• Seite an Seite die Weltmeisterin Valentina Belotti (883) und die Europameisterin Marie Laure Dumergues (394) an der ersten Steigung in Goldbach. Im Hintergrund die Überraschungszweite Christel Dewalle (389), die zugleich französische Meisterin wird.
    Seite an Seite die Weltmeisterin Valentina Belotti (883) und die Europameisterin Marie Laure Dumergues (394) an der ersten Steigung in Goldbach. Im Hintergrund die Überraschungszweite Christel Dewalle (389), die zugleich französische Meisterin wird. © Wilfried Raatz/wus-media
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Hochkarätiger Berglauf-Auftakt am Grand Ballon - Teklay Azerya und Valentina Belotti geben im topbesetzten Feld den Ton an – Starker Schweizer Auftritt mit vor allem David Schneider und Monika Fürholz - Wilfried Raatz berichtet

Trotz Rang neun ein Achtungserfolg für Melanie Noll – Erster Schlagabtausch zwischen Gastgeber Frankreich, Italien und der Schweiz – Nichts Neues: Kaum Interesse bei den deutschen Bergläufern an einem Start im Elsass

Selten war der Montée du Grand Ballon von Willer-s-Thur (Männer) bzw. Goldbach (Frauen) so stark besetzt wie bei der 33. Auflage. Eigentlich kein Wunder, wenn es neben der Eingliederung in den Berglauf-Grand-Prix zugleich auch um französische Meistertitel geht und der Schweizer Leichtathletik-Verband seine Selektion für die Europameisterschaften in Borovets (Bulgarien) am 6. Juli durchführt.

Zwar galt der Berglauf auf den mit 1424 Metern höchsten Berg der Vogesen neben dem Gamperney-Berglauf in Grabs (Schweiz) auch für den Deutschen Leichtathletik-Verband als weitere Qualifikationsmöglichkeit, doch seitens der leistungsstarken deutschen Berglauf-Spezialisten wollte neben der bereits qualifizierten Melanie Noll (TSV Annweiler) alleine noch Benedikt Hoffmann seine Anwartschaft auf eine Nominierung ins DLV-Team ankündigen.

Es ist aber längst nichts Neues, dass die deutschen Bergläufer in seltenen Fällen die internationalen Herausforderungen suchen.

Nach den stellenweise sintflutartigen Regenfällen präsentierte sich der erste Sonntag im Juni in bester Lauflaune. Temperaturen in Willer-s-Thur um 10°, am Gipfel des Grand Ballon immerhin noch bei 8° - und vor allem ohne Regen (!) ließen zum Auftakt des Grand-Prix-Circuit des Berglauf-Weltverbandes WMRA die etablierten Läufer in einer beachtlichen Anzahl ins kleine Städtchen an der Thur strömen.

Auf Ahmet Arslan, den sechsfachen Europameister und Streckenbesten am Grand Ballon, wartete Organisator Jean-Allain Haan vergebens, der Türke musste wegen einer Beinverletzung absagen. Dafür stand jedoch mit dem Eriträer Teklay Azerya der Vizeweltmeister von Valle Camonica (2012) und Grand-Prix-Cup-Sieger 2012 am Start.

Bei den Frauen stellte sich die Ex-Weltmeisterin Valentina Belotti fünf Wochen vor den Europameisterschaften einem hochkarätigen Feld und geht nach ihrem überzeugenden Sieg als erste Titelanwärterin ins Rennen im bulgarischen Borovets. Der langjährige IAAF-Generalsektretär Pierre Weiss konnte sich vor Ort vom exzellenten Standard der vom US Thann Athletisme organisierten Veranstaltung ebenso überzeugen wie der WMRA-Director Tomo Sarf – und erlebte den ersten Showact der diesjährigen Berglauf-Saison.

„Den Eriträer haben wir praktisch schon nach dem Start aus den Augen verloren“, gestand David Schneider, der eine Woche nach seinem Doppelsieg bei den Kreuzegg-Classics in Bütschwil und dem Gamperney-Berglauf in Grabs eine exzellente Vorstellung gegen ein hochkarätiges Feld zeigte und in dieser Form zu den absoluten Medaillenkandidaten für Borovets zu zählen ist.

Der in Wien lebende Schweizer steckt die Reisestrapazen scheinbar prächtig weg und ist schon ein wenig selbst überrascht über seine derzeitige Verfassung. Letztlich war allerdings der souverän die Spitze behauptende Teklay Azerya mit 1:00:05 Stunden nicht so weit weg von Schneider und Co, die letztlich 42 Sekunden und mehr Rückstand hatten.

Trotz des Topfeldes wurde jedoch die Stundenmarke nicht durchbrochen, sodass der seit 2004 bestehende Streckenrekord von Jonathan Wyatt von 58:19 Minuten unangetastet blieb. Der sich immer weiter in den Vordergrund schiebende Italiener Alex Baldaccini sicherte sich Rang drei vor dem bereits zum dritten Male französischer Meister werdenden Julien Rancon, der als Vierter allerdings schon mehr als zwei Minuten Rückstand auf Teklay Azerya hatte.

Die Entscheidung zugunsten von Rancon fiel allerdings erst im zunächst ansteigenden, dann aber stark fallenden Schlußkilometer, als sich der routinierte Franzose, übrigens EM-Vierter 2010, von seinen ständigen Weggefährten Robbie Simpson (Groß-Britannien) und Benjamin Bellamy lösen konnte.

Überraschend konnte Gabriele Abate (8.), Emmanuel Meyssat (9.) und Emanuele Manzi (10.) dem Rhythmus der Rancon-Gruppe nicht folgen und belegten die nächsten Ränge. Ein gutes Rennen lief der Krienser Daniel Lustenberger auf Rang elf, nachdem sein Bruder die U 20-Wertung über 8,4 km schon überraschend gewinnen konnte. Viereinhalb Minuten Rückstand hatte schließlich Benedikt Hoffmann von der TSG Heilbronn als Fünfzehnter und sieht dennoch einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine Nominierung für die EM-Mannschaft. „Die hohe Vorgabe des DLV für eine Nominierung war für mich schon deprimierend!“ gestand der Dritte der letztjährigen Berglauf-Titelkämpfe.

„Ein geforderter Platz unter den ersten sechs ist deshalb eher unrealistisch. Dennoch ist für mich wichtig, dass mein Rückstand nicht zu groß war, um letztlich vielleicht doch noch nominiert zu werden!“ Dabei befand sich Hoffmann noch in bester Gesellschaft, gewann das Duell gegen den Franzosen Raymond Fontaine und lag um Längen vor dem bekannten Schweizer Stefan Wenk, der mit Platz 37 noch hinter dem dreifachen Freiburg-Marathonsieger Ulrich Benz (28.) lag.

„Das ist eine kleine Europameisterschaft“ scherzte noch vor dem Rennen der Schweizer Nationalcoach Jörg Hafner, durfte im Ziel allerdings mit dem Abschneiden seines Frauenteams mehr als zufrieden sein. Mit Monika Fürholz (4.), Martina Strähl (7.), Angela Haldimann (8.) liefen gleich drei Schweizerinnen in die top 10 und sind damit auch für die Europameisterschaften fast schon eine sichere Medaillenbank. Das sind die Schweizerinnen ohnehin, schließlich gab es in den letzten Jahren bei Welt- und Europameisterschaften schon zahlreiche Medaillen. Eine Goldmedaille gab es in der Einzelwertung allerdings schon dreimal, nach Martina Strähl 2009 und 2011 zuletzt auf dem Bergauf-bergab-Parcours von Pamukkale 2012 durch Monika Fürholz.

Und die 28jährige Titelverteidigerin wird das Schweizer EM-Aufgebot auch 2013 anführen
. „Wenn das Team geht, dann bin ich dabei!“ sagt sie zu ihren Chancen für Borovets. Die Ärztin aus Bern ist dabei etwas zögerlich, schließlich war dies ihr allererster Wettkampf nach einer Sehnenentzündung und einer Ermüdungsfraktur, an ein strukturiertes Berglauftraining konnte sie bislang noch nicht denken. „Vor einer Woche bin ich den Gurten hochgelaufen. Das war alles!“

Ihre gute Grundkonstitution ist allerdings unbestritten, sonst wäre sie in diesem Klassefeld nicht bis auf Rang vier vorgelaufen. „Ich habe nicht auf die Spitze geschaut, sondern nur auf meinen Körper geachtet!“ Auch Martina Strähl sieht sich auf einem guten Weg. Auch sie musste im Winter wegen einer Stressfraktur aussetzen und sich zuletzt durch einige eher regionale Bergläufe wieder in Form gebracht. „Ich musste nicht ans Limit gehen. Das hat sich schon wieder recht gut angefühlt!“ gestand die zweifache Europameisterin zuversichtlich.

Zufriedenheit auch bei Melanie Noll. Die aktuelle deutsche Meisterin lief inmitten der europäischen Elite ein offensives Rennen und weiß mit Rang neun ihre Nominierung für Bulgarien eindeutig untermauert. „Das hat sie gut gemacht“, freute sich ihr Trainer Jürgen Eichberger. „Wichtig ist für sie, dass sie internationales Flair schnuppern kann!“ Und Melanie Noll war sichtlich erleichtert. Vor Wochenfrist lief sie in Grabs als Vierte ins Ziel, deutlich zurück zum Beispiel hinter Angela Haldimann. Am Grand Ballon duellierte sie sich bereits mit der aktuellen Nummer drei der Schweiz – und sichtlich zufrieden über das Erreichte. „Schade, dass ich nicht mehr ganz mit der Gruppe um Martina Strähl mithalten konnte. Pech, dass bergab noch Angela an mir vorbeigespurtet ist. Aber es ist auch so ok!“

Ein Blick auf das weitere Ergebnisblatt zeigt, dass der DLV mit Melanie Noll eine entwicklungsfähige Läuferin in ihren Reihen weiß, die das durch die Krankheit der mehrfachen Meisterin Lisa Reisinger entstandene Vakuum derzeit prächtig ausfüllt.

Die 29jährige Pfälzerin schlug immerhin mit zehntplatzierten Marie-Laure Dumergues (10.) die Europameisterin 2010, mit Aline Camboulives (11.) die Vierte der Langdistanz-Weltmeisterschaften 2012 und mit Sara Tunstall (13.) die EM-Dritte 2009. 

Wilfried Raatz