmal getoppt.

Textsicher beherrscht Dieter Baumann die Charakterrollen des im Krieg verwundeten Journalistenfreunds, des Rundfunkreporters bei Buchners letztem Europameisterschaftsrennens, des Laufstars Bert Buchner und des Moderators im Szenenwechsel. „Glaubt mir, das ist schwieriger als Laufen!“ so ein sichtlich entspannter Dieter Baumann im Kreise der Premierengäste.

Unter der Regie von Carola Schwelien hat Dieter Baumann eine überzeugende Leistung geboten, das spärliche Bühnenbild von Illona Lenk lässt den erforderlichen Raum für die einzelnen Charakterrollen. Hier der einarmige, verbitterte Journalist, der Rotwein trinkend und Zigaretten rauchend missmutig einhändig auf der alten Schreibmaschine kläppert, da der ins Mikrofon schreiende Reporter im Stadion und dort der gehätschelte Laufstar oder der die Handlung zusammenfassende Moderator, der immer wieder zum abgefingerten, leicht vergilbten dtv-Taschenbuch greift und ausgewählte Passagen vorliest.

Vier Monate lang hat sich Dieter Baumann auf diesen neuen Abschnitt seiner längst vielgestaltigen Karriere vorbereitet – so lange wie eine gewissenhafte Marathonvorbereitung durchaus dauert. Für ein Bühnenstück, das gerade einmal so lang ist wie der aktuelle Weltrekord über die 42,195 km-Strecke.

Bert Buchners Niederlage gegen die Hellströms, Mussos oder Seaborns ist ein Sieg für den einstigen Olympiasieger Dieter Baumann und eine weitere Kostprobe seiner außergewöhnlichen Talente.

 

Wilfried Raatz

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