• Laufen & Lauftherapie im Knast in Berlin (JVA Plötzensee) - Horst Milde berichtet
    Laufen & Lauftherapie im Knast in Berlin (JVA Plötzensee) - Horst Milde berichtet © Justizvollzuganstalten Berlin
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Laufen & Lauftherapie im Knast in Berlin (JVA Plötzensee) - Horst Milde berichtet

Die Jugendlichen müssten wieder an der bundesweiten „Dieter Baumann Aktion“ teilnehmen dürfen

Laufen ist – das ist heute ein Allgemeinplatz – ein Therapeutikum für Körper, Seele und Geist –  verschrieben von Ärzten und Krankenkassen. Vor einigen Jahrzehnten noch unvorstellbar – jetzt und heute ist Laufen ein „Antidepressivum“ für gestresste Mitmenschen. „Laufen für die Seele“ heißen u.a. Laufgemeinschaften in Berlin, die sich dem Laufen als Lebenselixier hingeben.

Frei und ohne Beschränkungen in der Natur oder auf den Straßen  zu laufen ist für uns alle völlig normal  und Alltag – aber eben nicht für alle! Für Gefangene in Gefängnissen und Zuchthäusern ist das freie Laufen  nicht möglich. Aber es gibt auch Ausnahmen, mit Einschränkungen natürlich.

In Berlin existiert seit dem 12. Oktober 2012 ein Lauftrainingskurs in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee am Friedrich-Olbricht-Damm 17. Leiterin dieses Laufkurses  ist die Lauftherapeutin Joanna  Zybon die einmal pro Woche – und ab Anfang Juli 2013 zweimal wöchentlich - Laufkurse in der Anstalt abhält. 

Es scheint bei der  Anstaltsleitung  „angekommen zu sein“, daß Laufen  als eine therapeutische Maßnahme  anzusehen ist.

Bei meinem Besuch in der Anstalt in Plötzensee im Juli war das für  etwa 10 Trainingswillige (von etwa 15 der Gruppe) etwas Außergewöhnliches  - mit einem Gast zu laufen – und der auch noch etwas vom Laufen zu erzählen hat.

Zu begrüßen hatte ich den Teilanstaltsleiter und BERLIN-MARATHON Jubilee Mitglied Reinhard Röcher (Finisher 16-mal, PB 2:37), der sicherlich auch ein Auslöser für diese positive  Entwicklung zum Aufbau von Trainingsgruppen in der Anstalt war und ist.

Die Männer, alle sehr muskulös durch Gewichtsarbeit, wurden erst einmal von der Therapeutin durch eine gemeinsame Gymnastik auf einem Basketballplatz vorbereitet. Der Innenhof der Anstalt hat sehr viel Grün, was schon allein bemerkenswert ist, und er sieht auch ausgesprochen  gepflegt aus. Gestartet wird dann gemeinsam – aber alle laufen dann ihr eigenes Tempo auf den Wegen des Anstalt-Innenhofs mit unzähligen Ecken und Kurven. Eine Runde (Ecke!) entspricht exakt 377 Metern.

Frau Zybon begleitet dann jeweils einige der Gruppen, bzw. Läufer und gibt Ratschläge, einige der Häftlinge sind läuferisch sehr gut drauf und zeigen ein ansprechendes Niveau. Die gesamte angemeldete  Laufgruppe insgesamt ist etwa 15 Personen stark, davon treten dann 10 – 13 beim Training an.

Laufende Häftlinge sind in deutschen Anstalten nichts Ungewöhnliches, schon Mitte der 80-er Jahre lief ein Häftling der JVA Moabit mit Bewacher beim Berlin-Marathon mit (und kam auch an) – und hatte dann auch die Schlagzeilen für sich. Die Laufstrecke des  Berlin-Marathon führt seit Jahrzehnten an der JVA Moabit in Alt-Moabit vorbei - die Gefangenen können aus ihren Zellen den Lauf direkt verfolgen.

Olympiasieger Dieter Baumann initiierte ab 2007 mit dem Sportlehrer Dierk Bublitz (JVA Rockenberg/Hessen) den Laufwettbewerb „Jugend bewegt sich über Grenzen“. Nach einer länderübergreifenden Initiative des Hessischen Strafvollzuges sind inzwischen alle Bundesländer daran beteiligt. Es gibt Vorkämpfe und einen Endlauf.

Die Jugendstrafanstalten stellen fünfköpfige Gefangenenteams zusammen, die als Staffel die Halbmarathondistanz (21.09km) bewältigen müssen, in Landes- und Regionalentscheiden ermitteln die Bundesländer ihr Team für das Bundesfinale, das auch 2013 stattfand.

Nach Auskunft von Dieter Baumann ist Berlin schon mal dabei gewesen, aber aus finanziellen Gründen  ist das Projekt leider nicht weiter aus Berlin verfolgt worden, obwohl es bundesweit sehr erfolgreich ist – und den Jugendlichen Ziele setzt, was Gefangene natürlich auch brauchen.

„Sport ist wichtiger Bestandteil zur Resozialisierung unserer jugendlichen Strafgefangenen!“ sagt Justizministerin Uta-Maria Kuder. „Besonders im Jugendvollzug ist Sport wichtig“! Es ist schade, daß Berlin dieses Projekt nicht weiterverfolgt!

Was bei Jugendlichen gut ankommt und hilft ist bei Erwachsenen genauso wichtig und hilft ihnen den alltäglichen  „Knastalltag“ besser  körperlich und seelisch zu überstehen.

Die Gefangenen in der Plötzenseer Anstalt haben auch einen Gewichtsraum mit sehr viel Eisen – manches sieht „holzgeschnitzt“ aus - , aber auch den athletischen Körpern der Läufer konnte man ansehen, daß  in dieser Folterkammer gearbeitet wird, der Belegungsplan an der Tür zeigte, daß der Andrang zum „Eisen“  groß ist.

Beim anschließenden gemeinsamen Kaffeetrinken nach dem Lauftraining  mit gespendeten Keksen und Salzstangen mit den Läufern/Gefangenen war zu spüren, daß das läuferische Angebot von Frau Zybon dankbar genutzt wird – es wurde auch an diesem Tag bekannt, daß es einen zweiten betreuten Trainingstag in der Woche geben wird.  Ein Häftling konnte berichten, daß es ihm gelungen war bei der Anstaltsleitung die Genehmigung zu erhalten bei der Berliner City-Nacht auf dem Kurfürstendamm zu starten – das ist schon ein bemerkenswerter Fortschritt.

Vorbild könnte für Berlin die JVA Darmstadt sein, hier wird seit 2007 ein Marathon mit allem „Drum und Dran“ ausgerichtet. 2012 haben 30 Inhaftierte und 150 Externe den Marathon innerhalb der Knastmauern bestritten. Spiritus rector dieser erfolgreichen Initiative ist Peter Büttner, Lauftherapeut und Justizvollzugsbeamter im Bereich des Gefangenensports.

„Das Laufen gilt bei uns als therapeutische Maßnahme. Die Häftlinge sollen Disziplin und Durchhaltevermögen lernen und erfahren, wie es ist, ein Ziel mit legalen Mitteln zu erreichen“. Die Aufgabe die Peter Büttner in Darmstadt vollbringt könnte in Berlin der gestandene Marathonläufer Reinhard Röcher übernehmen.

Man muss vielleicht in Berlin nicht gleich einen Marathon installieren – ein 10-Kilometerlauf der Berliner Anstalten, mit entsprechender Vorbereitung kann und sollte ein Ziel sein.

Die Jugendlichen müssten wieder an der bundesweiten  „Dieter Baumann Aktion“ teilnehmen dürfen  und die Männer (Frauen?) hätten mit einem alljährlichen Berliner 10-km Lauf  - mit allem „Drum und Dran“ – ein Ziel, der den Gefängnisalltag aufhellen könnte – und zur erfolgreichen Therapie beiträgt.

Der Besuch und das gemeinsame Training  in der JVA Plötzensee könnte dann sehr positive Folgen haben.


Horst Milde

Berliner Laufmasche - JoAnna Zybon

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