• Wilson Kipsang (KEN) zeigt bei der Pressekonferenz vor dem Tokyo Marathon seine erhoffte Endzeit: 2:02:50, das wäre Weltrekord.
    Wilson Kipsang (KEN) zeigt bei der Pressekonferenz vor dem Tokyo Marathon seine erhoffte Endzeit: 2:02:50, das wäre Weltrekord. © Brett Larner
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Rückblick auf die internationale Straßenlaufszene im ersten Halbjahr 2017: Weltrekorde und „Breaking2“ – Teil 3

Während sich im Rahmen einer einmaligen PR-Kampagne die Gerüchte verdichteten, dass der Megakonzern NIKE noch im Frühjahr des Jahres einen Angriff auf eine der noch verbliebenen Schallmauern in der Leichtathletik – die 2 Stunden über die volle Marathondistanz – im Rahmen des „Breaking2“-Projekts plante, und der kenianische Ex-Weltrekordler Wilson Kipsang ankündigte beim Tokyo Marathon den Weltrekord angreifen zu wollen, lief zuvor am 24. Februar (Freitag) Gezu Mekonnen (ETH) beim Tel Aviv Marathon 2:12:12.

Zwei Tage später am 26. Februar machte Wilson Kipsang seine Ankündigung wahr und legte mit der Spitzengruppe beim Tokyo Marathon ein Höllentempo vor. Schon nach 14:15 Minuten passierte man 5 km sowie 10 km nach 28:50 und lag auf Kurs von 2:01 Stunden. Damit läuft man auf dem erheblich gegenüber den Vorjahren veränderten Kurs, der nun statt in der Einöde des Messezentrums Big Site in der Nähe der Tokyo Station endet, in ganz neuen Dimensionen auf japanischem Boden. Die schnellste Zeit zuvor auf der Insel hatte Tsegaye Kebede im Jahr 2009 in Fukuoka mit 2:05:18 als sog. All Comers Record erzielt.tokyo-2017-WR-2014-proj-menVergleich der projizierten Zeiten im Ziel von Wilson Kipsang (schwarz Symbole) und Dennis Kimetto (blaue Symbole). (c) H. Winter

Bis zum Halbmarathon in 1:01:22 sah es für die acht Läufer an der Spitze bestens aus, dann kam allerdings der Einbruch. Bei 30 km lag man schon knapp über dem Weltrekordtempo, kurz vor 35 km konnte sich Kipsang mit den größten Reserven lösen. Aber auch er konnte ein Tempo of Weltrekord-Niveau nicht halten. Mit 2:03:58 lief er trotz allem einen grandiosen Streckenrekord, der aktuell die schnellste Zeit eines Marathonläufers im Jahr 2017 darstellt. Aber auch in Tokyo hatte der Weltrekord von Dennis Kimetto gehalten. Die Mitstreiter mussten der Tempohatz in der Schlußphase Tribut zollen. So kam Gideon Kipketer als Zweiter erst 2 Minuten später ins Ziel. Auch bei den Frauen gab es durch Sarah Chepchirchir in 2:19:47 eine Weltklassezeit.

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Samuel Chelanga (KEN) gewann die 20. Ausgabe der Worlds Best 10K auf Puerto Rico. (c) Veranstalter

Gleichfalls am 26. Februar gewannen Samuel Chelanga (KEN) in 28:19 und Mary Wacera (KEN) in 31:41 das 20. Jubiläum bei den Worlds Best 10K in San Juan auf Puerto Rico. Eine Woche später beendete der Marathon am Lake Biwa die Serie der japanischen Elite-Marathonläufe im Frühjahr. Bis zum Halbmarathon lagen 21 Läufer mit 1:03:19 auf Kurs zu einer Topzeit, dann brach das Feld fast geschlossen ein. Ezebiel Chebii (KEN) gewann in 2:09:06 vor seinem Landsmann Vincent Kipruto. Beim Pariser Halbmarathon lagen Morris Gachaga (EKN) in 1:00:38 sowie Ruth Chepngetich (KEN) in 1:08:08 vorne, weitere 38.000 Finisher folgten ihnen ins Ziel. Aus Marokko wurden vom Marathon in Rabat – wie schon zuvor aus Marrakech – schnelle Zeiten vermeldet; Fikadu Debele (ETH) in 2:09:37 und dessen Landsfrau Alemu Worknech in 2:30:04 waren dort die Besten.

In jenen Tagen wurde auch von den PR-Strategen der Firma NIKE bekannt gemacht, dass am 7. März ein Testlauf über die halbe Distanz im Rahmen des Breaking2-Projekts auf der Autorennpiste in Monza (Italien) über die Bühne gehen sollte. Unter Zuhilfenahme eines „mechanischen Tempomachers“ in Form eines Elektromobils, dessen Tempo alle 200 m durch Zeitmessungen auf das Stundenregime (entspricht 2 Stunden für den Marathon) synchronisiert wurde, gingen die drei (sportlichen) Hauptakteure Eliud Kipchoge (KEN), Zersenay Tadese (ERI) und Lelisa Desisa (ETH) zusammen mit insgesamt 13 Tempomachern auf eine exakt vermessene 2400 m Runde.

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Blick aus dem Rückfenster des Führungsfahrzeugs beim Test für das Breaking2-Projekt am 7. März im Autodrome von Monza. (c) H. Winter

Was sich dann zwei Monate später abspielen würde, deutete sich bei diesem Test schon deutlich an. In einem Mix aus PR, partiell pseudowissenschaftlichem Zutun und Mut zu Grenzerfahrungen war es nur Kipchoge, der in allen Belangen überzeugen konnte. Recht locker lief dieser bei nicht regelkonformer Unterstützung wegen des Austauschs der „Hasen“ und häufiger Darreichung von Verpflegung das Tempo für einen 2-Stunden-Marathon. Im Schlussteil waren seine Mitstreiter zurückgefallen – so sollte es dann auch im Mai passieren – und Kipchoge zog eindrucksvoll sogar noch an, lief sichtbar locker beeindruckende 59:19 für die halbe Distanz und zeigte sich für das Unternehmen bestens gerüstet. Es bestand keine Frage, dass hier der aktuell beste Läufer auf diesen Distanzen agierte.

An anderen Orten dieser Welt ging es derzeit auf normalem Niveau weiter. Beim Barcelona Marathon am 12. März siegte der Tempomacher Jonah Chesum (KEN) in 2:08:57, bei den Frauen lief Helen Bekele (ETH) mit dem deutschen Marcel Bräutigam als Tempomacher in 2:25:04 Streckenerkord. In einer netten Geste hatten die Organisatoren in Anbetracht des 25. Jubiläums des Olympischen Marathon die sechs Medaillen-Gewinner nach Barcelona eingeladen. Auch Stephan Freigang, der damals Bronze gewann, war dabei und lief als einziger der sechs Veteranen den vollen Marathon, sogar in beachtlichen 2:03 Stunden.

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Yuka Ando (JPN) war die eigentliche Entdeckung beim Nagoya Marathon. (c) Veranstalter

Gute Zeiten gab es auch auf dem nicht regelkonformen Punkt-zu-Punkt-Kurs des Halbmarathon von Rom ins Seebad Ostia. Guyle Adola (ETH) gewann in 59:18 bei den Männern, Gladys Cherono (KEN) in 1:07:01 bei den Frauen. Schnell war man auch beim Frauen-Marathon in Nagoya den die mittelerweile für Bahrain startende Kenianerin Eunice Kirwa in 2:21:17 gewann. Dabei musste sie bis zum Stadiontor kämpfen, um die Marathon-Novizin Yuka Ando (JPN) loszuwerden, die in 2:21:36 mit einem mehr als ungewöhnlichen Laufstil ohne Armeinsatz ein grandioses Debüt aufs Plaster legte.

Dagegen konnte man beim 43. City-Pier-City Halbmarathon in der niederländischen Hauptstadt Den Haag das Leistungsniveau der vergangenen Jahre kaum halten. Jungstar Geoffrey Yegon (KEN) gewann in 59:56 knapp vor Edwin Kiptoo in 59:59, nur zwei Athleten blieben unter einer Stunde. Dafür lief die überraschende Siegerin bei den Frauen, die Schweizerin Fabienne Schlumpf, mit 1:10:17 einen neuen Landesrekord. Einen Tag später, am 13. März, kam dann traurige Kunde aus Milton in Kanada. Nach einer kurzen Krebserkrankung war die Lauflegende Ed Whitlock im Alter von 86 Jahren verstorben. Seine Altersrekorde haben die Qualität für die Ewigkeit, erst im letzten Oktober lief er in Toronto als 85-jähriger den vollen Marathon in unter 4 Stunden. R.I.P., Ed.

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Lauflegende Ed Whitlock aus Milton (Kanada): 6.3.1931 – 13.3.2017

Helmut Winter

Teil 4 folgt.

Themengleich:

Rückblick auf die internationale Straßenlaufszene im ersten Halbjahr 2017: Weltrekorde und „Breaking2“ – Teil 2 - Helmut Winter berichtet

Rückblick auf die internationale Straßenlaufszene im ersten Halbjahr 2017: Weltrekorde und „Breaking2“ – Teil 1 - Helmut Winter berichtet