• Der Lauftreff Bernd Hübner vor dem Start des BIG 25 Berlin
    Der Lauftreff Bernd Hübner vor dem Start des BIG 25 Berlin © Bernd Hübner
  • Dr. Erdmute Nieke
    Dr. Erdmute Nieke © Mario Buß
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Das Paradies ist überall – wirklich? Gedanken beim BIG25 Berlin - Dr. Erdmute Nieke

Über 12.000 Läufer*innen drängen sich bei schon morgendlichen sommerlichen Temperaturen auf dem Olympischen Platz.

Das berühmte, alljährliche  „LT Bernd Hübner“-Gruppenfoto ist gemacht, der Toilettengang (keine Dixis!!!!) ist erledigt.

Gefühlt ist es der erste warme Tag im Jahr. Los geht es!

Lauftempo finden! Doch bei km 2 am Theodor-Heuss-Platz müssen alle Läufer*innen über die Zeitmessmatte, die jedoch höchsten  drei Meter breit ist. Es wird gefährlich, es geht nur noch im Schritttempo, das finden viele nicht gut und drängeln und schieben von hinten, dann ist das geschafft.

Km 5: erstes Wasser, aber die Tische leer, die Helfer füllen die Becher erst ein, Schlangen entstehen….

Am Ernst-Reuter-Platz entdecke ich einen pinkfarbenen Betonbogen, an dem steht ganz groß: DAS PARADIES IST ÜBERALL – 500 Jahre Reformation.

Dieser Slogan lässt mich die restlichen 20 km nicht mehr los. Das Paradies  – ein Ort, an dem Frieden und Gerechtigkeit und Glück und Harmonie herrschen sollen. Auf dem 17. Juni entdecke ich am Sowjetischen Ehrenmahl unglaublich viele Blumen und Kränze. Am Montag war der 8. Mai, Erinnerung an das Kriegsende 1945 und die gefallenen russischen Soldaten – PARADIES?

Kurz hinter dem Brandenburger Tor, km 10, nächster Wasserpoint. Ich freue mich schon eine Weile darauf: Aber, nein, hier ist das Wasser alle! Von einem Jungen am Rande erhalte ich aus einer letzten Flasche einen winzigen Schluck, mindestens 10 Leute teilen sich diesen Rest.

Was ist mit den bestimmt 1000 Leuten, die noch nach uns kommen?

Gendarmenmarkt und Potsdamer Platz, hier stehen die nächsten pinkfarbenen PARADIES-Beton-Tore! Zwei schöne Konzerthäuser könnten vielleicht den Paradiesgedanken erfüllen. Die Musik des Rundfunkorchesters Berlin oder des Deutschen Symphonieorchesters oder der Philharmoniker könnten den Zusatz pardiesisch erhalten.

Doch neben der Philharmonie leuchtet in der Sonne die lange blaue Glaswand, die an die Opfer der Euthanasie in Nationalsozialismus erinnern. Tiergartenstraße 4, von hier aus wurde der Mord an mindestens 70.000 Menschen mit geistigen Behinderungen organisiert unter dem Decknamen „T4-Aktion“ –  PARADIES?

Vorbei geht es an der türkischen Botschaft, im Garten weht die Fahne des Halbmondes zwischen zwei Mauerstücken. Ich trage heute wieder das #FREE DENIZ-T-Shirt vom Berliner Halbmarathon. Der deutsch-türkische Journalist sitzt seit Januar in Istanbul im Gefängnis in einer Sechs- Quadatmeter-Zelle.

Da ist kein Mauerrest, da sind sehr feste Mauern – PARADIES?

Diese Gedanken helfen mir, den Lauf durch die inzwischen ziemlich stickigen Hitze auszuhalten. Bei km 15 am KaDeWe gibt es genug Wasser! Paradiesisch!

An der Leibnizstraße entdecke ich rechter Hand den kleinen Walter-Benjamin-Platz und erinnere mich an sein Leben, der Philosoph ist 1892 in Charlottenburg geboren (o.k. das habe ich gerade gegoogelt), dass er sich von den Nazis verfolgt, 1940 das Leben nahm, hatte ich noch in Erinnerung  – PARADIES?

An der Wilmerdorfer freue ich mich auf meine Laufreundin Tina, die dort als Ordnerin stehen wird. Ob sie etwas Wasser für mich hat? Sie schickt mich zur Ordnerin Martina auf der anderen Straßenseite. Das Läuferfeld ist inzwischen so gelichtet, dass ich gut auf die andere Seite komme und erhalte etwas kühles Nass, DANKE, paradiesisch!

Bei km 20 sind die Trinkbecher alle, die Helfer*innen improvisieren heldenhaft, halbe Wasserflaschen tun es irgendwie. Die Sirenen der Rettungsfahrzeuge sind inzwischen unaufhörlich zu hören und zu sehen. Einige Läufer*innen werden von Sanitätern versorgt, DANKE, alle Helfer*innen leisten heute einen ganz besonderen Einsatz! Ich laufe nur noch nach Puls, die Zeit ist mir inzwischen völlig egal.

So schaffe ich auch noch die letzten 5 km und darf wieder ins Olympiastadion einlaufen. Das Paradiesgefühl wird von den Sirenen und dem Blaulicht eines Rettungswagens im Tunnel vor der blauen Bahn getrübt.

Doch ich laufe auf den 974. Gesamtplatz und bleibe unter drei Stunden und bin gesund und glücklich. Im Ziel erhalte ich von netten Helfern unendlich viel Wasser. Da ist er wieder – der Paradiesgedanke.

Im Koran steht, dass im Paradies Ströme von Wasser, Wein, Milch und Honig fließen sollen.  

Fazit: Das Paradies ist nicht überall, aber an einigen Stellen leuchtet es auf, heute auf der so schönen 25 km Strecke durch das spannende und geschichtsreiche Berlin.

Möge es 2018 wieder laufen und dann vielleicht (Petrus??) mit weniger Hitze und (Berlin läuft!) mit mehr Wasser?

Dr. Erdmute Nieke

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