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    Caster Semenya © Victah Sailer
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Der Kampf um Fairness in der Leichtathletik - Wann ist eine Frau eine Frau? Von KLAUS BLUME

Nun laufen sie wieder. In der Schorfheide, im estnischen Tallinn, in Chikago, im englischen West Yorkshire - auf der ganzen Welt. Woche für Woche.

Über zehn, zwanzig oder 42,195 Kilometer. Und überall gehe es dabei fair zu.

Das will uns zumindest eine neue gemeinsame Studie des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) weismachen. Darin steht, nur „über 400 und 800 Meter haben weibliche Athleten mit hohem Testosteronspiegel einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen weiblichen Konkurrenten mit normalem Androgenspiegel.“ 

Das heißt: Langstrecken-Läuferinnen sind davon ausgenommen?

Das wären freilich Erkenntnisse, die gegen alle historischen Erfahrungen sprechen. Denn bereits in den 1960er Jahren haben DDR-Wissenschaftler im sächsischen Doping-Labor zu Kreischa den Testesteronspiegel aller Läuferinnen künstlich angehoben. Jenen der 100-Meter-Sprinterinnen wie den der Marathon-Spezialistinnen. Und immer mit bemerkenswertem Erfolg, erinnern sich noch heute die Kenner vom Fach.

Sowohl im Wettkampf wie in Regenerationpause nach Verletzungen oder Krankheiten. Erkenntnisse, die - in praxi - nicht nur in der DDR, sondern hinterm Eisernen Vorhang auch andernorts fleißig die Runde machten.

Und heute? „Ich denke, es ist mein Vorteil, wenn ich bei Olympia nicht über 800 Meter starte, weil es Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui tun,“ begründete Brenda Martinez, die amerikanische WM-Zweite von 2013, voriges Jahr in Rio ihren Startverzicht auf ihrer Paradestrecke. 

Gegen diese drei Läuferinnen aus Südafrika, Burundi und Kenia hätte sie in der Tat keine Chance gehabt, so, wie der Rest der Welt. Was sich bei den Weltmeisterschaften im letzten August in London dann wiederholt hat. Noch nie zuvor seien sie so oft gegen so viele „Männer“ gelaufen, wie bei der WM 2017, klagten denn auch amerikanische Läuferinnen.

Was sie gemeint haben, zeigt das Beispiel der Südafrikanerin Caster Semenya.

Noch in der Saison 2015 musste sie, einer IAAF-Regelung zufolge, ihren Testestoron-Spiegel den der anderen Frauen angleichen. So rangierte sie mit 1:59,59 Minuten lediglich an 29. Position der Weltbestenliste über 800 Meter - und damit sogar zwei Plätze hinter der Münchnerin Christina Hering (1:59,54 Minuten).

Als der Internationale  Sportgerichtshof (CAS) am 24. Juli 2015 in einem 161-seitigen Bericht jedoch die sogenannte Hyperandrogenismus-Verordnung aufhob, gab es vor allem für Semeneya kein Halten mehr. Denn ohne fortan ihren Testestoron-Spiegel senken zu müssen, lief sie 2016 die 800-Meter-Distanz gleich sechsmal unter 1:57 Minuten; 2017 war sie mit 1:55;16 Minuten sogar schneller als ihre legendäre Trainerin Maria Mutola aus Angola (1994: 1:55,19 Minuten).

Ein Sturm auf den Weltrekord schien nur noch eine Frage der Zeit.

Womit die Debatte um intersexuelle Frauen in der Leichtathletik aufs Neue entbrannt war. Dabei ist das alles nicht neu. Deshalb gibt es auch viele Erfahrenswerte; nur müssten sie heran gezogen werden. Die Älteren unter uns erinnern sich, zum Beispiel, an die Debatte um die Nordkoreanerin Shin Kim-dan, die am 3. Juli 1938 geboren, in den frühen 1960er Jahren geradezu wahnwitzige Zeiten erzielt hat: 1962 sprintete sie als erste Frau der Welt die 400 Meter unter 52 Sekunden; am 21. Oktober 1964 gelangen ihr in Shanghai sogar ein inoffizieller Weltrekord mit 51,2 Sekunden!

Bereits 1963 hatte sie als erste Frau die 800 Meter unter zwei Minuten (1:59,1 Minuten) durcheilt. 1964 drückte sie diesen Rekord sogar auf 1:58,0 Minuten und war damit schneller als Olympiasiegerin Hildegard Falck mit ihrem offiziellen Weltrekord von 1:58,45 Minuten 1971 in Stuttgart.

Doch die Rekorde der Nordkoreanerin wurden niemals anerkannt. Denn erstens gehörte Nordkorea nicht der IAAF an und zweitens blieb Shin Kim-dans Geschlechtsstatus stets umstritten. Sogar die nachweislich gedopten Russinnen weigerten sich standhaft, gegen sie anzutreten. Und Shin? Als 1966  Geschlechtskontrollen bei internationalen Wettkämpfen obligatorisch wurden, hatte sie sich längst zurück gezogen. Die Zeiten von Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui aber werden anerkannt. Doch wie lange noch?

IAAF und WADA wollen nämlich den CAS-Beschluss von 2015 mit einer neuen Studie kippen. Erarbeitet wurde sie von den monegassischen Wissenschaftlerin Stéphane Bermon und Pierre-Yves Garnier. In diesem Bericht empfiehlt der Ausschuss, dass künftig keiner Athletin erlaubt werden darf, als Frau zu starten, wenn ihr Testosteron-Spiegel 10 nmols/Liter oder mehr übersteigt. Es sei denn, sie kann eine angeborene Testestoron-Unempfindlichkeit nachweisen, die ihre sportliche Leistungsfähigkeit nicht signifikant erhöht.

Das klingt alles sehr wissenschaftlich. Doch in praxi heißt es nur, wenn eine intersexuelle Frau künftig zusammen mit Frauen starten will, muss sie ihren Testestoron-Spiegel tatsächlichen Frauen auch angepasst haben.

So, wie es bis 2015 der Fall war. Aber künftig in allen leichtathletischen Disziplinen. Also auch bei Sprüngen und Würfen.

Womit die Chancengleichheit wieder hergestellt wäre.

Klaus Blume
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