• Dr. Dr. med. Lutz Aderhold - Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung
    Dr. Dr. med. Lutz Aderhold - Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung © privat
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    Aderhold/Weigelt: Laufen! © Schattauer Verlag
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Sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung - Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Für jeden aktiven Ausdauersportler sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, jährlich eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung vornehmen zu lassen. Dies gilt auch, wenn Sie vorhaben, eine regelmäßige Trainingsaktivität aufzunehmen oder nach einer längeren Pause wieder einsteigen wollen.

Bevor die Tugenden des Laufsports ihre Wirkungen entfalten können, gilt es, sich gegen die wirklich wenigen Gegenanzeigen bezüglich des Laufens abzusichern. In der Öffentlichkeit sorgt der plötzliche Herztod bei Sportlern immer wieder für Schlagzeilen.

Sportärztliche Vorsorgeuntersuchungen helfen aber nicht nur, laufspezifische Besonderheiten zu klären, sondern auch grundsätzlich Gefährdungen sowie Krankheiten frühzeitig zu erkennen und können damit dazu beitragen, das gesundheitliche Risiko erheblich zu verringern (Aderhold und Weigelt 2012). Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) hat 2007 eine Leitlinie „Vorsorgeuntersuchung im Sport" herausgegeben (www.dgsp.de).

Sportärztliche Vorsorgeuntersuchungen dienen der Erkennung latenter oder bereits vorhandener Krank-heiten, die eine Gefährdung darstellen können. Die Vorsorgeuntersuchung soll gesundheitliche Risiken mindern oder vermeiden helfen und eine optimale Ausübung von Sport und körperlicher Aktivität für jeden Sporttreibenden ermöglichen. Eine absolute Sicherheit ist aber auch bei unauffälligem Ergebnis der Vorsorgeuntersuchung nicht gegeben.

Die Zielgruppe für eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung sind Neu- und Wiedereinsteiger im Bereich Freizeit- und Breitensport, ambitionierte Freizeitsportler sowie Leistungssportler. Weitergehende Empfeh-lungen gelten für Kaderathleten und Spitzensportler. 

Eine sportärztliche qualifizierte, gesundheitsorientierte Vorsorgeuntersuchung umfasst internistische und orthopädische Untersuchungsinhalte, die sich auch sportartspezifisch orientieren sollten. In einem weiteren Schritt kann dem Sporttreibenden eine Belastungsuntersuchung angeboten werden. Daraus können die Belastbarkeit ermittelt und Trainingsempfehlungen abgeleitet werden.

Untersuchungsprogramm

Es wird die Eigen- und Familienanamnese (Krankheitsgeschichte) erhoben. Dies kann durch einen Fragebogen erfolgen, der vom Arzt durch gezielte Fragen ergänzt wird. Hier sind Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und des Bewegungsapparates von besonderer Bedeutung. Auch der Impfstatus und Medikamenteneinnahmen sollten geklärt werden.

Die Untersuchung kann anhand des klinischen Untersuchungsbogens erfolgen. Bei den apparativen Untersuchungen wird das Ruhe-EKG als obligate Untersuchung empfohlen (Scharhag 2007, Löllgen et al. 2010, Löllgen 2012). Allerdings wird die Notwendigkeit kontrovers diskutiert, da es keine kontrollierten Studien zu der Frage gibt, ob ein EKG dazu beiträgt, die Zahl plötzlicher kardialer Todesfälle beim Sport zu reduzieren (Lawrenz 2012).

Ein Belastungs-EKG sowie Echokardiographie (Urhausen und Kindermann 2001) und weiter-führende diagnostische Untersuchungen erfolgen nur bei Vorliegen bestimmter Symptome und Befunde sowie bei älteren Personen (Männer über 45 und Frauen über 55 Jahre - Löllgen et al. 2010). Die Lungenfunk-tionsprüfung umfasst die Bestimmung der Vitalkapazität und der Einsekundenkapazität.

Veränderungen im Ruhe-EKG als Trainingsfolge sind häufig und können in der Bewertung Probleme bereiten. Als trainingsbedingt gelten: Sinusbradykardie (niedrige Herzfrequenz), AV-Bock 1. Grades, inkompletter Rechtsschenkelblock, frühe Repolarisation, isoliert überhöhte QRS-Voltagen (erhöhter Sokolow-Lyon-Index). Diese Veränderungen können bei bis zu 80% der Ausdauersportler auftreten, normalisieren sich meist unter Belastung und gelten als Normvariante ohne Krankheitswert (Scharhag 2007, Corrado et al. 2010).

Im Belastungs-EKG ablesbare Risikofaktoren sind: geringe maximale Watt-Leistung, langsamer Herzfre-quenzrückgang nach Belastung, ST-Streckensenkung, Linksschenkelblock, paarig (Couplets) oder in Salven einfallende ventrikuläre Extrasystolen (Extraschläge) und Blutdruckabfall unter Belastung (Kleinmann 2009).  

Bei klinisch orthopädischen Auffälligkeiten sind weiterführende diagnostische Maßnahmen einzuleiten, da hierdurch häufig erst eine genaue Beurteilung der Belastbarkeit auch in Bezug auf den ausgeübten Sport festgelegt werden kann.

Die Bestimmung von Laborwerten in Form eines Screenings ist umstritten. Allgemeingültige Empfehlungen sind kaum möglich. Bei Personen unter 35 Jahren besteht keine obligate Indikation für Laborunter-suchungen. Bei Personen über 35 Jahren und vorliegen von Risikofaktoren sollten auch verschiedene Laborwerte im Rahmen eines kleinen Blutbildes und weiterer Parameter je nach individueller Fragestellung bestimmt werden.

Ein einfacher Selbst-Check

Ein einfacher Fragebogen als persönlicher Gesundheitscheck wurde von führenden Medizinern und sportmedizinischen Instituten in Deutschland entwickelt und wird auch von German Road Races e.V. (GRR) (www.germanroadraces.de) empfohlen. 

Insbesondere wenn Sie eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „Ja" beantworten, ist eine sportmedizinisch-kardiologische Untersuchung anzuraten:

-          Hat Ihnen jemals ein Arzt gesagt, Sie hätten „etwas am Herzen" und Ihnen Bewegung und Sport nur unter medizinischer Kontrolle empfohlen?

-          Sind Sie über- oder untergewichtig?

-          Liegt Ihr Bauchumfang über 88 Zentimeter (bei Frauen) beziehungsweise über 102 Zentimeter (bei Männern)?

-          Sind Sie älter als 35 Jahre und über längere Zeit nicht sportlich aktiv gewesen?

-          Sind im Rahmen von Blutdruckkontrollen erhöhte Blutdruckwerte festgestellt worden?

-          Sind auffällige Blutfettwerte bei Ihnen festgestellt worden?

-          Rauchen Sie oder haben Sie über eine längere Lebensspanne geraucht?

-          Gibt es in Ihrer direkten Verwandtschaft Fälle von Bluthochdruck, Herzkranzgefäßverkalkung/Herzinfarkt, Blutzuckererkrankung oder Schlaganfall?

-          Sind Sie zuckerkrank?

-          Hatten Sie in den vergangenen Monaten Herzrasen, Luftnot oder Schmerzen in der Brust, gleichgültig ob in Ruhe oder unter körperlicher Belastung?

-          Nehmen Sie Medikamente gegen Bluthochdruck, Herz- oder Atembeschwerden ein?

-          Haben Sie jemals Schwindel oder Ohnmachtszustände in Ruhe oder unter körperlicher Belastung erfahren?

-          Bestehen Beschwerden oder Erkrankungen des Bewegungsapparates, die unter körperlicher Aktivität zunehmen können?

Eine Online-Befragung der Deutschen Sporthochschule von 10.025 Langstreckenläufern (Leyk et al. 2008) zeigte, dass nur 50% der Männer und 45% der Frauen sportärztliche Untersuchungen in Anspruch nehmen.

Dabei lassen leistungsorientierte Sportler (59,9%) deutlich öfter eine sportärztliche Gesundheits-untersuchung durchführen als Freizeit/Breitensportler (46,8%) oder Neu-/Wiedereinsteiger (42,0%). Bedenklich ist, dass viele ältere Freizeit/Breitensportler wie auch Neu-/Wiedereinsteiger keine sportärztliche Gesundheitsüberprüfung vornehmen lassen. Bei diesem Personenkreis liegt ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen an Herz, Kreislauf und Bewegungsapparat vor.

Aus präventiv-medizinischer Sicht ist diese Situation unbefriedigend. Eine Ursache für die geringe Inanspruchnahme könnte in den entstehenden Kosten liegen, denn diese werden nur im Rahmen des Gesundheits-Check-up von den Krankenkassen übernommen. Darüber hinaus gehende Untersuchungen sind als individuelle Gesundheitsleistungen privat zu zahlen.

Im Hinblick auf den hohen Stellenwert der Prävention sollte über die Kostenübernahme einer solchen Vorsorgeuntersuchung im Sport in Zukunft ernsthaft diskutiert werden. 

Für jeden aktiven Ausdauersportler sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, jährlich eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung  vornehmen zu lassen. Dies gilt auch, wenn Sie vorhaben, eine regelmäßige Trainingsaktivität aufzunehmen oder nach einer längeren Pause wieder einsteigen wollen. Personen unter 35 Jahren wird alle 2 Jahre eine Vorsorgeuntersuchung empfohlen. Personen über 35 Jahren oder mit vorliegenden Risikofaktoren sollten sich jährlich untersuchen lassen. Diese Empfehlung ist allerdings nicht wissenschaftlich abgesichert. Während man auf die immer wieder beworbenen Laktat-Tests durchaus verzichten kann, sind Ausgaben für ein Belastungs-EKG und eine Echokardiographie sinnvoll und zur Prophylaxe eines plötzlichen Herztodes beim Sport ideal (Kleinmann 2006).

Die Regenerationszeit und die Zeit des Grundlagenausdauertrainings sind der ideale Zeitpunkt, die fällige Vorsorgeuntersuchung durchführen zu lassen. Gibt der Arzt dann sein o.k., kann es mit der richtigen Ausrüstung losgehen und:

„Beurteilen Sie Ihr Laufen nicht nach der Geschwindigkeit. Beurteilen Sie es danach, wie Sie sich fühlen und was Ihnen Ihr Arzt rät" (Amby Burfoot).

Fazit:

-          Vorsorgeuntersuchungen werden ganz allgemein und speziell von Läufern zu wenig wahrgenommen.

-          Lassen Sie vor dem Einstieg ins Lauftraining eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung durchführen.

-          Machen Sie jährlich einen Gesundheits-Check bei Ihrem Arzt.

-          Das interessiert den Arzt: Die Untersuchung sollte sportartspezifisch orientiert sein.

Dr. Dr. med. Lutz Aderhold

Der GRR-Fragenkatalog zur Gesundheit:

Ihre Gesundheit ist uns sehr wichtig: German-Road-Races e.V.-  in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Präventionwill Sie aktiv bei Ihrer sportlichen Aktivität unterstützen.

Literatur:

  

Aderhold L, Weigelt S. Laufen! ... durchstarten und dabeibleiben - vom Einsteiger bis zum Ultraläufer. Stuttgart: Schattauer 2012.

Corrado D, Pelliccia A, Heidbüchel H et al. Recommendations for interpretation of 12-lead electrocardiogram in the athlete. Eur Heart J 2010; 31: 243-59.

Kleinmann D. Laufen und Walking im Alter: Gesundheitliche Auswirkungen und Therapiegrundsätze aus sportmedizinischer Sicht. Wien: Springer 2006.

Kleinmann D. Laufnebenwirkungen: Vom Ermüdungsbruch zum plötzlichen Herztod: Was können Sie dagegen tun? Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 2009.

Lawrenz W. Das Ruhe-EKG in der Sportmedizinischen Untersuchung von Kindern und Jugendlichen - ist es notwendig? Dtsch Z Sportmed 2012; 63: 111-3.

Leyk D, Rüther T, Wunderlich M, Sievert A, Erley O, Löllgen H. Inanspruchnahme und Durchführung von sportärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Dtsch Arztebl 2008; 105: 609-14.

Löllgen H, Leyk D, Hansel J. Sportärztliche Vorsorgeuntersuchung im Breiten- und Freizeitsport. Internistisch-kardiologische Aspekte. Dtsch Arztebl 2010; 107: 742-9.

Löllgen H. Zur Diskussion: Sportärztliche Vorsorgeuntersuchung: Umfang und Inhalte. Dtsch Z Sportmed 2012; 63: 148-151.

Scharhag J. Das Sportler-EKG. Dtsch Z Sportmed 2007; 58: 184-5.

Urhausen A, Kindermann W. Echokardiographie in der Sportmedizin. Dtsch Z Sportmed 2001; 52: 231-2.

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Das Buch von Aderhold/Weigelt:

Aderhold/Weigelt: Laufen! Die Buchvorstellung aus dem Schattauer Verlag