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    Gauck und Olympia - Einwurf von ganz oben © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
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Gauck und Olympia - Einwurf von ganz oben - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Bundespräsident Gauck fordert in der deutschen Sportdebatte die Einmischung der Athleten – und geht selbst mit gutem Beispiel voran. Mit einem Wunsch bringt er die Verbände in Verlegenheit.

Eine neue Olympia-Bewerbung Deutschlands, eine größere Bedeutung des Schulsports und den Bau von Sportstätten für Schulen und Vereine wünscht sich Joachim Gauck.
 
Was ihm beim Empfang der Olympia-Mannschaft von Rio de Janeiro in Frankfurt am Main herausgerutscht sei, wolle er nun offiziell wiederholen, sagte der Bundespräsident bei der Auszeichnung von 160 Athletinnen und Athleten mit dem Silbernen Lorbeerblatt am Dienstag in Berlin: „Ich fände es gut, wenn Olympia noch einmal nach Deutschland kommt.“

Selbstverständlich akzeptiere er die ablehnende Entscheidung der Bürgerinnen in Hamburg und München. Er sehe auch, dass es großes Unbehagen gegenüber internationalen Sportorganisationen gibt, das er in bestimmten Bereichen teile.

„Hier gilt es, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen; es muss nicht das Ende sein“, fuhr er fort. „Wenn dies gelingt, dann sehe ich auch gute Chancen, dass wir uns später einmal wieder bewerben. Olympia im eigenen Land - das wäre etwas Schönes. Die Älteren wissen noch, dass es etwas Schönes ist, sein Land mit Olympischen Spielen in der Welt vorzustellen und damit dessen Modernität.“

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215 Athletinnen und Athleten haben in Rio de Janeiro 99 Medaillen gewonnen - beim Bundespräsidenten wird Olympischer und Paralympischer Sport integriert. Nicht nur Joachim Gauck, sondern ganz Deutschland sage ihnen Dank, rief der Präsident denen zu, die kamen. Weil für sie alle in den Räumen von Schloss Bellevue nicht ausreichend Platz war, fand die Veranstaltung im Tanz- und Kulturzentrum Radialsystem an der Spree statt.

„Vertrauen in uns selbst, Ehrgeiz, aber auch Ehrlichkeit und Fairness - das sind nur einige Eigenschaften, die der Sport uns lehren kann“, sagte Gauck. „Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland wieder mehr Wert darauf legen, die Voraussetzungen für diese Schule des Lebens zu schaffen. Fällt der Sportunterricht zu häufig aus, ist das eben keine Lappalie. Wer Erfolg im Spitzensport will, wird den Schul- und Breitensport nicht vernachlässigen können.“

Gauck forderte die Athleten auf, sich an der - wie er sagte: heftigen - Debatte um die künftige Organisation des Spitzensports in Deutschland zu beteiligen.

Grundsätzliche Fragen seien zu klären wie die, wie sich mehr Spitzenleistungen erreichen ließen, und ob Medaillen der einzige Maßstab seien. „Ich versage mir bestimmte Verbindungen“, sagte er in Anspielung auf seine Kritik an einer Orientierung an der Rigorosität des DDR-Sports. Was solle mit Verbänden geschehen, die keine Medaillen gewinnen, fragte er.

„Sollen diese Sportarten abgeschafft werden? Das geht ja nun gar nicht.“ Die Medaillengewinner seien Betroffene und Experten zugleich; sie sollten sich einmischen.

„Sie, liebe Olympioniken“, rief Gauck, „werden um Ihren Erfolg betrogen und wir alle um unseren Stolz darauf und die Freude daran. Doping zerstört nicht nur die Gesundheit der Sportler, es zerstört den Sport selbst. Wo systematisch gedopt wird, sehen wir die Spuren der Zerstörung. Wir sehen sie deutlich.“

Mit dem Wunsch nach einer Olympia-Bewerbung bringt Gauck die Sportpolitik in Verlegenheit.

Sowohl der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in Person seines Präsidenten Alfons Hörmann wie der in der Bundesregierung für Sport zuständige Innenminister Thomas de Maizière haben sich für eine Verschnaufpause beim Thema Olympia ausgesprochen - auch und trotz und vielleicht sogar wegen entsprechenden Ambitionen an Rhein und Ruhr.

Olympia 2028 haben sich jedenfalls Parteien und Aktivisten in Nordrhein-Westfalen auf die Fahnen geschrieben. Sie orientieren sich dabei an den Plänen für Spiele mit Olympiastadion und dem Großteil der Wettbewerbe in Düsseldorf, mit denen sich Nordrhein-Westfalen um die Spiele 2012 bewerben wollte und in der Vorauswahl an Leipzig scheiterte.

Die jüngere Vergangenheit habe den Sport gelehrt, sage Hörmann zu dem Thema, dass die Mehrheit der Menschen vor Ort nicht dafür zu gewinnen sei. In Berlin sagte er nun höflich, dass es schön sei, dass der erste Mann im Staate das Thema so deutlich und so engagiert anspreche.

Doch zunächst gelte es, das Land olympia-reif zu machen. Es bleibe abzuwarten, wann dies der Fall sei.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Mittwoch, dem 2. November 2016 

Michael Reinsch