• Dr. Dr. med. Lutz Aderhold - Magen-Darm-Beschwerden und Laufsport
    Dr. Dr. med. Lutz Aderhold - Magen-Darm-Beschwerden und Laufsport © privat
  • Aderhold/Weigelt: Laufen!
    Aderhold/Weigelt: Laufen! © Schattauer Verlag
  • | MEDIZIN

Magen-Darm-Beschwerden und Laufsport - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Ein Drittel der Läufer ist dabei in der Leistungsfähigkeit beeinträchtigt (Mooren und Stein 2011). Je länger die Strecke ist, desto häufiger treten diese Probleme vor allem im Wettkampf auf.

Der Magen-Darm-Trakt spielt eine wichtige Rolle in der Energieversorgung, im Elektrolyt- und Wasserhaushalt, in der Produktion von gefäßaktiven Substanzen und Hormonen sowie in der Immunabwehr. Bei intensiven Belastungen können Störungen der Motilität, der Sekretion, der Schleimhautdurchblutung sowie der Immunabwehr auftreten.

Probleme im Bereich des oberen Verdauungstrakts zeigen sich in Übelkeit, Aufstoßen, Sodbrennen und Erbrechen, im unteren Verdauungstrakt in Bauchkrämpfen, Völlegefühl, Blähungen, Stuhldrang, Durchfall und Blut im Stuhl (Mooren 2004).

Nach einem anstrengenden Lauf (hohe Intensität oder lange Dauer) treten bei bis 60 Prozent der Sportler Magen-Darmbeschwerden wie Sodbrennen, Bauchkrämpfe, Völlegefühl, Blähungen und Durchfall auf, wobei der untere Verdauungstrakt doppelt so häufig betroffen ist wie der obere.

Ein Drittel der Läufer ist dabei in der Leistungsfähigkeit beeinträchtigt (Mooren und Stein 2011). Je länger die Strecke ist, desto häufiger treten diese Probleme vor allem im Wettkampf auf. Bei langsamen Trainingsläufen kommen diese Problematiken seltener vor. Diese Art des Trainings hat sogar einen regulativen Effekt auf die Verdauung und mindert Darmträgheit und Verstopfung.

Untersuchungen haben ergeben, dass nach Ultraläufen 4/5 der Läufer einen positiven Befund auf Blut im Stuhl haben. Da wird schon deutlich, welche „Stressbelastung" solche Wettkämpfe darstellen. Als Ursache der Darmblutungen wird vor allem die bis zu 80% verminderte Darmdurchblutung unter diesen extremen Belastungen diskutiert.

Eine Dehydrierung und Hyperthermie wirken sich zusätzlich negativ auf die Blutversorgung aus. Auch mechanisch bedingte Schleimhautverletzungen durch Reibung der Darmwände aneinander und durch festen Stuhl werden angenommen. Das Spektrum der Beschwerden reicht von harmlosen funktionellen Störungen bis zu entzündlichen Schleimhautveränderungen, Ulzerationen und Blutungen. 

Die starke Zunahme der Blutzirkulation in der Arbeitsmuskulatur und der versorgenden Organe findet auf Kosten des Blutflusses im Magen-Darm-Bereich statt. Dies kann zu verzögerter Magenentleerung mit Übelkeit und Erbrechen führen. Die belastungsinduzierte Diarrhoe tritt häufig im Langstreckenlauf auf und wird auch als „Läuferdiarrhoe" bezeichnet. Als Ursache für Durchfall und das häufige „in die Büsche" müssen werden eine verminderte Durchblutung des Magen/Darmtraktes, Abnahme der Resorption und Zunahme der Sekretion, Verkürzung der Transitzeit durch Bewegungssteigerung des Dickdarms und mechanische Belastungen durch das Laufen diskutiert.

Natürlich kann auch eine Infektion dahinter stecken. Bakterien (Staphylokokken, Kolibakterien, Salmonellen), Viren (Rotaviren, Norovirus), Würmer oder andere Mikroorganismen, die auf verdorbenen Lebensmitteln in unseren Körper gelangen, mag unser Darm überhaupt nicht. Um diese Störenfriede so schnell wie möglich wieder loszuwerden, erhöht der Darm seine Aktivität beträchtlich. Der Stuhldrang vor dem Start ist meist psychogen („Lampenfieber") bedingt.

Häufig verursachen blähende, ballaststoffreiche und fette Kost, Nahrungsmittelunverträglichkeiten (z.B. Laktose- und Fruktoseintoleranz), hypertone Elektrolytlösungen, Salztabletten, zu große Flüssigkeitsmengen und eine zu kurze Zeitspanne zwischen Mahlzeit und Wettkampf Magen-Darm-Beschwerden. Große Schweißverluste bei zu geringer Flüssigkeitsaufnahme können während des Wettkampfes zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Auch heftiges Erbrechen kann zu starker Dehydrierung und Elektrolyt-verschiebungen (Natriumverlust) führen.

Der gastroösophageale Reflux (GER) ist eine relativ häufig beim Sport auftretende Störung und die Ursache von Sodbrennen und saurem Aufstoßen, wobei sehr intensive Belastungen, besonders im Leistungs- und im ambitionierten Freizeitsport mit Wettkampfcharakter, für ein häufigeres Auftreten und Ausprägung von Refluxbeschwerden verantwortlich gemacht werden (Lachtermann und Jung 2006). Zusätzlich können auch eine verstärkte Magensekretion, eine verzögerte Magenentleerung und eine Erschlaffung des unteren Speiseröhrenbereichs ursächlich gemacht.

Bei besonders intensiven und anhaltenden Beschwerden ist eine fachärztliche Abklärung dringend anzuraten. Eine koronare Herzkrankheit sollte bei retrosternalem (hinter dem Brustbein) Brennen ausgeschlossen werden.

Aufstoßen, Würgen, Völlegefühl und Sodbrennen treten meist dann auf, wenn bereits eine Funktionsstörung des Mageneingangs vorliegt. Insbesondere bei längeren Wettkämpfen hat man  Schädigungen der Magenschleimhaut im Sinne einer erosiven Gastritis beobachtet. Auch hier wird als Ursache eine Unterversorgung der Schleimhaut durch den verminderten Blutfluss diskutiert. Der chronische Gebrauch von Schmerzmitteln und Antiphlogistika (z.B. Diclofenac, Aspirin®) kann zu Geschwüren und Blutungen führen.

Demgegenüber führt die kurzfristige Einnahme dieser Mittel selten zu einer Magen-Darm-Blutung. Ein Reizmagen ohne funktionelle Störung kann durch die psychische Belastung des Wettkampfs hervorgerufen werden. Bei Auftreten von sichtbaren Blutbeimengungen zum Stuhl sollte auf jeden Fall ein Arzt konsultiert werden. In den meisten Fällen sind diese Blutungen allerdings harmlos und nicht behandlungsbedürftig.

Ursachen für Magen-Darm-Beschwerden:

-       Intensive und lang dauernde Belastungen

-       Sauerstoffmangel (reduzierter Blutfluss)

-       Mechanische Belastungen (Druckerhöhung, Erschütterung)

-       Ernährungsfehler (Unverträglichkeiten, hohe Nährstoffdichte, hoher Ballaststoffanteil)

-       Psychovegetativer Stress

-       Medikamente (Schmerzmittel, Antiphlogistika, Antibiotika)

Therapie

Ein Wechsel der Trainingsintensität sowie der Belastungsart führen häufig zur Besserung  von Sodbrennen und saurem Aufstoßen. Generell sollten eine übermäßige Nahrungsaufnahme und schwer verdauliche Nahrungsmittel (z.B. Fett) kurz vor der Belastung vermieden werden. Bei keiner Besserung durch diese Maßnahmen kann die Einnahme von Cimetidin oder Ranitidin eine Stunde vor dem Lauf helfen.

Auch der Einsatz von Protonenpumpenhemmern (Omeprazol) ist möglich. Bei einem Reizmagen kann auch das pflanzliche Medikament Iberogast® versucht werden, das antientzündlich und die Schleimhaut schützend wirkt. Bei krampfartigen Beschwerden können auch Spasmolytika und bei Übelkeit Prokinetika eingesetzt werden. Eine medikamentöse Behandlung sollte aber mit dem Arzt abgesprochen werden.

Ballaststoffreiche Rohkost verursacht häufig Blähungen (Erbsen, Bohnen, Linsen, Rosenkohl, Zwiebeln, Knoblauch, Sellerie, Karotten, Pflaumen, Weizenkleie, Vollkornbrot) und Durchfälle. Diese Lebensmittel gehören nicht in die Vorwettkampfernährung. Auch mit Gewürzen sollte man vorsichtig sein, obwohl Curry und Kümmel die Verdauung unterstützen sollen. Hochkalorische Nahrung sowie hohe Fett- und Proteinanteile sollten in den letzten 2 Stunden vor der Belastung vermieden werden.

Als Maßnahmen kommen eine faserarme Kost und leicht verdauliche Nahrung vor und während des Wettkampfes in Betracht. Gegen Durchfall soll langgezogener Schwarz- oder Grüntee (Gehalt an Gerbsäuren) eine Stunde vor dem Start wirken. Gut bewährt hat sich die kurzfristige Einnahme eines Motilitätshemmers wie Loperamid. Mit Stressbewältigungsstrategien kann der Einfluss des vegetativen Nervensystems reduziert werden.

Bei Durchfall werden meist gut vertragen und wirken stopfend: geriebener Apfel und Banane, Karottensuppe, Hafer- und Reisschleim, Zwieback, Kartoffelpüree, Kekse. Zwischen Hauptmahlzeit und Wettkampf sollten mindesten 3 Stunden liegen, um eine große Magenfüllung vor der Belastung zu vermeiden. Als Getränke sind Kräutertees (Kamille, Fenchel) gut verträglich.

Wichtig ist vor allem, nichts Ungewohntes vor und währen des Trainings und Wettkampfes zu essen und zu trinken. Es muss immer ausprobiert werden, was individuell vertragen wird (Aderhold und Weigelt 2012). Vor allem Fruchtsäfte (Fruktose), auch als Schorle, verursachen häufiger Magen-Darm-Probleme. Hypertone kohlenhydrathaltige Getränke können Wasser aus dem Gewebe ins Darmlumen ziehen und Durchfall und Darmkrämpfe auslösen.

Leicht hypotone Getränke werden meist besser vertragen. Auch hastiges Trinken kann zu Bauchbeschwerden führen. Durch eine sportgerechte Ernährung und bedarfsgerechte Flüssigkeitszufuhr können Motilitätsstörungen und unangenehme Magen-Darm-Beschwerden vermieden und die Darmflora harmonisiert werden.

Bei bestehenden Magen-Darm-Erkrankungen sollte die Trainings- und Wettkampfplanung in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. In der akuten Phase einer Ulkuskrankheit und bei einer Kolitis sollte bis zum Abklingen der Entzündungszeichen pausiert werden. Im inaktiven Stadium ist Sport möglich. Bei einem bestehenden Morbus Crohn sollte im akuten Stadium kein Sport betrieben werden, da es Hinweise auf einen Zusammenhang der Belastungsintensität mit dem Ausmaß der  Symptomatik gibt. Im inaktiven Stadium ist ein moderates Training möglich. Bei Krebserkrankungen wirken sich aerobe Belastungen positiv aus. Regelmäßige körperliche Aktivität reduziert das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken.    

Prävention und Therapie von Magen-Darm-Beschwerden:

-       Angepasste Trainings- und Wettkampfplanung

-       Sportgerechte Ernährungsweise (Unverträglichkeiten beachten)

-       Stressmanagement

-       Medikamentöse Behandlung (nach ärztlichem Rat)

Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Literatur:

  

Aderhold L, Weigelt S. Laufen! ... durchstarten und dabeibleiben - vom Einsteiger bis zum Ultraläufer. Stuttgart: Schattauer 2012.

Lachtermann E, Jung K. Sport und gastrointestinales System - Einfluss und Wechselwirkungen. Dtsch Arztebl 2006; 103: A2116-20.

Mooren F. Belastungsinduzierte Diarrhoe. Dtsch Z Sportmed 2004; 55: 264-5.

Mooren FC, Stein B. Schadet Marathonlaufen dem Gastrointestinalen System? Dtsch Z Sportmed 2011; 62: 304-9.

Weitere Beiträge von Dr. Dr. Lutz Aderhold:

Warum Laufen? - Vom Wohlstandssyndrom zur Fitness - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Essstörungen und Laufsport - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Borreliose und FSME - Zecken sind des Läufers Feind - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Biomechanik und Laufstil - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Laufen mit Musik im Training und Wettkampf - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Realistische Zielzeit - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Laufen - eine Volkskrankheit? Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

 

Warum sind Frauen langsamer? Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Dehnen - wann und wie? - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Sicherheit beim Laufen - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold


Kriterien zur Laufschuhauswahl und Trends in der Schuhentwicklung - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

 
Anti-Doping-Richtlinien 2012 - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Wie viel Laufen ist gesund? - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Atmung und Atemtechnik - die Leistung beeinflussende Faktoren - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Laufen im Winter - Bevor die Kältewelle anrollt ... - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Temperaturmanagement zur Vor- und Nachbereitung im Langstreckenlauf - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Gesundheitstipps für die Feiertage - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold gibt Ratschläge

Burn-out- und Übertrainingssyndrom - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Das Buch von Aderhold/Weigelt:

Aderhold/Weigelt: Laufen! Die Buchvorstellung aus dem Schattauer Verlag