• Dr. Dr. med. Lutz Aderhold
    Dr. Dr. med. Lutz Aderhold © privat
  • Aderhold/Weigelt: Laufen! Laufen hält jung, wirkt präventiv und hat im Alter, aber auch bei vielen chronischen Erkrankungen zahlreiche positive Effekte – vorausgesetzt, man übertreibt es nicht!
    Aderhold/Weigelt: Laufen! Laufen hält jung, wirkt präventiv und hat im Alter, aber auch bei vielen chronischen Erkrankungen zahlreiche positive Effekte – vorausgesetzt, man übertreibt es nicht! © Schattauer Verlag
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Laufen - eine Volkskrankheit? Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

In diesem Sinne: betreiben Sie den Laufsport mit Herz und Gehirn und lassen Sie sich von solchen Überschriften nicht verunsichern.

Die Ausgabe Nr. 20 der Zeitschrift „stern“ macht mit der Schlagzeile „Volkskrankheit Laufen – Was falsches Training anrichtet – und wie Sie richtig joggen“ auf. Folgend sollen die wichtigsten Kernaussagen beleuchtet werden:

Laut „stern“ ist die Diagnose erschreckend: „Wir joggen zu viel, zu schnell und mit den falschen Schuhen. Gesund ist das schon lange nicht mehr.“ … „Wir rennen so verbissen wie keine andere Nation in Europa. Deutsche Jogger legen im Durchschnitt 6,4 Kilometer pro Laufeinheit zurück und sind damit Spitzenreiter.“ … „Laut einer Studie der AOK trainieren zwei Drittel aller deutschen Freizeitläufer so, dass sie ihre Gesundheit gefährden oder ihr sogar schaden. 60 Prozent sind zu schnell unterwegs. So wird der Volkssport zur Volkskrankheit.“ … „Bis zu 80 Prozent der 17 Millionen Läufer in Deutschland sind mindestens einmal im Jahr verletzt“ … „weil sie falsch trainieren, die falschen Schuhe tragen und falsch auftreten.“

Das Verletzungsrisiko und der Schweregrad sind im Langstreckenlauf im Vergleich zu anderen Sportarten gering. Akute Verletzungen treten selten auf, meist handelt es sich um Überlastungsbeschwerden der unteren Extremität und es Kreuz- und Rückenbereichs. Als erhöhte Risiken gelten Vorverletzungen, ein geringes Trainingsalter und ein Laufumfang von mehr als 60 km pro Woche. Lesen Sie hierzu den Beitrag auf dieser Homepage:

Wie viel Laufen ist gesund?

Professor Thomas Wessinghage: „Würden sich die Menschen mit weniger und kleineren Fortschritten zufrieden geben, hätten wir diese Probleme nicht. Leute, lauft, aber macht es richtig! Seid nicht zu ambitioniert, überschätzt eure eigenen Fähigkeiten nicht, hört die Signale eures Körpers!“

Dieser Aussage des früheren Weltklasseläufers darf man getrost zustimmen. Der Ausdauersport Laufen ist gesund, wenn er maßvoll betrieben wird. Dies ist in unzähligen Studien als evident nachgewiesen worden. Durch ein intensiviertes Lauftraining wird man zwar noch leistungsfähiger, aber nicht unbedingt gesünder.

„Eine Umfrage unter rund 7000 Teilnehmern des Berlin-Marathons zeigte, dass 22 Prozent übertrainiert waren und an chronischer Müdigkeit und Erschöpfung bis hin zu Depressionen litten.“

Die Problematik des Übertrainings ist bekannt. Es ist aber zu bezweifeln, dass 22 Prozent der Teilnehmer des größten deutschen Marathons übertrainiert waren bzw. Zeichen chronischer Müdigkeit oder Depression hatten. Auch zu diesem spannenden Thema finden Sie hier auf dieser Homepage nähere Informationen:

Burn-out- und Übertrainingssyndrom  

„Dabei ist das Laufen an sich gar nicht das Problem.“ … „Entspannt eingesetzt, ist es die perfekte Medizin gegen Stress und eine Vielzahl körperlicher Gebrechen. Joggen kann vor Krebs, Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Wer jeden Tag nur 15 Minuten zum Beispiel locker trabt, verringert sein Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, um 20 Prozent. Und verlängert sein Leben durchschnittlich  um drei Jahre.“

Laufen ist hervorragend geeignet zur Prävention und Behandlung von Bewegungsmangelkrankheit. Außerdem stellt Laufen eine einfache, effektive und kostengünstige Methode dar, um sich fit zu halten (Aderhold und Weigelt 2012). Wer regelmäßig läuft, kann seine Lebenserwartung erheblich erhöhen. Bisher unveröffentlichte Daten aus der „Copenhagen City Heart Study“, die auf dem Präventionskongress EuroPRevent 2012 in Dublin vorgestellt wurde, besagen, dass dauerlaufende Männer eine um 6,2 Jahre und Frauen eine um 5,6 Jahre höhere Lebenserwartung haben.   

„Während das Kreislaufsystem relativ schnell regeneriert,“ (hier ist wohl reagiert gemeint) „braucht der Bewegungsapparat Monate um sich an die Belastung zu gewöhnen.“

„Die richtige Ausrüstung ist wichtig, doch das passende Modell zu finden ist schwer.“ … Einige Schuhe sind so stark gepolstert, dass sie jene Stöße abpuffern, die die Knochen benötigen, um fester zu werden.“ … „… bei Läufern mit dicken Sohlen eine Zunahme von Verletzungen an der Achillessehne nachwiesen. Auch deswegen wählen immer mehr Läufer nun das andere Extrem. Sie ziehen Schlappen mit ultradünner Sohle wie die so genannten Fivefingers über.“

Schuhe sind der wichtigste Ausrüstungsgegenstand des Läufers und entsprechend kritisch sollten Sie bei der Auswahl sein. Genaue Informationen zu diesem Thema gibt es auch hier auf dieser Homepage:

Kriterien zur Laufschuhauswahl und Trends in der Schuhentwicklung

„Heute warnen Wissenschaftler eindringlich vor heftigen Landungen auf den Zehenballen. Die dabei wirkenden Kräfte sind für die meisten Hobbyläufer zu stark. Vor allem Wadenmuskeln und Gelenke werden überfordert.“ … „Der schlimmste Fehler beim Laufstil – ob Anfänger oder Fortgeschrittene – sind zu große Schritte.“ … „es belastet die Gelenke enorm.“ … „Umso wichtiger sind kleinere Schritte.“ …“Man sollte flach auftreten, mit dem mittleren Teil des Fußes aufkommen und dann die Ferse auf den  Boden absenken. So sind Fußgewölbe und Muskeln am besten in der Lage, ihre Aufgabe als natürliche Stoßdämpfer zu verrichten.“         

Ein guter Laufstil wirkt präventiv und steigert die Leistung. Auch zu diesem Thema werden Sie hier demnächst einen Beitrag finden:

Biomechanik und Laufstil

Fazit: Wenn man die Überschrift des Artikels im „stern“ liest könnte man meinen, Laufen wäre eine verletzungsanfällige Sportart. Der gesundheitliche Nutzen des Ausdauersports Laufen überwiegt gegenüber den Risiken deutlich. Es ist schade, dass ein Artikel, der viele richtige Aussagen enthält, mit einem solchen Titel publiziert wird.

In reißerischer Aufmachung von einer „Volkskrankheit“ zu sprechen, verfehlt das Thema und kann nur dazu beitragen, Bewegungsmuffel weiterhin von einem „bewegten“ Leben abzuhalten - nach dem Motto: „Ich wusste es doch schon immer: Laufen ist ungesund.“ Wenn man schon von Volkkrankheiten sprechen will, so sind hier in erster Linie die Bewegungsmangelkrankheiten Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Diabetes mellitus und Übergewicht zu nennen.

In diesem Sinne: betreiben Sie den Laufsport mit Herz und Gehirn und lassen Sie sich von solchen Überschriften nicht verunsichern.

Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Literatur:

Aderhold L, Weigelt S. Laufen! … durchstarten und dabeibleiben – vom Einsteiger bis zum Ultraläufer. Stuttgart: Schattauer 2012.

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Das Buch von Aderhold/Weigelt:

Aderhold/Weigelt: Laufen! Die Buchvorstellung aus dem Schattauer Verlag