• Wohin führt der Weg der Leichtathletik? Voran wird ein neuer Präsident gehen.
    Wohin führt der Weg der Leichtathletik? Voran wird ein neuer Präsident gehen. © Victah Sailor
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Sebastian Coe und Sergej Bubka - Jetzt ist Zahltag in der Leichtathletik - Michael Reinsch, Peking in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Leichtathletik scheint von Doping und Korruption zerfressen – und die Olympiasieger Sergej Bubka und Sebastian Coe leisten sich einen gnadenlosen Wahlkampf um ihre Führung. Es geht dabei um viel Geld.

Vielleicht haben Wladimir Putin und Barack Obama genauso viel reisen müssen, um gewählt zu werden. Bestimmt aber führten ihre Wahlkampf-Touren nicht so weit wie die von Sebastian Coe und Sergej Bubka in deren Kampagnen.

Aus Bulgarien nach Kolumbien, Nicaragua und Puerto Rico, zurück nach London und Kiew und nun nach Peking – dies sind die letzten Etappen in dem gnadenlosen Rennen, das sich der frühere Weltklasse-Läufer und der einst beste Stabhochspringer der Welt liefern. Es ist das Rennen um die Herrschaft im Reich der Leichtathletik.

Das phänomenale Flugmeilenkonto der beiden wird noch übertroffen von ihren Versprechen; schließlich gilt es, die Mehrheit der 213 Mitgliedsföderationen des Weltverbandes IAAF für sich zu gewinnen.

Eine olympische Dividende, zahlbar an jeden einzelnen Verband, verspricht Coe, Zuschuss für den Bau von Verbandssitzen in jedem Land stellt Bubka in Aussicht.

Dazu sollen Programme zur Frauen- und Nachwuchsförderung kommen, Weiterbildung für Trainer und Experten, eine Aufwertung der Sportart generell und ein größerer Anteil der Leichtathletik, etwa an den Asien-Spielen im Speziellen. Die Details sind in Programmen und täglichen Verlautbarungen nachzulesen, die beide von Wahlkampberatern entwickeln lassen.
 
„Unglaublich, über wie viel Geld Bubka verfügt“, staunt ein Delegierter, der an diesem Mittwoch (Start um 9.00 Uhr MESZ) in Peking, im Vorlauf der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, den neuen IAAF-Präsidenten wählen soll. „Man könnte Bubka verzeihen, wenn er fragte, ob es nicht eine Grenze bei der Wahlkampffinanzierung geben soll“, schreibt dagegen der britische Kolumnist Neil Wilson.

„Coe hat Millionen und ist bereit, sie auszugeben.“

Im Vergleich mit den ausgeschlafenen Geschäftsleuten Bubka und Coe sei der scheidende Lamine Diack ein Waisenknabe, sagt ein Insider. Der 82 Jahre alte Diack, ein früherer Weitspringer und Richter aus Senegal, war den längsten Teil seiner 16 Jahre währenden Präsidentschaft, wie sein Vorgänger Primo Nebiolo, dem Vorwurf von Korruption beim Geschäft und Laissez-faire beim Doping ausgesetzt. Großsponsoren des Verbandes akquirierte, gegen ordentliche Provision, vorzugsweise die Agentur seines Sohnes Papa Massata Diack.

Seit Bubka im Januar 1984 5,81 Meter übersprang, hat er innerhalb von zehn Jahren den Weltrekord in der Halle und im Stadion 35 Mal verbessert. Nicht nur mit spektakulären Sprüngen machte der Mann aus Donezk von sich reden, sondern auch mit der Taktik, den Rekord immer nur um einen Zentimeter zu steigern - jedes Mal gab es schließlich Prämien.

Zwanzig Rekorde sei er praktisch umsonst gesprungen, sagt Bubka heute; das Geld habe er beim sowjetischen Verband abliefern müssen. Umso größer Bubkas Ruhm nach dem Untergang des Imperiums: Nike machte einen Werbespot aus seinem Scheitern bei den Spielen von Barcelona 1992.

Bubka bestreitet, dass er in der unabhängigen Ukraine zu einem Vermögen von 350 Millionen Dollar gekommen sei - und lässt es doch unwidersprochen bei Wikipedia stehen.

Nur für den Sport habe er im Parlament gesessen, sagt er; Parteigänger des früheren Präsidenten Janukowitsch sei er nie gewesen. Als Bubka vor zehn Jahren Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine wurde, war er als Ehrenmitglied der Athletenkommission längst ordentliches Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

„Er nahm Startgeld, bevor es erlaubt war“

Die Aufnahme in diesen höchsten Orden des Sports hat Coe noch vor sich. Dafür muss er Präsident der IAAF werden. Auch er saß im Parlament, für die Konservativen; mit dem Ritterschlag stieg er auf ins Oberhaus. Zum Nationalheiligen Großbritanniens wurde er, Jahre nach seinen Olympiasiegen über 1500 Meter von Moskau 1980 und von Los Angeles 1984, als er die angeschlagene Olympiabewerbung von London übernahm. Nach einer mitreißenden Rede erhielt Coe 2005 in Singapur den Zuschlag - und machte die Spiele als Organisationschef zu einem Fest der Welt.

Der Manager seiner heutigen Präsidentschaftskampagne, Mike Lee, war damals Berater des Bewerbungskomitees. Coe sei immer im Einklang mit der Professionalisierung gewesen, schreibt Olympia- und Leichtathletik-Experte David Millar in dem Dienst „Sport intern“: „Er nahm Startgeld, bevor es erlaubt war, aber gab es in seiner Steuererklärung an.“

 Der frühere ukrainische Stabhochspringer Sergej Bubka möchte Nachfolger werden.

Coes Steuersparmodell war die Firma Sebastian Coe Ltd., die ihn vermarktete und ihn bezahlte. Irgendwann machte Coe daraus ein Unternehmen mit dem Namen Complete Leisure Group Ltd., das unter anderem Fitness-Center betrieb. 2011 berichteten britische Zeitungen, dass der damalige Außenminister William Hague, ein Freund von Coe, 30 000 Pfund verloren habe, die er in das Unternehmen investiert hatte. Complete Leisure habe drei Millionen Pfund abschreiben müssen.

Coe dürfte voll und ganz mit der Vorbereitung der Spiele in London beschäftigt gewesen sein - und versicherte sich, wie schon bei der Bewerbung, bester Unterstützung. Chime Sports Marketing (CSM), ein Tochterunternehmen des börsennotierten PR-Unternehmens Chime plc, erhielt nach Berichten britischer Zeitungen jener Zeit Olympia-Aufträge im Wert von rund dreißig Millionen Pfund und steigerte damit seinen Umsatz um fast fünfzig Prozent.
Europa-Spiele, Fußball-EM 2020 und Formel 1


Im Oktober 2012, acht Wochen nach der Schlussfeier, kaufte CSM dann 93 Prozent von Coes Complete Leisure. Coe selbst erhielt 1,5 Millionen Pfund in bar; weitere gut zehn Millionen Pfund sollten, unter bestimmten Bedingungen, in den nächsten vier Jahren folgen. Seit dem vergangenen Jahr gehört Coe dem „board“, dem Aufsichtsrat der Muttergesellschaft Chime, an. Er dürfte also alle Erwartungen erfüllt haben. Gut fünfzig Agenturen hat Chime seit seiner Gründung 1989 übernommen.

Mit einem Ergebnis von rund 280 Millionen Euro (vor Zinsen und Steuern) im vergangenen Jahr hat sich das Unternehmen als Dienstleister und Stratege im Sport etabliert, der von den Buffets in der VIP-Lounge der Champions League über Sponsoring und Vermarktung bis zu Rechtehandel und Erwerb von Veranstaltungen alles leistet. Credo: Sport, Unternehmen und Marken bieten sich so gute Gelegenheiten wie noch nie, ein Massenpublikum zu erreichen.
 
Das gilt selbstverständlich auch für Staaten und ihre Herrscher. CSM und Coe machen keinen Hehl daraus, wie stolz sie darauf sind, dass, zum Beispiel, der aserbaidschanische Despot Ilham Alijew zu ihren Klienten gehört. Seit 2002 ließ sich dessen Regime 35 große Sportveranstaltungen ins Land bringen, Höhepunkt bislang die Premiere der Europa-Spiele in Baku in diesem Juni. Von den Milliarden, die Alijew dafür lockermachte, dürfte ein ordentlicher Batzen als Honorar an CSM fließen.

Doch auch die Opposition zahlt. Die Menschenrechtsaktivisten Leyla Yunus and Arif Yunusov sind gerade zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Baku wird das überspielen, denn es hat sich, dank Coe und CSM, drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft 2020 gekauft, außerdem kommt ab 2016 die Formel 1.

Bei Auszahlung wäre Coe vollkommen unabhängig

Wenn da nicht Interessenkonflikte drohen. Coe verspricht in einem Video auf der Website von CSM salbungsvoll und unterlegt von Orgelklängen: „Sport steht im Mittelpunkt des Ehrgeizes der meisten Länder. Ob es um ,nation building‘ geht oder den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, ob es um Sozialarbeit im Lokalen geht oder ob es gar der Diplomat auf internationaler Ebene ist. Sport ist, was die meisten Menschen vereint. Und unsere Verantwortung ist es, ihnen die beste Erfahrung zu bringen, die Sport ihnen geben kann.“

Das könnte auch der erste Mann der Welt-Leichtathletik sagen oder ein Mitglied des IOC, die beide Verantwortung für die Verbreitung ihres Sports, des olympischen Sports tragen.

In der einen Rolle, als Verbandspräsident und IOC-Mitglied, vergibt er Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. In der anderen Rolle bietet er sich dafür an, dieselben Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele für Honorar zu akquirieren. Nächste große Aufgabe im Geschäft von CSM-Aufsichtsrat und -Teilhaber Coe ist die Vorbereitung der Asien-Spiele der Hallensportarten sowie der Kampfsport-Spiele 2017 in Turkmenistan. Alleinherrscher Gurbanguly Berdimuhamedow lässt dafür in Aschgabat ein Olympia-Gelände für mindestens vier Milliarden Dollar bauen.

Auch der ehemalige Läufer Sebastian Coe strebt das Amt bei der Wahl an.

Er erwarte, dass Coe seinen Job bei CSM ruhen lasse, wenn er gewählt werde, sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der als Delegierter nach China fliegt.

Doch Coe gibt sich überzeugt, dass die Arbeit im Verband mit der in der Agentur nichts zu tun hat. Das versichert er jedenfalls Delegierten. Eine Anfrage dieser Zeitung, die Anfang der Woche an sein Unternehmen, an die IAAF und an Coes Berater ging, blieb unbeantwortet.

Gut möglich, dass der neue Präsident der Welt-Leichtathletik sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit der Rettung seiner Sportart widmen wird. Bubka lebt seit Jahren am Sitz des Verbandes, in Monte Carlo; er hätte es nicht weit ins Büro. Und Coe scheint vor einem der größten Zahltage seines Lebens zu stehen.

Die größte Anzeigen-Agentur der Welt, WPP, deren Gründer Martin Sorrell soeben dem IOC in Kuala Lumpur die Chancen der Digitalisierung erläuterte, bietet gemeinsam mit dem amerikanischen Beteiligungsunternehmen Providence rund 520 Millionen Euro für die Übernahme von Chime.

Ließe sich Coe, Teilhaber des Unternehmens, auszahlen, wäre er vollkommen unabhängig.

Michael Reinsch, Peking in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mittwoch, dem 19. August 2015

Hier die Online-Petition zum Unterstützen gegen die DLV-LAUFMAUT: 

Online-Petition "Stoppt die DLV-Laufmaut"

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