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Leichtathletik-WM - London 2017 - eine Bilanz. „Ich kann nicht einordnen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe." Von KLAUS BLUME

LONDON - Was bleibt von den 16. Leichtathletik-Weltmeisterschaften? An was werden wir uns erinnern?

An Usain Bolts ruhmlosen Abschied als Geschlagener und Gefallener? Oder lieber in die Zukunft blicken? Doch auch dabei wird so manchem bange. Die Chinesen würden doch künftig alles überrollen, hieß es in London immer wieder.

Und so mancher glaubte sich noch am letzten Tag bestätigt, als die chinesische Geherin Hang Yin nach 50 Kilometern die Silbermedaille vor ihrer Landsfrau Shuging Yang gewann.

Obendrein vor dem altehrwürdigen Buckingham Palace!

Ein toller Erfolg, aber nun machen Sie - bitte! - nicht die Pferde verrückt. Lassen Sie uns stattdessen sachlich betrachten, was geschehen ist. Es gab in London Gold für die seit vielen Jahren in der Weltspitze vertretenen erfahrenen Kugelstoßerin Gong Lijiao und Silber für die Hammerwerferin Zheng Wang. Beide Athletinnen werden von deutschen Erfolgstrainern gecoacht: vom Neubrandenburger Dieter Kollark und vom Frankfurter Michael Deyle.

In beiden Fällen helfen dabei ehemalige deutsche Ex-Weltmeisterinnen ihren früheren Trainern: Im Kugelstoßen Astrid Kumbernuß, im Hammerwerfen Betty Heidler.

Warum der nicht sonderlich erfolgreiche Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sich dieser Fachleute nicht mehr bedient?

Da gilt es, ein weites Feld zu beackern. 

Doch zurück zur „gelben Gefahr", wie einige Unverbesserliche das Vorrücken der chinesischen Leichtathleten verunglimpfen. Bei aller Angstmacherei, es ist halb so schlimm! Natürlich bedient man sich in Peking gern der Erfahrung ausländischer Trainer. Dass, zum Beispiel,  Chinas Sprinter in London Platz vier in der 4 x 100-Meter-Staffel belegt haben, hat durchaus etwas mit ausländischer Entwicklungshilfe zu tun; und zwar mit der des Amerikaners Randall Huntington, dessen Meisterschüler Mike Powell mit 8,95 Meter noch immer den Weltrekord im Weitsprung hält.

Der Mann ist aber nicht nur auf Leichtathletik fixiert, er trainierte auch schon weltberühmte Eishockey-Cracks und Tennis-Stars der Extraklasse - aber eben auch Su Bingtian, Chinas ersten Weltklasse-Sprinter. Am Samstagabend in London raste dieser Su Bingtian, einem Irrwisch gleich, durch die Zielkurve.

So richtig in Fahrt kam aber die chinesische Leichtathletik eigentlich erst, als deren Verband im Jahre 2012 seine Zusammenarbeit mit der niederländischen Global Sports Communication beschloss. Deren Begründer, der frühere Stunden-Weltrekordhalter Jos Hermens, stellte dabei bald fest, dass es den Chinesen vor allem um zwei Dinge geht: Um Kontakte zu ausländischen Trainern und Sportwissenschaftlern und um die Konzentration auf Disziplinen, die daheim auch tatsächlich faszinieren. Es geht dabei vor allem um jene Disziplinen, deren technische Abläufe besonders knifflig sind.

Auch deshalb stehe der Stabhochspringer Changrui Xue, WM-Sechster in London, daheim besonders hoch im Kurs.

Das Interesse am Mittel- und Langstreckenlauf hält sich hingegen in engen Grenzen. Das bemerkte schon vor Jahren der italienische Lauf-Papst Renato Canovo.  Alle seine Versuche, auch die seines umtriebigen Chefs Gabriele Rosa, die führende  chinesische Sportartikel-Firma Li Ning, für ein gemeinsames Laufprojekt zu gewinnen, schlugen fehl. Um so interessanter: Hermens gelang es, das von dem dreimaligen Turn-Olympiasieger Li Ning (1984 in Los Angeles) 1989 gegründete Unternehmen als einen der Sponsoren für die Marathonläufe in Hamburg und Zürich zu gewinnen. Ein Unternehmen, das übrigens von den Cayman Islands aus seine Millionen-Geschäfte betreibt.

Doch zurück zur Leichtathletik: Es erstaunt auch Hermens, dass die Chinesen zwar keine besondere Vorliebe für Marathonläufe hegen, aber bei stundenlangen Geher-Wettbewerben geradezu ausflippen können. Noch heute würden im Reich der Mitte die beiden Damen Liu Hong und Yan Wang verehrt, wie in Europa allenfalls Fußball-Stars der Extraklasse. Liu Hong hatte vor Yan Wang bei den 7. Weltmeisterschaften 1999 in Sevilla das Gehen über 20 Kilometer gewonnen. Sie war damit die erste Leichtathletik-Weltmeisterin Chinas.

Doch wenn wir schon bei Jos Hermens sind: Dessen äthiopische Klientin Almaz Ayana vollbrachte bei diesen 16. Weltmeisterschaften über 10 000 Meter das Kunststück, mit 360 Metern Vorsprung Gold zu gewinnen; und dabei auch noch die letzten fünf Kilometer in der zweitbesten Zeit auf dieser Strecke zu durchlaufen - ohne Pacemaker und innerhalb eines Rennens über die doppelte Distanz.

Das machte nicht nur uns sprachlos, sondern auch jene Experten, die wir befragten.

Die Engländerin Paula Radcliff, Weltrekordlerin im Marathonlauf: „Ich bin mir nicht sicher, wie ich das verstehen soll."

Ihr Landsmann Brendan Foster, 1974 Europameister über 5000 Meter: „Ich kann beim besten Willen nicht einordnen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe." 

Wobei wir es belassen sollten. 

Klaus Blume
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