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Sieht gut aus, macht aber keine gute Figur: IAAF-Chef Sebastian Coe
    Sieht gut aus, macht aber keine gute Figur: IAAF-Chef Sebastian Coe © Victah Sailer
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IAAF-Chef Coe - Bis zu den Knöcheln im Dreck - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Als IAAF-Präsident gibt Sebastian Coe gerne den Erneuerer und Modernisierer. Nur, wie will er beim Leichtathletik-Verband endlich ausmisten? Er hat die Hinterlassenschaft doch produziert.

Nächstes Jahr soll Sebastian Coe ins Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgenommen werden. Damit schien absehbar, dass er, der neu gewählte Chef der Welt-Leichtathletik, 2025 mit 69 Jahren Nachfolger von IOC-Präsident Thomas Bach werden könnte.

Doch nun steht der Lord, der so intensiv den Erneuerer und Modernisierer der Leichtathletik gibt, im Fokus der Kritik.

Eine Dummheit holt ihn ein, die zeigt, wie unangreifbar er und vermutlich auch die anderen sich fühlten, denen Olympias Kernsportart anvertraut ist. Da vergaben sie hastig die Weltmeisterschaft just an den Ort, der symbolhaft für das Unternehmen steht, das Coe seit Jahren als Berater bezahlt.

400 Jahre Göteborg? Nike will in Eugene 50-Jähriges feiern! Es hilft nicht, dass Lamine Diack – damals Präsident und nicht Hauptverdächtiger in einem beispiellosen Korruptionsskandal – die Verantwortung für die skandalöse Vergabe ohne jede Ausschreibung auf sich nahm.

Wie die Amerikaner den Mann aus Senegal, der für seine weiten Taschen bekannt war im Weltsport, wohl von ihrem Anliegen überzeugten? Und jetzt kommt heraus: Coe versprach Nike, er würde die WM ein halbes Jahr später ebenso vergeben.

Verschoben und ausgefallen

Coe, strahlender Held von Moskau 1980 und Los Angeles, wo er Olympiasieger wurde, von London 2012, weil er die Spiele gewann und organisierte, steht bis zu den Knöcheln im Dreck. Die Besetzung der zwanzig Kommissionen, die frischen Wind in Sport und Verband bringen sollten? Verschoben.

Die Gala für die Leichtathleten des Jahres? Fällt aus. Stattdessen ziehen nach den Ermittlern die Anwälte und Berater durch die Verbandszentrale, und Coe verweist bei seinen offenkundigen Interessenskonflikten – er ist auch der mit Sportevents makelnden Agentur Chime verbunden – auf die Ethik-Kommission seines Verbandes: handverlesene Männer, die allesamt Diack auswählte.

Bis auf einen läppischen Fall haben sie bis heute nichts entschieden. Nicht einmal zu den vor bald einem Jahr bekanntgewordenen Fällen von Korruption innerhalb der IAAF und systematischem Doping in Russland hat sich der Zirkel bisher geäußert.

Die Herrschaften wollen es offenbar nicht so weit treiben wie die unabhängigen Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur, deren Bericht die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief und zum Ausschluss der Russen aus der Welt-Leichtathletik führte.

Coe personifiziert ein Paradoxon: Er soll den Misthaufen abtragen, auf dem sich die zu Hause fühlen, deren Stimmen er braucht. Vertrauen und Integrität versprach Coe bei seiner Wahl und irritierte zugleich mit Lobhudeleien auf seinen zwielichtigen Vorgänger.

Lächerlich genug, dass ausgerechnet das Nationale Olympische Komitee von Russland das vom Staat zumindest tolerierte, vom Verband organisierte Doping-System überwinden und sauberen russischen Sport aufbauen soll.

Übertroffen wird dies von der Vorstellung, da übernehme es einer, den Stall des Augias auszumisten, der mittenmang dabei war, die Hinterlassenschaft zu produzieren, deren übler Geruch die Leichtathletik belastet.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Donnerstag, dem 26 November 2015