• Auf leisen Sohlen weg vom Alkohol hin zum gesunden Leben
    Auf leisen Sohlen weg vom Alkohol hin zum gesunden Leben © Victah Sailer
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Auf leisen Sohlen weg vom Alkohol hin zum gesunden Leben - Dr. Susanne Mahlstedt

Die 43-jährige Tanja aus Osnabrück saß zum Gespräch für dieses Porträt in ihrem sonnendurchfluteten Wohnzimmer. Ein antiker Tisch auf Parkettfußboden bestimmt die Atmosphäre des minimalistisch eingerichteten Raums.

Ihr siebenjähriger Sohn unterbricht hin und wieder mit einem kurzen Anliegen. Angenehme Ruhe liegt in der Luft.

Schnell stellt Tanja fast entschuldigend klar, dass sie keine grandiose Laufgeschichte zu bieten hat, eben keine reißerische Geschichte nach dem Muster, wie sie durchs Laufen ihre Alkoholabhängigkeit besiegt hat. Von den Beispielen der Leute, die die Sucht durch den Ausdauersport besiegt haben, gibt es viele wie die wohl die bekannteste Vita von Andreas Niedrig „Vom Junkie zum Ironman“. Nein. Tanja war zwar auch sehr weit „unten“ während ihrer aktiven Alhoholabhängigkeit, aber jetzt dominiere das Laufen ihr Leben nicht, sondern ihre Arbeit an der Universität und ihr Sohn.

Laufen ist für sie nur eine Nebensache, aber sehr wichtig ist für sie, diese Nebensache trotzdem gut zu pflegen. Angefangen mit dem Laufen hat sie ganz eindeutig aus dem Motiv heraus, abnehmen zu wollen wie viele andere Frauen auch. Während ihrer zweijährigen Betreuungszeit im Rahmen einer ambulanten Wiedereingliederungsmaßnahme wurde ihr von einem erfahrenen Lauftherapeuten eine Laufgruppe zusammen mit anderen Klienten angeboten. Sie machte sehr schnell Fortschritte und konnte beim dritten Trainingstermin schon fast fünf Kilometer laufen.

Während einer anschließenden Mutter-Kind-Kur ist sie mit einer anderen Mutter, die sie allerdings für laufsüchtig hielt, täglich zehn Kilometer gelaufen. Durchs Laufen hat Tanja sechs Kilo abgenommen und fühlt sich dadurch pudelwohl in ihrer Haut. Sie betont sofort, dass Laufen bei ihr überhaupt gar nichts mit Sucht zu tun habe, im Gegenteil, sie müsse sich eher dazu aufraffen. Allenfalls die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Problem, wie das Laufen am geschicktesten in den Tagesablauf eingebunden werden könne, schätzt sie als immerhin suchtähnlich ein.

Im Verlauf des Gesprächs besteht sie auf den Begriff „Zwang“ in Bezug auf ihre Art zu laufen, der zwar für ein anderes psychiatrisches Krankheitsbild steht, im allgemeinen Sprachgebrauch aber nie in einem Atemzug mit Laufen verwendet wird wie der bekannte Vorwurf: „Du bist doch laufsüchtig!" Da liefert sie einen Gedankenanstoß: Wofür könnte „zwangsläufig“ hier stehen?

Lauf zum persönlichen Ziel

Tanja hat mal im Nebenfach Sport studiert, aber sie meint, die Sportlichen seien immer die anderen gewesen, die immer zusammen unterwegs waren und sich irgendwie auserwählt fühlten. Sie hielt sich immer schon für nur mittelmäßig und hatte auch nie die Ambition, weiter als 10 Kilometer zu laufen. Sie wollte vom ersten Laufschritt an einfach nur dabeibleiben und nicht mehr aufgeben, um etwas für ihre Gesundheit zu tun.

Mit diesem Ziel wollte sie sich gleich zu Beginn abgrenzen von den anderen Abhängigkeitserkrankten in ihrer Laufgruppe, die immer vollmundig gleich während der ersten Trainingseinheit vom Marathon als Ziel gesprochen haben, aber dann nach dem zweiten Training nie wieder erschienen sind. Hätte Tanja es nicht länger als ein paar Monate geschafft dabeizubleiben, hätte sie es wohl als Scheitern empfunden. Aber nun läuft sie mit Ermunterungen schon im vierten Jahr zwei-, dreimal die Woche vier Kilometer.

Ihr Lauftherapeut, den Tanja schmunzelnd und recht liebevoll übrigens auch für laufsüchtig hält, weil Laufen eine zentrale Rolle in seinem Leben spielt, hat ihr zu ihrer großen Unterstützung immer geholfen dranzubleiben, indem er sie noch nach Beendigung der Betreuung persönlich motiviert hat – und auch einmal zum 5-km-Frauenlauf angemeldet hat. Davor hatte Tanja einen „Höllenrespekt“, war nach „bestandener Prüfung“ aber umso motivierter. Ihr war es wichtig, während des 5-km-Wettkampfs weder gehen zu müssen noch als Letzte ins Ziel zu laufen.

Das hat sie geschafft, obwohl sie vorher so unglaublich aufgeregt war, dass sie Angst hatte, ihr Herzrasen könne sie am Weiterlaufen hindern. Noch einmal zum „Zwang“: Tanja wiederholt, sie laufe nur für ihre Gesundheit und gehöre auch nicht zu den Läufern, die den Kopf frei zu bekommen und alles um sich herum vergessen, wenn sie laufen, sondern musste sich immer wieder aufraffen, den inneren Schweinehund zu überwinden für den kurzen Kick, sich gut zu fühlen, wenn sie es wieder einmal geschafft hat.

Das Gefühl ähnele dem, wenn sie sich wieder ihrem Putzzwang hingegeben habe und sich hinterher kurz freut, dass es wieder so schön sauber ist. Dazu nur so viel: Schade, dass dem Laufen gerne etwas Pathologisches angehängt werden soll, anstatt einfach die wissenschaftlich bewiesenen Vorzüge zu genießen oder sie zumindest anderen neidlos zuzugestehen.

Während ihrer langen Alkoholentwöhnungstherapie wurde Tanja immer gesagt, dass sie das Loch, das durch den Wegfall des Alkohols entstanden ist, nun anders füllen müsse.

Diese Funktion hat bei ihr die Arbeit übernommen. Dadurch hat sie das Gefühl, eine Aufgabe im Leben zu haben. Das Laufen hat bei ihr diese Qualität gar nicht. Das diene ausschließlich dazu, ihr persönliches Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und immer etwas für die Gesundheit zu tun, nämlich sich zu bewegen, anstatt nur auf dem Schreibtischstuhl zu hocken.

Bei Tanja ist das Laufen tatsächlich keine Leidenschaft. Es schafft weder verletzungsbedingtes Leiden durch überlastungsbedingte Verletzung noch das traurige Scheitern an unrealistischen Zielen, sondern trägt zu einem gesunden, ausgewogenen Lebensstil bei.

Es unterstützt ihr Leben ohne Alkohol als einen Faktor neben anderen. Auf ganz unspektakuläre, leise Art – auf ihre Art.

Dr. phil. Susanne Mahlstedt in LAUFZEIT&CONDITION - 11/2015
Heilpraktikerin für Psychotherapie
Kreatives und Biografisches Schreiben M.A.
Forstmeisterweg 64
23568 Lübeck
Tel.: 0451/5061631

www.schreibtherapie-und-coaching.de

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