• Rico Freimuth: „Wir können nicht Mitglied dieses Achtkampfteams bleiben.“
    Rico Freimuth: „Wir können nicht Mitglied dieses Achtkampfteams bleiben.“ © Victah Sailer
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Protest gegen Reform - „Für uns ist der Zehnkampf eine Ideologie“ - Michael Reinsch, Berlin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Idee aus dem Zehnkampf ein Achtkampf zu machen sorgt für Ärger. Prominente Athleten und Trainer protestieren mit Austritt aus den Teams – aber nicht alle schließen sich dem Protest an.

Die Idee, aus Zehn- und Siebenkampf einen Achtkampf für männliche und weibliche Leichtathleten zu machen, sorgt für Ärger.

Am vergangenen Mittwoch traten zwei der stärksten deutschen Zehnkämpfer, der Weltmeisterschafts-Dritte Rico Freimuth (Halle/Saale) und Götzis-Sieger Kai Kazmirek (Neuwied), sowie die Bundestrainer für Zehn- und Siebenkampf aus dem renommierten Zehnkampf-Team aus.

Dessen Präsident Paul Meier hat beim Mehrkampf in Ratingen vor zehn Tagen nicht nur den Vorschlag der radikalen Reform des Zehnkampfs bekanntgemacht. Darüber hinaus wurde öffentlich, dass Meier die Änderungen über den europäischen Verband beim Weltverband IAAF beantragt hat.

„Für uns ist der Zehnkampf eine Ideologie. Er ist seit seiner Olympischen Einführung vor 105 Jahren zu einer Marke in Deutschland und aller Welt geworden“, schreiben die Zehnkämpfer sowie Zehnkampf-Bundestrainer Rainer Pottel, Siebenkampf-Bundestrainer Wolfgang Kühne, der in Halle Rico Freimuth und Michael Schrader trainiert, sowie Kazmireks Trainer Jörg Roos in einem offenen Brief. Darin erklären sie ihren Austritt aus dem gemeinnützigen Verein.

„Die Leitung des Zehnkampf-Teams hielt es nicht für nötig, uns von seiner Vorstellung, einen Achtkampf einzuführen, zu unterrichten“, werfen sie Meier vor. „Dieser Antrag ist nicht mit den Top-Zehnkämpfern, deren Trainern und dem Zehnkampf-Bundestrainer abgesprochen oder auch nur diskutiert worden.“ Er stehe diametral deren Interessen entgegen.

Meier zielt darauf ab, Interesse an den zweitägigen Mehrkämpfen und deren Verbreitung auch in Ländern mit schwacher sportlicher Infrastruktur dadurch zu fördern, dass aus dem Wettbewerb der Männer Stabhochsprung und Diskuswerfen gestrichen werden. Die 200 Meter im Siebenkampf der Frauen sollen durch Läufe über 100 und 400 Meter ersetzt werden.

Weitere Disziplinen des neuen Oktatlon sollen Hürdensprint, Weit- und Hochsprung, Kugelstoßen, Speerwerfen sowie die Schlussläufe über 1500 beziehungsweise 800 Meter sein.

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„Wer sich als Präsident des Zehnkampf-Teams hinter eine solche Idee stellt, erweckt den Eindruck, wir stünden dahinter“, sagt Freimuth. „Wir können deshalb nicht Mitglied dieses Achtkampf-Teams bleiben.“ Bei seinem Sieg in Ratingen steigerte er seine Bestleistung auf 8663 Punkte. Er habe sich noch gemeinsam mit Meier über den Erfolg gefreut und sei überrascht gewesen, am Dienstag von dessen Initiative zu lesen.

„Inhaltlich haben wir das Thema nie besprochen“, sagt Freimuth. Kazmirek, Bestleistung 8580 Punkte, nannte den Vorschlag Meiers in dieser Zeitung „abwegig und nicht durchdacht“.

Meier widerspricht. Das Thema sei in Götzis diskutiert und auch auf der Hauptversammlung des Zehnkampf-Teams am Vorabend der Wettkämpfe in Ratingen angeschnitten worden. „Die fünf Herren, die nun den Brief geschrieben haben, waren alle nicht anwesend“, sagt er. „Wenn mir Zehnkampf am Herzen liegt und ich nicht einverstanden bin, ist Austritt ohne Diskussion die denkbar schlechteste Möglichkeit.“ Es gebe keinen Vorstandsbeschluss, Achtkampf einzuführen. um Angebot

Vielmehr diene die wohl bedachte Initiative dem Ziel, Bewegung in die Diskussion zu bringen. Er sehe beim Achtkampf die Chance, die Mehrkämpfer pro Abend mit jeweils vier Disziplinen im Hauptprogramm der großen Meisterschaften unterzubringen. Zehnkämpfer beginnen ihren Wettbewerb morgens während der Qualifikation anderer Disziplinen. Auch vergrößere die Streichung der Disziplinen, für die spezielle Anlagen notwendig sind, den Talentepool und die Verbreitung des Mehrkampfs.

Zehnkampf-Trainer Christopher Hellmann, der in Ulm Arthur Abele betreut (8605 Punkte) und im Vorstand des Zehnkampf-Teams engagiert ist, schließt sich dem Protest nicht an. „Mag sein, dass es mit der Abstimmung nicht geklappt hat“, sagt er. „Aber wer Paul Meier kennt, weiß, dass er nicht gegen den Zehnkampf arbeitet.“

Hellmann ist überzeugt, dass Reformen notwendig seien.

Das Zehnkampf-Team setzt sich seit seiner Gründung 1990 für Transparenz ein. Während der Vereinigung des Sports aus Ost und West führte der Verein Trainingskontrollen ein. Er hat 270 Mitglieder. Meier, Dritter der Weltmeisterschaft 1993 in Stuttgart, ist seit 2005 Präsident.

Michael Reinsch, Berlin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Donnerstag, dem 6. Juli 2017 

Michael Reinsch