• Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung -  IAAF-Korruptionsskandal - Digel hat’s gewusst
    Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - IAAF-Korruptionsskandal - Digel hat’s gewusst © privat
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IAAF-Korruptionsskandal - Digel hat’s gewusst - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Wegen seiner Rolle im Korruptionsskandal beim Leichtathletik-Weltverband fühlte sich Helmut Digel lange Zeit verleumdet. Jetzt muss er einen Vorgang einräumen, der seine Verteidigungslinie zusammenbrechen lässt.

Eine „unglaubliche Verleumdung“ beklagte Helmut Digel vor ziemlich genau neun Wochen. Er meinte den Verdacht der Mitwisserschaft.

Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hatte ihn ausgesprochen, als er auf der Vollversammlung des deutschen Sports am Nikolaustag Theo Zwanziger und Digel vorwarf, ihrer Verantwortung in den Weltverbänden für Fußball und Leichtathletik, der Fifa und der IAAF, nicht gerecht geworden zu sein. Digel verlangte eine Entschuldigung, Hörmann blieb bei seinem Vorwurf.

Nun ist der Verdacht der Mitwisserschaft des emeritierten Professors, ehemaligen Verbandspräsidenten und mehrmaligen Sportfunktionär des Jahres so groß geworden, dass er fast schon ein Beleg ist.

In einem Sumpf aus Gier und Skrupellosigkeit, zu dem der Weltverband der Leichtathleten offenbar verkam, trieben Doping und Korruption Blüten, und zu Recht muss sich Sebastian Coe, der neue Präsident der IAAF, fragen lassen, wie er in acht Jahren als Vizepräsident und bei seiner steilen Karriere als bestens vernetzter Sportvermarkter vermeiden konnte, dass ihm auch nur der Geruch davon in die Nase stieg.

Der Soziologe Digel, der sich eine Haltung der teilnehmenden Beobachtung zugelegt hatte und Personen und Strukturen der Verbandswelt mit schneidender Schärfe beurteilte, scheint im Gegensatz zu Coe nicht trockenen Fußes über Dreck und Abgründe hinwegspaziert zu sein.

Bröckelnde Verteidigung: Helmut Digel wusste mehr von den Schmiergeldzahlungen beim IAAF, als er bislang zugeben mochte.

Er muss einräumen, dass er im „Hotel Mövenpick“ am Stuttgarter Flughafen dabeisaß, als Papa Massata Diack, der ungenierte Geldeintreiber seines Vaters, von der Stadt eine Million Dollar forderte – ganz eindeutig nicht nur für die Entwicklung des Sports in den ärmsten Gegenden der Welt, sondern auch und vor allem, um andere und sich selbst zu schmieren.

Auch wenn Digel darauf hinweist, dass die Vertreter der Kommune der Aufforderung zur Korruption nicht folgten: Was, wenn nicht seine Mitwisserschaft hat Digel in die Lage versetzt, den zwölf Jahre zurückliegenden Vorgang nun der Ethik-Kommission des Weltverbandes zu melden?

Die Forderungen von Stuttgart waren Teil eines Musters. Nach ihm hat der Diack-Clan den moralischen Kern der Leichtathletik ausgehöhlt – unter den Augen der derjenigen, die Verantwortung übernommen hatten für diesen Sport.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Donnerstag, dem 11. Februar 2016