• Michael Reinsch -  Der Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Die Blatterisierung der Leichtathletik
    Michael Reinsch - Der Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Die Blatterisierung der Leichtathletik © privat
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Der Kommentar von Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Die Blatterisierung der Leichtathletik

Ein Verband, eine Stimme: So wurde auch beim Leichtathletik-Weltverband der neue Präsident Sebastian Coe gewählt. Das Prinzip hat die Fifa auf die Spitze getrieben. Dafür steckt sie nun bis zum Hals in einer Korruptions-Krise.

Das Überbietungsprinzip des Weltsports hat ein Ziel: die Vereinten Nationen zu übertreffen. Wer mehr Mitgliedsorganisationen hat als die Organisation der Staaten, kann sich wahrhaft global nennen. Und wahrhaft olympisch.

214:193 steht es in diesem Vergleich für den Weltverband der Leichtathleten, die IAAF, seit sie am Mittwoch in Peking im Vorfeld ihrer Weltmeisterschaft Gabun suspendierte und Kosovo und Süd-Sudan aufnahm.

Das hat seinen Preis: Wer um jede einzelne Stimme wirbt, muss weite Wege gehen. Reisen auf die Norfolk Islands, nach St. Kitts & Nevis oder in andere Winkel der Welt fordern Budget und Kondition der Kandidaten über jedes vernünftige Maß hinaus. Entsprechend erleichtert waren Sebastian Coe und Sergej Bubka am Mittwoch, als ihr Wettbewerb um die Präsidentschaft in Peking zu Ende ging.

Die Regel „ein Verband, eine Stimme“ führt zu einem dramatischen Bedeutungszuwachs der Vertreter von Sportorganisationen aus Kleinstaaten und abgelegenen Inselreichen, unabhängig von sportlichem Erfolg, gesellschaftlicher Bedeutung und wirtschaftlicher Potenz. Umgekehrt hat es die Marginalisierung der Weltmächte des Sports zur Folge. Was das bedeutet, ließ sich im Tagungshotel in Peking beobachten.
 
Geheimnisvolle Listen machten da die Runde, mit denen die unwahrscheinlichsten Allianzen sich Mehrheiten bei den verschiedenen Abstimmungen sichern wollten. Plumpere Kandidaten warfen vergoldete Taschen unters Wahlvolk, vielversprechende Päckchen und unauffällige Umschläge.

Er habe eine Krawatte abbekommen, teilte der deutsche Kandidat Clemens Prokop mit, und er könne sich nicht einmal mehr erinnern, von wem. Von goldenen Uhren und anderen Zuwendungen habe er lediglich gerüchteweise gehört.

Deutschland ist nun nicht mehr in der Führung der Welt-Leichtathletik vertreten. Nicht das Ansehen der einst so großen Sportart spielte eine Rolle in der Diskussion, nicht das Fehlen regelmäßiger Fernsehübertragungen auf diesem bedeutenden Markt.

Wer etwas erreichen will, stellt Entwicklung in den Mittelpunkt, was nichts anderes ist als Überweisungen auch noch an den kleinsten Verband in der Hoffnung auf dessen Stimme – was so mancher Präsident als persönliche Zuwendung nimmt.

Das Prinzip hat der wohl am schlechtesten beleumdete Präsident eines Weltverbandes auf die Spitze getrieben, der des Fußball-Weltverbandes Fifa. Dafür steckt er nun bis zum Hals in einer Korruptions-Krise.

Man mag für die Leichtathletik froh sein, dass es in dieser Sportart nicht um so hohe Summen geht wie im Fußball, und dass ihr neuer Präsident einen so guten Ruf hat.

Doch welche Gefahr dem einen wie dem anderen droht, hat der Wahlkampf gezeigt: die Blatterisierung.

Der Kommentar von Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mittwoch, dem 19. August 2015 

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