• Olympische Höhenflüge: Ulrike Meyfarth holte Gold im Hochsprung bei den Spielen 1972 in München und 1984 in Los Angeles.
    Olympische Höhenflüge: Ulrike Meyfarth holte Gold im Hochsprung bei den Spielen 1972 in München und 1984 in Los Angeles. © picture alliance - Sven Simon
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Ulrike Nasse-Meyfarth - „Ein Sportministerium wäre ein Fortschritt“ - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Zwei Mal wurde Ulrike Nasse-Meyfarth Olympiasiegerin im Hochsprung. Nun engagiert sie sich als Lehrerin und Trainerin. Im Interview spricht sie über Doping-Skandale, Reformvorschläge – und die Rolle des Sports in der Gesellschaft.

Sie fordern die Auflösung des Weltverbandes der Leichtathletik, der IAAF. Sind Sie auf Distanz gegangen zur Leichtathletik?

Nein, überhaupt nicht. Man muss unterscheiden zwischen der IAAF und ihrer Vetternwirtschaft, der Korruption, den gekauften Sportlern, der Erpressung, den vertuschten Doping-Tests auf der einen Seite und dem Spaß am Sport auf der anderen. Ich lasse mir durch diesen schlimmen Laden meine Leichtathletik nicht verderben.


Sie arbeiten als Trainerin bei Bayer Leverkusen mit Kindern von fast acht bis vierzehn Jahren. Sehen die das genauso?

Sie haben Spaß an der Bewegung. Ich erlebe, dass sie sich animieren lassen und dass die Arbeit mit ihnen fruchtet. Ob sie bei der Leichtathletik bleiben, hängt mit ihrer familiären und persönlichen Entwicklung und etlichen anderen äußeren Umständen zusammen und zum Glück nicht mit der IAAF.


Bleiben Eltern und Kinder weg wegen des verheerenden Bildes, das die IAAF abgibt?


Das glaube ich nicht. Sie haben ja nichts mit dem Leichtathletik-Weltverband zu tun. Von den Eltern sind jedenfalls keine weggegangen. Mit deren Aufwand und Engagement, ihre Kinder regelmäßig zum Sport zu bringen, steht und fällt ja unsere Arbeit. Die Sportler, die in die nationale Spitze vordringenden, fürchte ich, werden aber die Folgen der Doping-Praktiken und ihrer Vertuschung zu spüren bekommen. Schon seit geraumer Zeit wird jeder Erfolg hinterfragt, ob er sauber errungen wurde. Das ist unerträglich.


In welcher gesellschaftlichen Rolle sehen Sie den Sport?

Sport ist Teil der körperlichen Ausbildung und der charakterlichen Erziehung. Die muss zunächst mal in Kindergärten und Schulen ansetzen. Daran mangelt es. In vielen Bundesländern finden nicht einmal Sport und Schule zusammen. Jetzt kommt noch dazu, dass der Sport Aufgaben der Integration insbesondere von Migranten und Flüchtlingen erfüllen soll. Im Hochleistungsbereich erfüllt der Sport dann auch noch eine repräsentative Aufgabe für den Staat und dessen Reputation.


Schafft der Sport das alles?

Ohne Hilfe wird das den Vereinen und nationalen Verbänden sicher nicht gelingen. Zum Beispiel sollten Krankenkassen und Sport in der Gesundheitsvorsorge viel intensiver zusammenarbeiten. Aber letztlich wird es, glaube ich, ohne die gezielte Unterstützung durch den Staat nicht gehen. Ich erwarte, dass er sich viel mehr engagiert.

Sie sehen den Bund in der Pflicht?

Sport ist ein Teil unserer Zivilisation. Er ist eine wichtige Zutat zur Gesundheit, zur Selbstverwirklichung, zum Zusammenleben, letztlich zum Guten der Gesellschaft und zum Glück eines jeden Einzelnen. Warum verteilt die Politik das auf verschiedene Ressorts?

Wie stellen Sie sich eine Lösung vor?

Ich bin keine Politikerin. Aber warum kann man, wenn man sieht, dass es hakt und dass die Aufgaben immer größer werden, nicht mal Föderalismus Föderalismus sein lassen und den Bund in die Verantwortung nehmen? Ich würde ein Ministerium für Sport als großen Fortschritt empfinden.

Eines, das mehr tut, als den Spitzensport zu fördern?

Gesundheit, Integration, Entwicklung – wir wissen alle, was Sport leisten kann. Man muss ihm die Chance dazu geben.

Wie wichtig ist das Vorbild, wie erleben Sie die Faszination Goldmedaille?

Manchmal kommen Kleine auf mich zu und sagen, die Mama hat gesagt, Sie sind Olympiasiegerin. Aber begreifen tun die das nicht. Kinder leben im Jetzt, vergleichen sich im Jetzt, sie sehen, ob sie sich verbessert haben, ob sie gewonnen haben oder nicht.

Aber sie sehen die Leichtathletik nicht mehr im Fernsehen. Hat das Folgen?


Ich muss meinen Kindern im Training erst mal erklären, was ein Schersprung, was ein Flop und was ein Tiefstart ist – so was haben sie noch nie gesehen. Die meisten jedenfalls. Nur wenige Kinder spielen noch draußen und versuchen sich am Handstand. Mit einer Rolle vorwärts wird’s schon schwierig. Der Hürdenläufer Harald Schmid hat schon vor Jahren gesagt, dass manche Kinder nicht einmal rückwärts laufen können.

Sehen Sie eine Lösung?

Der Wintersport hat sich zusammengetan und bietet den öffentlich-rechtlichen Sendern ganze Wettkampftage, ganze Wochenenden mit einer Palette von Wettbewerben. Es ist eine Aufgabe der Leichtathletik und anderer Sommersportarten wie zum Beispiel Schwimmen, Rudern und Kanu, ihre Events ebenso zu organisieren. Wir müssen aber auch lernen, dass es nicht immer Spitzenergebnisse und Rekorde geben kann, sondern die Wettbewerbe an sich einen Wert haben: Wer besiegt wen, wer ist Erster, wer Zweiter?

Wie erleben Sie Leichtathletik in Deutschland?

Bei uns werden Sportler erst mal skeptisch angeschaut: Warum tust du dir diesen Aufwand an und vernachlässigst Studium und Berufsausbildung? In Ländern, in denen der Sport, insbesondere die Leichtathletik, ein Mittel des sozialen Aufstiegs ist, werden sie bewundert. In Kenia, in Äthiopien haben Läuferinnen und Läufer ein Ansehen und materielles Auskommen wie bei uns nur Fußballer.

Sie haben einmal beschrieben, wie verunsichert Sie als junges Mädchen durch Ihre Länge waren...

Ich war froh, dass ich meinen Sport hatte. Ich war unter meinesgleichen, Mädchen, die noch größer waren als ich. Wenn man das sieht, geht man anders durchs Leben, als wenn man sich immer von den Zwergen hänseln lassen muss. In der Leichtathletik gibt es für jeden eine Disziplin, egal, ob dick oder dünn, ob klein oder groß. Da findet jeder etwas, um sich zu verwirklichen.

Sport als Entwicklungsprogramm?

Ich sage immer: Ihr müsst eure Kinder gut über die Pubertät bringen, dann habt ihr viel erreicht. Alles andere ist Zugabe. Diese Einstellung, dass Sport und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz Kindern und Jugendlichen durch schwierige Zeiten und kniffelige Situationen hinweghelfen, muss eigentlich vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule verbreitet, aber auch von den Eltern wenn nicht vorgelebt, aber zumindest gefördert sein. Leider ist es das überhaupt nicht.

Und was machen wir mit der IAAF?

Zumindest das Council muss aufgelöst werden. Wer da drin war, hat fast alles gewusst, das sagt auch die Kommission der Wada. Die IAAF, wie viele andere nationale und internationale Verbände auch, braucht einen hauptamtlichen Vorstand mit einer Aufsicht aus wenigen kompetenten und seriösen Leuten.

Sie trauen Sebastian Coe die Reform nicht zu?

Wie soll man einen Apparat mit solchen Verstrickungen von innen heraus erneuern? Erst lässt er sich von einer Mehrheit wählen, nun soll er sie brüskieren – das geht überhaupt nicht.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Montag, dem 29. März 2016