• Katrin Dörre-Heinig
    Katrin Dörre-Heinig © Victah Sailer
  • | ORGANISATION

„Es bleibt eine schwierige Situation“ - Marathon-Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig - Daniel Becker in "Leichtathletik"

Die Deutschen Marathon-Meisterschaften in Frankfurt (29.10.) waren für Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Tochter Katharina gewann ihren ersten Meistertitel, die Läuferinnen und Läufer aus der zweiten Reihe machten auf sich aufmerksam, und Arne Gabius feierte ein gelungenes Comeback. Mit Blick auf die Heim-EM macht das die Situation für die Bundestrainerin aber nicht leichter.

Katrin Dörre-Heinig, sowohl aus Sicht der Marathon-Bundestrainerin als auch aus Sicht der Mutter lief der Frankfurt-Marathon für Sie perfekt. Ihre Tochter Katharina Heinig wurde Deutsche Meisterin und hat die Norm für die Heim-EM geknackt. Ist eine große Anspannung abgefallen?

Die Anspannung im Vorfeld war wirklich groß, vor allem aufgrund der widrigen Bedingungen. Nichts ist schlimmer für einen Läufer als Wind. Da sehen die Zeiten natürlich auch anders aus. Und nachher fragt niemand nach, wo man gelaufen ist. Aber man muss eben eine bestimmte Zeit laufen, um sich für ein Großereignis zu qualifizieren. Beim Marathon ist man auf ganz wenige Tage angewiesen, da man einen Lauf nicht so bald wiederholen kann.

Die 2:29:29 Stunden Ihrer Tochter Katharina Heinig konnten sich dennoch sehen lassen. Wie sah das Erfolgsrezept aus?

Katharina hat im Vorfeld sehr gut trainiert. Ihr Niveau liegt auf jeden Fall deutlich höher als es bei ihrer Bestleistung in Berlin im letzten Jahr war (Anm. d. Red.: PB 2:28:34 h). Bevor uns in Frankfurt das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, hatten wir, was die Zeit angeht, wesentlich höhere Ziele. Aufgrund der Bedingungen haben wir diese dann um einiges zurückgeschraubt. Sie sollte das Rennen ruhiger angehen, das Hauptaugenmerk lag darauf, sich so gut wie möglich zu verstecken und nicht im Wind zu laufen. Sie hatte ja auch zwei Pacemaker. Der eine ist bei Kilometer 25 raus, der andere leider auch schon bei Kilometer 34. Katharina stand dann alleine da, was nicht geplant war. Aber es zeigt eben auch, wie schwierig die Bedingungen waren.

Der Marathon war ein Heimspiel für Ihre Tochter, sie lebt in Frankfurt. Hat dieser Faktor in der Trainingsvorbereitung eine Rolle gespielt?

Es war natürlich ein besonderes Ereignis. Sie hat einen sehr großen Freundeskreis, und sehr viele davon waren auch an der Strecke. Das war Segen und Fluch zugleich.

Warum?

Das hat im Vorfeld sehr viel Druck aufgebaut. Katharina war sehr nervös, weil sie niemanden enttäuschen wollte. Dennoch hat die Unterstützung sie auch beflügelt – nicht nur am Tag selber, sondern auch in den Wochen der Arbeit, die zum Marathon hingeführt haben. Das ist die wichtigste Phase. Und da hat man schon gemerkt, dass sie unheimlich fokussiert und motiviert war. Deswegen war schon noch mal ein Schub zu spüren, obwohl die Leistung im Marathon insgesamt natürlich im Vorfeld aufgebaut wird. Am Tag selber muss man hoffen, dass die Bedingungen mitspielen und man sein Niveau abrufen kann. Im Marathon kann aber eben immer viel passieren.

Anders als bei den Stadiondisziplinen ist das Rennen um die Startplätze bei der Heim-EM schon längst eröffnet. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Ich hätte nicht gedacht, dass es jetzt schon so positiv aussieht. Fate Tola, Katharina und Anna Hahner haben schon die A-Norm für die EM, wobei bei Anna noch nicht sicher ist, ob sie an den Start gehen möchte. Dazu kommen die starken Debütantinnen Fabienne Amrhein, Laura Hottenrott und Franziska Reng – drei sehr junge Läuferinnen, die in eine Sphäre gelaufen sind, die natürlich auch hoffen lässt (Amrhein: 2:34:14 h, Hottenrott: 2:34:43 h, Reng: 2:34:57 h, Anm. d. Red.). Wir wollen nächstes Jahr in Berlin je sechs Läuferinnen und Läufer an den Start bringen, da es ja einen Team-Wettbewerb gibt. Bei den Frauen haben sich zu den drei Läuferinnen mit erfüllter A-Norm auch bereits drei Läuferinnen mit der Team-Norm angeboten. Eine solche B-Norm setzt bei vielen unheimliche Kräfte frei, die Athleten sind hoch motiviert. Sie brennen, wollen nächstes Jahr unbedingt dabei sein. Ob das klappt, bleibt abzuwarten, aber sie haben Signale gesetzt. Es kommt ja noch Sabrina Mockenhaupt, die im Marathon angreifen und in Berlin dabei sein will, und auch Anja Scherl ist ja noch nicht in Erscheinung getreten. Das lässt hoffen, dass noch stärkere Leistungen kommen. Im weiblichen Bereich sind wir sehr gut aufgestellt.

Und bei den Männern?

Da müssen wir abwarten. Arne hat sich ja schon geäußert, dass er bei der EM nicht im Marathon an den Start gehen will. Damit fällt ein Sportler aus, der ganz vorne hätte mitlaufen können. Das ist ärgerlich, aber damit muss man leben. Es hat sich aber gerade im europäischen Top-Leistungsbereich in der Vergangenheit gezeigt, dass einzelne Läufer bei Meisterschaften ganz vorne mitlaufen können. André Pollmächer hat das 2014 in Zürich mit seinem achten Platz bewiesen, und eine solche Leistung ist auch Hendrik Pfeiffer, der bereits beim Köln-Marathon die A-Norm abhaken konnte, oder Philipp Pflieger, der im Frühjahr noch mal laufen möchte, zuzutrauen. Positiv überrascht haben mich außerdem die Leistungen von Jonas Koller (2:16:03 h) und Frank Schauer (Koller: 2:16:03 h, Schauer: 2:16:30 h, Anm. d. Red.). Beide haben damit die B-Norm für Berlin unterboten. Ich bin sehr gespannt, was im Frühjahr noch passiert, und hoffe, dass ich zwei starke Mannschaften zur EM schicken kann.

Der EM-Marathon im eigenen Land hat bei vielen Läufern einen deutlich höheren Stellenwert als der WM-Marathon in diesem Jahr. Es ist möglich, dass Arne Gabius der einzige Topläufer bleibt, der verzichtet. Ist damit die Zielstellung klar?

Wir wollen auf jeden Fall etwas reißen. Im letzten Jahr lagen wir in der europäischen Bestenliste bei den Frauen auf den Plätzen zwei, vier und sechs – auch wenn man aufgrund der Olympischen Spiele Abstriche machen muss, da ein paar Topläuferinnen nur in Rio am Start waren, wo gute Zeiten nicht möglich waren. Aber auch dieses Jahr sind wir in der Bestenliste mit Katharina und Fate Tola vorne dabei. Und wir müssen abwarten, was Sabrina Mockenhaupt und Anja Scherl noch zeigen. Wenn wir wirklich die drei stärksten Läuferinnen in Berlin am Start haben und Nummer vier und fünf nicht zu weit abfallen, dann bin ich davon überzeugt, dass wir ein Top-Ergebnis erzielen können.

Mit Arne Gabius hätten die Männer sowohl im Team als auch im Einzel große Chancen auf Edelmetall – ist seine Absage nur bitter oder auch verständlich?

Es ist ganz schwierig. Arne ist ein Athlet, der eigentlich ganz genau weiß, was er macht. Natürlich ist es schade, wenn er beim EM-Marathon nicht an den Start geht, aber er will es über die 10.000 Meter versuchen, um noch einen Herbstmarathon laufen zu können. Dort ist die Medienpräsenz größer, und das ist beim Marathon nicht zu unterschätzen. Es bleibt eine schwierige Situation.

Sind Sie als Bundestrainerin froh, wenn ein Großereignis wie die Olympischen Spiele oder eine Heim-EM ansteht, weil Sie sich dann mit weniger Fällen beschäftigen müssen, in denen Marathonläufer nicht an den Start gehen wollen? Bei der WM in diesem Jahr war das ja anders …

Erst mal muss man sagen, dass es viele Sportler gibt, die unbedingt zu einer WM wollen – um dazuzugehören, und auch um sich in Szene setzen zu können. Nicht jeder ist auf einem so hohen Level, um selbstständig komplett sein eigenes Ding zu machen. Es gibt Sportler, für die es wichtig ist, den Verein zu repräsentieren. Und es kann auch gut für den Job außerhalb des Sports sein. Bei Philipp Pflieger war es in diesem Jahr beispielsweise so, dass er einen sehr guten Fahrplan hatte. Nach Olympia war er ausgebrannt, was man auch verstehen kann. Er wollte in erster Linie auf einen Herbstmarathon setzen, um sich für die Heim-EM in Berlin zu qualifizieren. Das akzeptiere ich. Mit Blick auf die nächste WM 2019 in Doha haben wir aber erneut eine Situation, die unheimlich schwierig sein wird. Es ist dort sehr heiß, auch nachts sinken die Temperaturen nicht unter 30 Grad. Es ist im Gespräch, dass der Marathon sowie der Wettbewerb über 50 Kilometer Gehen ausgelagert werden.

In eine andere Stadt? Bislang waren Überlegungen bekannt, den Marathon unter Flutlicht stattfinden zu lassen.

Es gibt die Idee, auszulagern. Ich kenne zwar noch keine Ergebnisse der Diskussion, würde das aber sehr begrüßen. Wir müssen ja auch noch weiter denken: Nach der WM kommt wieder Olympia. Da will jeder hin. Wer aber in Doha an den Start geht, bei Bedingungen, unter denen keine gute Zeit zu erwarten ist, hat nach heutigem Qualifikationsmodus nur noch den Frühjahrsmarathon 2020, um sich für Olympia anzubieten. Das ist ein großes Risiko­ und eine schwierige Situation für die Sportler. Aber wir müssen noch abwarten.

Trübt die Blick in die unklare Zukunft Ihre Freude auf die EM?

Auf keinen Fall. Der große Teil unserer Athleten will dort laufen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass gerade eine EM eine riesige Chance für deutsche Läufer ist, sich darzustellen. Bei keinem anderen Großereignis stehen die Chancen so gut, sich weit vorne zu platzieren. Das wissen die Sportler auch. Das macht den Reiz aus – gerade wenn die EM zu Hause stattfindet. Es wird für viele ähnlich werden wie für Katharina in Frankfurt: Freunde, Verwandte und Bekannte werden kommen. Das motiviert unheimlich.

Interview: Daniel Becker in "Leichtathletik" - 8. November 2017