• Prof. Helmut Digel - Wettbewerb der Sportarten
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Wettbewerb der Sportarten - Prof. Helmut Digel

In Deutschland folgen nach dem Fußball Handball, Skisport, Basketball und Formel 1.

Die Behauptung, dass sich Sportarten in einem Wettbewerb befinden, kann auf den ersten Blick überraschen. Biathlon oder Leichtathletik gibt es nur einmal, gleiches gilt für Handball oder Tischtennis. Hat eine Sportart eine bestimmte Organisation aufzuweisen, so ist die Sportart Monopolist für ein bestimmtes Sportangebot.

Diese Monopolstellung wird der Sportart vom Gesetzgeber eingeräumt, deshalb kann es z.B. auch in der deutschen Dachorganisation, dem DOSB, immer nur einen Mitgliedsverband für eine Sportart geben.

Gleiches gilt für die europäische Ebene. Auch für das IOC gibt es in Bezug auf eine Sportart immer nur einen einzigen Ansprechpartner. Die Olympischen Sportarten sind somit in der Regel keiner internen Konkurrenz ausgesetzt. Sie werden auf der Grundlage kodifizierter Regeln betrieben. Finden sich genug Menschen, die bereit sind, sich dem jeweiligen Regelkonzept einer Sportart zu unterwerfen, so ist das Überleben einer Sportart gesichert.

Manche Sportarten unterliegen insofern einer internen Konkurrenz, als sie verschiedene Disziplinen aufweisen, die eine unterschiedliche Attraktivität für die Sporttreibenden aufweisen können. Im Schwimmen konkurrieren verschiedene Lagen wie das Brustschwimmen, das Kraulschwimmen und das Delphinschwimmen gegeneinander.

In der Leichtathletik sind es 47 Disziplinen, die jeweils bemüht sind, Nachwuchs für die eigene Leichtathletikdisziplin zu sichern. Dem Lauf gelingt dies leichter als den Würfen. Die Sprünge scheinen eine konstante Attraktivität aufzuweisen, einigen Disziplinen wie z.B. dem Gehen, scheint es an Attraktivität zu mangeln.

Diese Konkurrenzsituation kann sich von Nation zu Nation sehr unterschiedlich darstellen. So gibt es Leichtathletiknationen, in denen die technischen Disziplinen eine große Popularität aufweisen, so z.B. in Ungarn, Tschechien und Deutschland. Es gibt Regionen, in denen das Gehen äußerst beliebt ist, z.B. in den russischen Republiken Mordovia und Chevashia. Kenia und Äthiopien zeichnen sich vor allem durch die Mittel- und Langstrecken aus, während in Jamaica, den Bahamas, in Nigeria und auch in den USA vor allem die Sprintdisziplinen attraktiv sind.

Nationale Prioritätensetzungen in Bezug auf die Olympischen Sportarten gibt es nicht nur innerhalb der Sportarten, sondern auch in Bezug auf die Sportarten selbst. Badminton ist äußerst populär in Indonesien und Malaysia. Ringen ist hingegen in vielen afrikanischen und asiatischen Nationen beliebter Volkssport.

Diese Beobachtungen verweisen auf die eigentliche Wettbewerbssituation, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten im Olympischen Sport entstanden ist und sie hängt in erster Linie davon ab, inwiefern es einer Sportart gelingt, zunächst und vor allem Athletinnen und Athleten an sich zu binden, bei den Wettkämpfen selbst Zuschauer aufzuweisen und sich als attraktive Sportart zu präsentieren, die für die Wirtschaft und die Massenmedien von Interesse ist.

Neben der Konkurrenz der olympischen Sportarten untereinander, gibt es längst auch eine Konkurrenz der nichtolympischen Sportarten gegenüber den olympischen. Aber auch die nichtolympischen Sportarten stehen untereinander in einem immer schärfer werdenden Wettbewerb. Dabei geht es vor allem um die Frage, wer von den nichtolympischen Sportarten eine Chance erhält, in die privilegierte Gruppe der olympischen Sportarten aufzusteigen.

In Bezug auf die Partnerschaft zwischen Wirtschaft und Sport ebenso wie in Bezug auf die Resonanz des Sports in den Massenmedien ist mittlerweile eine Wettbewerbssituation entstanden, die in aller Schärfe von den Olympischen und nichtolympischen Sportarten ausgetragen wird. Wintersportarten kämpfen dabei gegen Sommersportarten und im Grunde genommen kämpft jeder gegen jeden.

Fußball nimmt dabei weltweit betrachtet eine Sonderstellung ein. Keine andere Sportart kann in vergleichbarer Weise Zuschauer, Sponsoren und Massenmedien an sich binden, wie dies beim Fußball der Fall ist. Diese Dominanz geht ohne Zweifel zu Lasten aller übrigen Sportarten und es kann nicht überraschen, dass immer mehr Sportorganisationen in eine hitzige Diskussion über die Folgen dieser Dominanz eingetreten sind. Für jede Sportart scheint es heute unverzichtbar zu sein, sich äußerst exakt seiner Marktposition bewusst zu sein, den sie bei diesem internationalen Wettbewerb einnimmt.

Die Marktpositionen der Sportarten können sehr genau bestimmt werden. Das Sponsoring-Volumen, das ein Verband durch den Verkauf von Lizenzen erreicht, definiert seinen Wert gegenüber der Wirtschaft. Den Marktanteil, den die Übertragungen von den Wettkämpfen einer Sportart erreichen können, die Zuschauerquote und das Publikum, das bei den Wettkämpfen anwesend ist, das bereit ist, gegen Bezahlung eine Eintrittskarte zu erwerben, können äußerst genau gemessen werden.

Tut man dies und verfolgt dabei die Statistiken über einen längeren Zeitraum, so kann der Auf- und Abstieg der Olympischen Sportarten innerhalb des Sportmarktes ebenso beobachtet werden wie die Marktpositionen der nichtolympischen Sportarten.

Einige olympische Sportarten scheinen dabei in eine nahezu vollständige Abhängigkeit vom Erfolg der Olympischen Spiele geraten zu sein. Ihre internationale Marktposition im Sport-kalender außerhalb der Olympischen Spiele ist äußerst schwach. Andere zeichnen sich hinge-gen durch eine aufsteigende Tendenz aus. Dies gilt beispielsweise für Bogenschiessen, Curling, Modernen Fünfkampf, Synchronschwimmen, Skeleton und Vielseitigkeitsreiten.

Einige nicht-olympische Sportarten weisen dabei mehr Zuschauer, Sponsoringeinnahmen und Fernseh-schauer auf als dies manchen Olympischen Sportarten gelingt. Man hat dabei nur an Sportarten wie Drachenbootrennen, Karate und Billiard zu denken. Bei den World Games sind auch Sportarten wie Wasserski, Speed Skating, Tanzsport und Sportklettern als spektakulär zu bezeichnen.

Will man die internationale Wettbewerbsqualität einer Sportart beurteilen, so wären genaue und damit auch belastbare Daten zu den Jahreszuschauerzahlen, zu Sponsoringvolumen und zu den TV-Zuschauern pro Jahr und Sportart erwünscht. Solche Daten gibt es jedoch nur für wenige Länder und Regionen. Folgt man Experten-Ratings zu diesen Indikatoren, so wird mit Ausnahme von Nordamerika die Rangfolge der Sportarten von Fußball angeführt. Vordere Rangplätze nehmen Sportarten wie Baseball, Basketball, Volleyball und Handball ein.

Eishockey dominiert den Wintersport, gefolgt von Skisport und Biathlon. Grundsätzlich kann der Mannschaftssport ganzjährig die meisten Zuschauer an sich binden und ist deshalb auch für Sponsoren attraktiv. Nur wenige Einzelsportarten können in dieser Konkurrenz bestehen, so z.B. die Leichtathletik und der Schwimmsport. Sportarten wie moderner Fünfkampf, Curling, Mountain-Bike, können in Bezug auf die genannten Indikatoren hingegen nur geringe Erfolge aufweisen.

Es muss dabei beachtet werden, dass nationale Rankings von internationalen Beurteilungen erheblich abweichen können. Dies gilt für den Vergleich der Kontinente untereinander. Aber auch innerhalb eines Kontinents sind große Unterschiede zu beobachten.

In Europa weist England derzeit z.B. folgende Rankings auf: Fußball, Rugby, Cricket, Cycling, Athletics. In Frankreich nehmen wie in England Fußball und Rugby die Spitzenplätze ein. Dann folgt jedoch Basketball, Handball und Radsport, während in Deutschland nach dem Fußball Handball, Skisport, Basketball und Formel 1 folgen.

Manche Rankings verändern sich nahezu jährlich, andere sind über mehrere Jahrzehnte konstant. Davon unabhängig treffen die Marketingexperten der Wirtschaft und die Sportchefs in den Fernsehsendern und Online-Medien ihre Entscheidungen über die Zusammenarbeit mit einer Sportart nahezu ausnahmslos über die jeweils aktuell gültigen Rankings in den jeweiligen Nationen.

Prof. Helmut Digel

Quelle: DOSB