•  Homiyu Tesfaye Prioritäten umfassen nicht mehr nur den Sport.
    Homiyu Tesfaye Prioritäten umfassen nicht mehr nur den Sport. © Victah Sailer
  •  Läuft Gefahr, sich zu verlaufen: Homiyu Tesfaye konnte schon in Amsterdam die Erwartungen nicht erfüllen
    Läuft Gefahr, sich zu verlaufen: Homiyu Tesfaye konnte schon in Amsterdam die Erwartungen nicht erfüllen © Victah Sailer
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Leichtathlet Tesfaye - Sankt Moritz - der Liebe wegen - Katja Sturm und Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Homiyu Tesfaye galt als kommender Weltklasseläufer mit Medaillenchancen. Jetzt scheint seine Laufbahn zu Ende zu sein: Nicht steuerbar, heißt es. Einfluss hat nur eine - seine Verlobte.

Es war, als sei ein Weltklasseläufer vom Himmel gefallen: 2010 stand plötzlich ein junger Mann auf dem Sportplatz von Eintracht Frankfurt, sagte, er heiße Homiyu Tesfaye, stamme aus Äthiopien und habe politisches Asyl beantragt.

Er wollte ein bisschen mittrainieren. Ein Jahr später wechselte er in die Gruppe von Bundestrainer Wolfgang Heinig, drei Jahre später war er Deutscher, auch weil er als Medaillenkandidat bei den Olympischen Spielen von Rio erschien.

Inzwischen scheint die Karriere des Homiyu Tesfaye im Deutschen Leichtathletik-Verband zu Ende zu sein. „Ich bin maßlos enttäuscht“, sagt Heinig, „Er ist nicht steuerbar und deshalb nicht förderwürdig.“

Seit fast einem Jahr wollte Tesfaye von Heinig nur noch Trainingspläne, aber keine Zusammenarbeit mehr. Er verpasste Trainingslager, meldete sich zu längeren Aufenthalten in Äthiopien zwar bei der Bundeswehr ab, deren Sportförderung er genoss, nicht aber beim Bundestrainer, er verpasste Doping-Kontrollen.

Medaillen schienen für ihn in greifbarer Näher zu sein

Zum 1. November ist Tesfaye bei der Bundeswehr ausgeschieden; DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska bestätigt, dass Tesfaye keinem Kader mehr angehöre. Auch Tesfaye bestätigt das. Er habe keinen detaillierten Plan, sagte er dieser Zeitung am vergangenen Samstag, aber er wolle neue Wege gehen.

Es ist gar nicht so lange her, da schienen Medaillen für ihn zum Greifen nahe.

Da lief er über 1500 Meter bei der Weltmeisterschaft 2013 ebenso wie bei der Europameisterschaft 2014 auf den fünften Platz. Die Saison 2015 begann er mit dem deutschen Hallenrekord von 3:34,13 Minuten. Dann stoppte ihn eine Knieverletzung. Lange zögerte Tesfaye die notwendige Operation hinaus, womöglich zu lange. Dann war kaum noch Zeit für eine Saisonvorbereitung.

Heinig, der im Frühjahr 2016 mit seinen Athleten in Kenia trainierte, schwor damals Stein und Bein, dass Tesfaye in Frankfurt im Stadtwald trainiere. Nach der Europameisterschaft beendete er, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, die Zusammenarbeit. Tesfaye, vom Leistungsvermögen her einer der besten 1500-Meter-Läufer Europas, war in Amsterdam in einem irrwitzigen Massensprint lediglich Zehnter geworden.

Kein Training in Deutschland, kein Trainingslager

Dann kam Olympia. „Ich dachte nicht, dass ich die Norm dafür schaffen würde“, sagt Tesfaye rückblickend. Erst ein Protest der deutschen Mannschaft brachte ihn in Rio ins Halbfinale über 1500 Meter. Fast neun Sekunden über seiner persönlichen Bestleistung (3:31,98 Minuten) kam er ins Ziel und nicht in den Endlauf.

Mit dem DLV plante er in den vergangenen Wochen die nächste Saison, dann erschien er nicht zum ersten Training. „Er will seinen Wohnsitz in St. Moritz nehmen, er will nicht in Deutschland trainieren, und er will nicht mit uns ins Trainingslager“, sagt Landestrainer Georg Schmidt, der intensiv mit Tesfaye gesprochen hat. „Das deckt sich null Komma null mit dem, was wir wollen.“

Tesfaye zieht dennoch zufrieden Bilanz. „Ich hatte eine gute Zeit und keine Probleme mit ihm“, sagt er über die Zusammenarbeit mit Heinig. Als sich die beiden am Samstag beim Jahresabschluss der Eintracht in Frankfurt trafen, sprach ihn der bald 65 Jahre alte Trainer auf den Rückgang der Muskulatur in Oberkörper und Beinen an.

Ja, habe Tesfaye geantwortet, er müsse endlich mal wieder richtig trainieren. Doch wie soll das geschehen, fragen sich die Trainer, die mit ihm zu tun hatten.

„Ich bin verliebt. Man lebt nur einmal.“

Er beharre darauf, nach St. Moritz zu ziehen, wo für einen Ausdauersportler im Winter allein Skilanglauf möglich ist. „Er ist gewiss noch ein Athlet“, sagt Schmidt. „Mit ein bisschen Training kann er schnell wieder gut werden.“ Doch Tesfaye kann gar nicht Ski laufen.

Schnell stellt sich im Gespräch heraus, worum sich das Leben und Denken des jungen Mannes dreht: Maryam Yusuf Jamal, Weltmeisterin über 1500 Meter von Osaka 2007 und Berlin 2009 sowie, seit der Disqualifikation der Siegerin, Olympia-Zweite von London 2012, habe die notwendige Erfahrung, um ihn zu beraten, sagt er. Seit dem vergangenen Jahr ist er mit ihr verlobt.

Sie stammt wie er aus Äthiopien, erhielt gemeinsam mit ihrem damaligen Mann 2004 politisches Asyl in der Schweiz und nahm im selben Jahr die Staatsbürgerschaft Bahreins an; dafür gab sie ihren Namen Zenebech Kotu Tola zugunsten des arabischen auf. Ihre sportlichen Erfolge haben sie zu einer wohlhabenden Frau gemacht. In St. Moritz besitzt sie eine eigene Wohnung.

Mangelnde finanzielle Förderung

Bisher habe er Trainingspläne anderer gebraucht, sagt Tesfaye. „Aber jetzt habe ich schon viel Erfahrung gesammelt. Und meine Freundin sagt: Du kennst deinen Körper, dein Trainer nicht. Also musst du die Entscheidungen treffen.“ Das bekam Heinig schon im vergangenen Jahr zu spüren.

Als Homiyu und Maryam ein Paar wurden, trainierte sie in Frankfurt mit und reiste mit ins Trainingslager in die Vereinigten Staaten. Doch Homiyu, sportlich, sprachlich und freundschaftlich bestens integriert, schottete sich gemeinsam mit ihr vom Rest des Teams hab, sagt Heinig.

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Seit Rio macht Tesfaye Trainingspause. Er wolle sich im Winter in Kenia auf die kommende Saison mit den Weltmeisterschaften in London vorbereiten, sagt er. „In Afrika kann ich mir tageweise Pacemaker einkaufen.“ Sollte er einen guten Trainer finden, sei eine Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen. Er werde wohl zwei, drei Hallen-Wettbewerbe bestreiten.

Dass es ihm nun an finanzieller Förderung mangelt, stelle kein Problem dar. Seine Verlobte werde ihn unterstützen. „Wenn meine Beine wieder schnell sind“, sagt er, fließe auch Geld. Man spürt, welch großen Einfluss die 32 Jahre alte Maryam Jamal auf Tesfaye ausübt, der bei seinem Asylgesuch das Geburtsjahr 1993 angab.

„Ich bin verliebt“, sagt Tesfaye. „Man lebt nur einmal.“

Katja Sturm und Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Freitag, dem 18. November 2016

 Michael Reinsch