• Hand in Hand – auf Platz 81 und 82. Anna und Lisa Hahner beim olympischen Marathon.
    Hand in Hand – auf Platz 81 und 82. Anna und Lisa Hahner beim olympischen Marathon. © Victah Sailer
  • Ein Tänzer im Frack erwartete sie, und aus dem Boxen tönte Wiener Walzer. „Eine perfekte Inszenierung“, schwärmt Konrad noch heute.
    Ein Tänzer im Frack erwartete sie, und aus dem Boxen tönte Wiener Walzer. „Eine perfekte Inszenierung“, schwärmt Konrad noch heute. © Victah Sailer
  • Nicht ohne meine Zwillingsschwester: Die beiden Leichtathletinnen gibt es nur im Doppelpack.
    Nicht ohne meine Zwillingsschwester: Die beiden Leichtathletinnen gibt es nur im Doppelpack. © Victah Sailer
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Kritik an Marathonläuferinnen - Das gespielte Glück der Hahner-Twins - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Hahner-Twins sind eigentlich drei: Ihr Manager hat sie als Marke plaziert. Doch bei vielen Marathon-Veranstaltern sind die Läuferinnen mittlerweile unerwünscht. Das hat Gründe.

Marathon in Frankfurt – und die bekanntesten Läuferinnen Deutschlands fehlen. Nicht, dass man von Anna und Lisa Hahner erwarten konnte, dass sie elf Wochen nach dem Marathon der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro schon wieder 42,195 Kilometer laufen.
 
Doch bei einer solchen Messe des Laufsports zeigen sich alle, die Rang und Namen haben in der Szene. Wer nicht um Sieg oder Platz läuft, rennt in einer Staffel oder als Tempomacher einen Teil der Strecke oder zeigt sich wenigstens. Die Zwillinge stammen zudem aus der Nachbarschaft, aus Rimmels bei Fulda, anderthalb Stunden entfernt.

Beim Berlin-Marathon Ende September haben sich Anna und Lisa gezeigt, fröhlich wie immer. Die Abwesenheit der Hahner-Twins in Frankfurt am Sonntag war Folge von Rio. Anna und Lisa machten Schlagzeilen, wie sie auf Platz 81 und 82 ins Sambadrom von Rio de Janeiro einliefen, wie sie Händchen hielten und wie sie begeistert strahlend vom Erlebnis Olympia schwärmten, obwohl sie in 2:45,32 Stunden gut eine Viertelstunde über ihren Bestzeiten blieben.

Nun erweist sich ihr Lächeln als Talmi, ihr Glück als gespielt.

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„Warum muss man mit aller Gewalt verkaufen wollen, dass man immer lacht und alles immer super ist?“, hatte schon damals die Läuferin Sabrina Mockenhaupt auf Facebook gefragt. Der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Thomas Kurschilgen, warf den beiden Respektlosigkeit gegenüber den Olympia-Teilnehmern vor und kritisierte, dass sie den Wettkampf als Fototermin missbrauchten. „Bei Olympia darf die PR-Strategie nicht über den Interessen einer deutschen Nationalmannschaft stehen.“

Damals schien die Erwartung eines Spitzensportverbandes mit der Haltung von zwei jungen Läuferinnen zu kollidieren, die aus der Trimmtrab-Szene aufgestiegen sind und immer noch deren Credo vom Spaß als erster Prämisse vertreten: Genuss statt Qual.

Mit siebzehn waren sie - als Fans der Kelly Family - zu einem Motivationsvortrag von Joey Kelly gegangen. Dieser Spross der Musiker-Familie hat sich als sogenannter Extremsportler profiliert, läuft Marathon, nimmt an Promi-Boxen und Wok-Rodeln teil. „Das hat uns so geflasht und motiviert“, erzählte Anna in einer Talkshow, dass sie am folgenden Morgen in Tischtennisschuhen und Baumwolltrikots zu ihrem ersten Lauf antraten. „Es ging weniger um Sport, als vielmehr darum, das zu erleben, was Joey uns beschrieben hat.“

Neun Jahre später starten sie bei den Olympischen Spielen unterm Zuckerhut.

Sie behaupten: Ein Traum wird wahr.

Zwar sind die Beine nicht richtig gut, doch sie genießen die großartige Stimmung und finden sich - zufällig - wenige hundert Meter vor dem Ziel wieder. Die Wahrheit könnte sein: Rio war das Finale eines Albtraums. Man muss die jungen Damen bewundern für ihre Fähigkeit, auf dem Tiefpunkt so zu lächeln.

Während der Olympischen Spiele wird bekannt, dass die Kenianerin Edinah Kwambai beim Hannover-Marathon im April gedopt gewesen war. Anna Hahner, die dort in 2:30:35 Stunden als Zweite im Ziel war, wird zur Siegerin erklärt. In einem Newsletter beschreibt sie damals den olympischen Marathon zwar als eine ihrer härtesten körperlichen Erfahrungen. „Wir haben uns die Hand gereicht, anstatt die Ellenbogen auszufahren“, schwärmt sie dennoch.

„In Hannover hatte ich keine Chance, den Zieleinlauf auf Platz eins zu feiern. In Rio habe ich die letzten Meter gefeiert. Für mich war es ein Sieg über mich selbst bei einem Marathon, der mir körperlich alles abverlangt hat. Und wenn ich mir nach 2:45 Stunden, was eine völlig hinter jeder Erwartung liegende Zeit ist, die letzten 95 Meter für mich und Lisa nehme, dann ist das mein Statement für meinen Sport. Ich liebe Laufen, bis zum letzten Meter.“

„Brauchen nie mehr an den DLV herantreten“

In Wahrheit könnte der Auftritt von Rio mehr ruiniert haben, als an jenem Sonntag im August zu erkennen war.

Beim Frankfurt-Marathon am vergangenen Wochenende jedenfalls waren Anna und Lisa nicht willkommen. Es sei besser, teilte Veranstalter Jo Schindler den Zwillingen mit, eine Saison Pause voneinander zu machen. „Ich bin nicht dagegen, dass jemand lächelnd ins Ziel kommt“, sagt er gegenüber FAZ.NET, „aber ich habe ein Problem damit, wenn jemand den Eindruck erweckt, nicht sein Bestes gegeben zu haben und dieses schlechte Ergebnis als Triumph feiert.“

Für Schindler ist das Abschneiden der Hahner-Zwillinge umso bitterer, als die großen Veranstalter Deutschlands auf eine Senkung der deutschen Olympia-Norm, für die Frauen von 2:28:30 auf glatte zweieinhalb Stunden, gedrängt hatten.

Der Verband folgte, nur so waren Anna und Lisa qualifiziert für Rio. „Nach diesem Auftritt brauchen wir nie wieder an den DLV herantreten“, schimpft Schindler. „Der Verband erwartet Teilnehmer, die sich bewusst sind, dass sie Deutschland in der Welt vertreten.“ 

Das Bild von den unbeschwerten Zwillingen trügt. In Wirklichkeit sind die Hahner-Twins drei.

Zu den beiden Läuferinnen, die im November 27 Jahre alt werden, gehört, seit der Hochzeit mit Anna enger denn je, Thomas Dold. Der 32-Jährige will nicht als Manager betrachtet werden; er firmiert als „Impulsgeber, Referent, Mentaltrainer“. Er ist Diplom-Betriebswirt, hat sieben Mal den Treppenlauf im Empire State Building von New York gewonnen und im Sommer den Weltrekord im Rückwärtslaufen über 10.000 Meter verbessert.

Seine bemerkenswerteste Leistung dürfte die Erfindung der Marke Hahner-Twins sein.

Dazu gehört der Hahner-Twins-Club mit Mitgliedschaften in Gold, Silber und Bronze und einer geschlossenen Facebook-Gruppe.

Für 89 bis 159 Euro Jahresbeitrag gibt es einen Trainingsplan, eine Kiste Mineralwasser, Rabatt bei Adidas und beim Nüssekauf, Nachrichten, Laufanalysen und die Chance auf persönliche Begegnungen.

„Mit uns kannst du schneller, gesünder und schöner laufen“, verspricht Lisa im Video. Zehn Sponsoren sind auf der Website genannt. „Meistens können sich Topathleten erst nach großen Siegen und Olympiamedaillen ums Geldverdienen und um die Vermarktung kümmern“, schrieb der „Spiegel“. „Die Hahners machen es andersrum.“

„Herrn Dold würde ich als größtes Übel ansehen“

Zweimal hat Dold den Wunsch von FAZ.NET nach einem Gespräch abgelehnt. Die Läuferinnen, so seine Argumentation, sollten nicht zurück, sondern nach vorn schauen. Ein Journalist aber könne im Interview auf Fragen nach Rio nicht verzichten. Ergo: kein Interview. Auch er selbst wollte Fragen nicht beantworten. Nicht einmal die, warum Anna und er ein Geheimnis daraus machen, dass sie in diesem Jahr geheiratet haben. Und: Ob er sie verletzt in Rio hat starten lassen.

„Herrn Dold würde ich als das größte Übel ansehen“, sagt Wolfgang Konrad, der Veranstalter des Wien-Marathon.

„Er ist ein Emporkömmling, der den Umgang mit Leistungsträgern nicht gelernt hat.“ Dabei hatte die Beziehung so schön begonnen. „Wenn ich gewinne, will ich Walzer tanzen im Ziel“, hatte Anna Hahner vor dem Start im April 2014 gesagt. Und dann spurtete sie, nach 2:28:59 Stunden, tatsächlich als Erste auf den Wiener Heldenplatz.

Ein Tänzer im Frack erwartete sie, und aus dem Boxen tönte Wiener Walzer. „Eine perfekte Inszenierung“, schwärmt Konrad noch heute. Im Herbst verbesserte Anna ihre Bestzeit in Berlin auf 2:26:44 Stunden.

Das wirkte wie das Versprechen, wenn schon nicht in die Klasse einer Irina Mikitenko (Bestzeit 2:19:19) vorzustoßen, so doch an die Leistungen von Uta Pippig (2:21:45) und der heutigen Bundestrainerin Kathrin Dörre (2:24:35) anzuknüpfen. Beim Wien-Marathon 2015 jedoch lief Anna langsam wie in keinem ihrer fünf Marathons zuvor. Sie wurde Fünfte in 2:30:50 Stunden.

Als jemand von BMW, einem der Sponsoren des Laufs und der Zwillinge, Anna bat, für ein Foto kurz vor dessen Stand zu treten, lehnte Dold ab. Es sei ungeklärt, sagte er laut Konrad, wer dafür zahle.

„Ich habe geglaubt, ich explodiere innerlich“, erinnert sich der Veranstalter. „In dem Moment war klar: Ich werde sie nie wieder nach Wien einladen.“

Mag sein, dass der umtriebige Dold, vom Lauf-Magazin „Spiridon“ einmal als „Thomas Dollar“ beschrieben, den Ast absägt, auf den er die Hahner-Twins gesetzt hat. Als Bundestrainer Wolfgang Heinig vor drei Jahren die Zusammenarbeit mit den Läuferinnen beendete, warf er ihnen vor, dass sie mehr Öffentlichkeitsarbeit als Training im Sinn hätten.

Postwendend verlor Anna ihre Stelle bei der Bundeswehr. Sie revanchierte sich, indem sie statt bei der EM in Zürich den Berlin-Marathon lief. Seitdem, so scheint es, hat zumindest Anna systematisch ihre Gesundheit ruiniert.

Eine Welt aus Websites und Werbe-Videos

Auf die Frage jedenfalls, ob er, wie die Hahner-Twins angeben, ihr Trainer sei, antwortet der renommierte italienische Coach Renato Canova: „Ja, ich folge immer noch der Vorbereitung von Anna und Lisa.“ Die eher distanzierte Kooperation scheint den Punkt erreicht zu haben, an dem auch Bundestrainer Heinig war. „Sie brauchen größere Konzentration im Training, ohne Energie für Aktivitäten zu verschwenden, die nichts mit einer echten Strategie zu tun haben“, schreibt der 71 Jahre alte Meistertrainer aus Italien in einer E-Mail.

Anna habe 2015 eine Belastungsfraktur erlitten, was ihr einige Probleme mit dem (rechten) Bein eingebracht, sie aber nicht vom Training abgehalten habe. Dessen Qualität habe gelitten. In den zwei Monaten vor Rio habe sie unter Schmerzen trainiert, schreibt Canova; derzeit plane sie mit ihrem Mann Thomas, Canovas Trainingspläne an ihre Möglichkeiten anzupassen, etwa ans Schwimmen oder Radfahren, abhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten. Lisa habe vor Rio Schwierigkeiten gehabt, sich von langen Trainingseinheiten zu erholen. Sie sei nun so weit, dass sie wieder mit dem Training beginnen wolle.

Newsletter 2016/11 des Vereins run2sky, den Dold für die Zwillinge gegründet hat, bestätigt den Befund.

Weil sie ihr rechtes Bein beim Hannover-Marathon nicht belasten konnte, schreibt Anna Hahner, habe sie eine Magnetresonanztomographie machen lassen. Dabei sei ein zuvor nicht diagnostizierter Ermüdungsbruch im Lendenwirbelbereich entdeckt worden. Er sei verheilt gewesen, habe aber eine chronische Sehnenreizung mit Wassereinlagerung ausgelöst. Statt zu pausieren, habe sie weiter trainiert. „Gefühlt bin ich deshalb den Marathon nur auf dem linken Bein gelaufen“, schreibt sie über Rio. „Der Arzt hat mir meine Verletzung so erklärt. Ich bin mit einem ausgefransten Hanfseil losgelaufen. Das hätte halten können, hat es aber nicht und ist angerissen. Das ist keine leichte Verletzung, und es wird heilen. Und das wird nicht nur ein paar Tage, sondern viele Wochen brauchen.“

DLV-Sportdirektor Kurschilgen ist überrascht.

„Die Kommunikation der Hahner-Zwillinge und ihres Managers Thomas Dold gegenüber den Leistungssportverantwortlichen im DLV war nie von Offenheit und Aufrichtigkeit geprägt“, schreibt er. „Insofern wurden Verletzungs- und Gesundheitsprobleme im Vorfeld der Olympischen Spiele in Rio nicht kommuniziert.“

Marathon-Karrieren können bis hoch in die dreißig gehen.

Anna und Lisa Hahner haben Zeit für ein Comeback. Dazu brauchen sie eine verantwortungsbewusste und kompetente Betreuung.

Was sie haben, ist eine Welt aus Websites und Werbe-Videos.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Dienstag, dem 1. November 2016

 Michael Reinsch