• Berlin hat acht Knäste mit aktuell exakt 4.209 Inhaftierten. In der JVA Plötzensee sitzen 279 Häftlinge, bzw. sie sitzen nicht ... sie laufen. Ok, es sind nicht alle, aber 15 von ihnen nehmen zweimal wöchentlich an der Laufgruppe teil.
    Berlin hat acht Knäste mit aktuell exakt 4.209 Inhaftierten. In der JVA Plötzensee sitzen 279 Häftlinge, bzw. sie sitzen nicht ... sie laufen. Ok, es sind nicht alle, aber 15 von ihnen nehmen zweimal wöchentlich an der Laufgruppe teil. © Jo Zybon
  • JVA Plötzensee in Berlin - Gleich mehrere Parks und eine Gartenkolonie liegen in Reichweite, aber der Laufgruppe stehen lediglich 377 m im Innenhof zu Verfügung. Die kurze Laufrunde hat zudem viele Ecken, Winkel und Kanten.
    JVA Plötzensee in Berlin - Gleich mehrere Parks und eine Gartenkolonie liegen in Reichweite, aber der Laufgruppe stehen lediglich 377 m im Innenhof zu Verfügung. Die kurze Laufrunde hat zudem viele Ecken, Winkel und Kanten. © Jo Zybon
  • Die Herren haben Haftstrafen zwischen zwei und zehn Jahren zu verbüßen. Ihre Laufmotive: Ausdauer verbessern, Abspecken, frische Luft schnappen, Stress abbauen usw. Also genau wie die Läufer draußen?
    Die Herren haben Haftstrafen zwischen zwei und zehn Jahren zu verbüßen. Ihre Laufmotive: Ausdauer verbessern, Abspecken, frische Luft schnappen, Stress abbauen usw. Also genau wie die Läufer draußen? © Jo Zybon
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Erfahrungsbericht vom Laufen im Knast - „Der Polizei schneller weglaufen!“ - Jo Zybon

Schließlich besuchte und trainierte Horst Milde mit der Gruppe ... und seit seiner JVA-Visite arbeitet er unbeirrt an der Realisierung des ersten Berliner Knastlaufs. Eine Laufveranstaltung für Knackis & Externe!

Gleich mehrere Parks und eine Gartenkolonie liegen in Reichweite, aber der Laufgruppe stehen lediglich 377 m im Innenhof zu Verfügung. Die kurze Laufrunde hat zudem viele Ecken, Winkel und Kanten. Beim Training blickt einer der Läufer sehnsüchtig gen Himmel. „Wenn man jetzt einfach ein paar Meter ins Grüne weiterlaufen könnte, zum Plötzensee oder in die Jungfernheide ...“

Bei den Läufern handelt es sich um Häftlinge der JVA Plötzensee im geschlossenen Männervollzug, ehemals JVA Charlottenburg. Auch der immer noch nicht geschlossene Flughafen Berlin-Tegel liegt in Anstaltsnähe.
Tupfer von Chlorophyll gibt es indes auch im hübsch begrünten Knast-Innenhof.

Akazienbäume spenden Schatten. In Beeten und Kübeln blühen Geranien, Rosen, Astern und Sonnenblumen. Eine Katze lümmelt in der Sonne.

Berlin hat acht Knäste mit aktuell exakt 4.209 Inhaftierten. In der JVA Plötzensee sitzen 279 Häftlinge, bzw. sie sitzen nicht ... sie laufen. Ok, es sind nicht alle, aber 15 von ihnen nehmen zweimal wöchentlich an der Laufgruppe teil.

Mehr als 15 dürfen es aus Sicherheitsgründen nicht sein, weil keine Bewacher mitziehen. Die Laufgruppe gehört wie Musik, Kunst, Fußball und Yoga zum Freizeitangebot. Die Häftlinge melden sich freiwillig an, um dann verbindlich daran teilzunehmen. Wer dreimal unentschuldigt fehlt, fliegt raus, denn es gibt eine Warteliste. Vollständig startet die Truppe jedoch nie, schon allein deshalb, weil jedes Mal jemand „Einschluss“ hat: eine Disziplinarmaßnahme für Regelverstöße wie zum Beispiel unerlaubter Handybesitz. Der Betroffene wird auch während der Aufschlusszeit in seinem Haftraum eingesperrt, darf sich nicht auf seiner Station bewegen oder an Freizeitaktivitäten teilnehmen.

Die Info darüber erreicht mich meist direkt. Der Herr schreit dann einfach aus dem Fenster: „Hey Jo, ich bin heute entschuldigt, ich hab Einschluss!“

Jo, das bin ich, Lauftherapeutin, seit Oktober 2012 externe Honorarkraft bei der JVA.
Meine Einsätze laufen folgendermaßen ab: An der Pforte erhalte ich Schlüssel, ein Funkgerät und die von Susan Drews, einer engagierten Sozialpädagogin, wöchentlich aktualisierte Teilnehmerliste. Für den Transport des sperrigen Funkgerätes beim Laufen hat sich ein Xco-Gürtel bewährt.

Ich schließe mich durch die Türen, betrete die Unterzentralen, begrüße die Bediensteten per Handschlag und hole die Läufer ab, die meist schon warten.

Was sind das überhaupt für Typen?

Sie sind sehr freundlich, höflich, charmant und friedlich. Manche witzig und gesprächig, andere traurig und schweigsam. Einige können nur wenige Brocken Deutsch. Der jüngste Läufer ist nach eigenen Angaben 24 Jahre alt, der älteste 50. Ihre Heimatländer sind Polen, Russland, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Kroatien, Deutschland, Türkei und Libanon. Alle Mitglieder der Lauftruppe arbeiten, zum Beispiel in der Wäscherei, der Redaktion oder der Beamtenkantine.

Die Herren haben Haftstrafen zwischen zwei und zehn Jahren zu verbüßen. Ihre Laufmotive: Ausdauer verbessern, Abspecken, frische Luft schnappen, Stress abbauen usw. Also genau wie die Läufer draußen? Ein Motiv kommt noch hinzu. Ein Neuer erklärt: „Ich komm jetzt zur Laufgruppe, damit ich beim nächsten Mal der Polizei schneller weglaufen kann!“ Und schmunzelt dabei.

Was meine Läufer verbrochen haben? Interessiert mich nicht.

Warum ich u.a. im Gefängnis agiere?

Das Geständnis: Es macht mir Freude, mit schwierigen Menschen unter schwierigen Bedingungen zu laufen.
Wenn mir jemand beim Joggen sein Delikt beichtet, höre ich zu, aber weit mehr interessieren mich die alltäglichen Abläufe und Sorgen im Knast. Die Sorgen seiner Bewohner unterscheiden sich im Prinzip nicht von denen der Menschen draußen.

Sie gelten meist den Partnerinnen, den Kindern oder den Eltern: Die Partnerin wendet sich ab oder reicht die Scheidung ein, ein Kind erkrankt schwer, die Eltern werden alt und brauchen Hilfe, die Mutter bekommt einen Schlaganfall etc. Dann gibt es den knastinternen Frust über Vollzugspläne, Haftlockerungen und den allgegenwärtigen Personalmangel.

Ein unerschöpfliches Gesprächsthema in der Laufgruppe ist TELIO: so heißt der europaweite Marktführer für Gefangenentelefonie. Über TELIO hat sogar FRONTAL 21 schon berichtet.

Auf den Stationen der JVA hängen museal aussehende Tastentelefone, mit denen die Häftlinge während der Aufschlusszeiten telefonieren dürfen – bis zu einem bestimmten monatlichen Limit. Das funktioniert bargeld- und kartenlos, jeder hat ein Guthabenkonto. Das Problem: die Gebühren sind stark überteuert. Eine Minute Ortsgespräch kostet 9 C, eine Minute Ferngespräch 18 C. Telefonate ins Ausland oder in die Mobilfunknetze sind noch viel teurer. Um mit Angehörigen und sozial gesunden Menschen in Kontakt zu bleiben müssen die Häftlinge sich oftmals verschulden. Oder sie verlieren diese Kontakte, die für eine erfolgreiche Resozialisierung entscheidend sind.

In der Öffentlichkeit ist viel zu wenig darüber bekannt, wie die Firma TELIO die Habenichtse im Knast abkassiert.

Aber warum soviel Gequatsche beim Laufen? Das ist eben ein wichtiger Unterschied zwischen Lauftraining und -therapie: ein Lauftherapeut steht nicht nur herum mit der Stoppuhr, sondern läuft mittenmang mit und hört sich an, was die Menschen belastet.

Die Stoppuhr kommt trotzdem zum Einsatz, aber das große Leistungsspektrum innerhalb der JVA-Laufgruppe sieht man auch so. Der Leistungsstärkste schafft zwei Stunden unterm Sechserschnitt. Der Leistungsschwächste ist adipös und kann „nur“ walken. Die meisten sind Kraftsportler, die das Laufen als Ergänzung betreiben.

Als Neuzugang kann die Gruppe sogar einen amtierenden Deutschen Meister vorweisen.
Seine Disziplin: Boxen, Supermittelgewicht. Dieser junge Athlet nutzt jede „freie“ Laufminute, um sich seine Ausdauer zu erhalten. Sein Ziel: Weltmeister werden.

Soviel zu den internen Läufern, es kamen aber auch externe. Zunächst Manfred Steffny, der den Laufstil korrigierte, die Schuhe inspizierte und wertvolle Tipps gab, ohne dafür ein Honorar zu nehmen. Die mangelhaften Treter sind freilich das größte praktische Problem dieser Läufer, deren Taschengeld für TELIO draufgeht ...

Ein anderes Mal nahmen sechs Läufer/innen des Berliner Lauftreffs GutsMuths am Training teil.

Schließlich besuchte und trainierte Horst Milde mit der  Gruppe ... und seit seiner JVA-Visite arbeitet er unbeirrt an der Realisierung des ersten Berliner Knastlaufs. Eine Laufveranstaltung für Knackis & Externe!

Das ist vermutlich eine schwierigere Aufgabe als 1981 den Berlin-Marathon auf die Straße zu bringen. Damals musste der Berliner Polizeipräsident und die diversen Behörden überzeugt werden – heute die Berliner Justiz.

Dabei gab es bereits kleine Laufveranstaltungen innerhalb der Berliner Knastmauern, in der JVA Tegel wurde ein Halbmarathon durchgeführt.

Der läuferische Initiator in der JVA Plötzensee ist Reinhard Röcher: Sozialpädagoge, Teilanstaltsleiter und ambitionierter Marathonläufer (JUBILEE-Mitglied beim BERLIN-MARATHON). Zwischen 1991 und 2002 hat er in zwei JVAs selbst ein Lauftraining mit seinen Schützlingen durchgeführt, was nun zeitlich absolut nicht mehr geht.

Wenn am 29. September 2013 der 40. BERLIN-MARATHON startet, werden einige der Knastläufer „mitgehen“, d.h. der Fernseher wird sie auf die Strecke bringen. Leider haben die läuferisch geeigneten Kandidaten aktuell keine Haftlockerung. Aber zumindest bei der Berliner City-Nacht durfte ein Freigänger starten. Und weildie Events GmbH sich für diese Laufgruppe engagiert, bekam der Läufer den Startplatz sogar geschenkt.

 

Jo Zybon

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Berliner Laufmasche - JoAnna Zybon