• (Ex-) DLV Präsident Clemens Prokop - Interview von Daniel Becker und Ralf Kerkeling in
    (Ex-) DLV Präsident Clemens Prokop - Interview von Daniel Becker und Ralf Kerkeling in "Leichtathletik" © Horst Milde
  • DLV Präsident Clemens Prokop - „Eine Dimension, die wir noch nie hatten“
    DLV Präsident Clemens Prokop - „Eine Dimension, die wir noch nie hatten“ © Horst Milde
  • | SPORTMUSEUM

„Eine Dimension, die wir noch nie hatten“ - DLV Präsident Clemens Prokop - Interview von Daniel Becker und Ralf Kerkeling in "Leichtathletik"

Nach fast 17 Jahren an der Spitze des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) trat  Clemens Prokop beim DLV-Verbandstag am 17. und 18. November 2017 nicht zur Wiederwahl an.

Im großen Abschieds­interview mit Leichtathletik spricht der scheidende Präsident über große­ Momente der Vergangenheit, aber auch ausführlich über seine Visionen für die Zukunft.

Clemens Prokop, der 18. November wird Ihr letzter Tag als DLV-Präsident sein. Verspüren Sie etwas Wehmut, wenn Sie an den Morgen des 19. November denken, Ihren ersten Tag ohne dieses Amt?

Natürlich. Ich bin seit fast 25 Jahren im Präsidium des DLV, und diese Tätigkeit hat meinen Lebensinhalt sehr stark geprägt. Auf der anderen Seite bekomme ich ein großes Stück Freiheit zurück, weil ich viele Lasten – insbesondere in zeitlicher Hinsicht – nicht mehr tragen muss und viele Dinge neu planen kann. Damit ist auch ein Stück Vorfreude verbunden. Gerade­ nach so vielen Jahren ist es wichtig, sich in seiner Lebensführung wieder neu zu orientieren.

Es gilt als sicher, dass Jürgen Kessing beim Verbandstag zu Ihrem Nachfolger gewählt wird. Auf was für einen neuen Präsidenten darf sich die deutsche Leichtathletik einstellen?

Es wäre kein guter Stil, dem neuen Präsidenten irgendwelche Vorgaben mit auf den Weg zu geben. Er wird sein eigenes Programm haben, das er vorstellen und leben wird.

25 Jahre im DLV-Präsidium sind eine lange Zeit – welche Momente sind Ihnen­ besonders im Kopf geblieben und haben Sie in Ihrer Arbeit besonders beeinflusst?

Auf diese Frage könnte ich eine Stunde lang antworten.

Fangen Sie ruhig mal an …

Okay (lacht). Nein, im Ernst. Eine grundsätzliche Feststellung ist, dass meine Einschätzung von der Tätigkeit von Funktionären, die ich als Athlet früher hatte, eine völlig falsche war. Als Athlet war mir nie bewusst, welche Bedeutung die Arbeit der vielen ehrenamtlichen Funktionäre hat, damit Athleten den Sport ausüben können. Insofern muss ich mich für meine Gedanken, die ich in diese Richtung hatte, noch bei allen ehemaligen Sportfunktionären entschuldigen. Ich habe inzwischen begriffen, dass ohne diese Vielzahl an Ehrenamtlichen der Sport insgesamt nicht funktionieren würde. Das war eine sehr wichtige Erkenntnis. Aber die zentrale Antwort auf Ihre Frage ist natürlich eine andere.

Und zwar?

Ich habe damals als Rechtswart im DLV begonnen, mit dem Hinweis, dass diese Arbeit mehr und mehr überflüssig werden würde, weil es im Sport keine Rechtsprobleme­ gebe. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass diese Vorstellung eine Illusion war. Im Gegenteil: In der Leichtathletik hat sich seit den 1990er-Jahren rasant die Kommerzialisierung entwickelt. Damit setzte die Notwendigkeit eint, dem Sport ganz neue Strukturen zu geben. Daneben gab es während meiner gesamten Amtszeit immer ein zentrales Problem: die Dopingfrage. Die Leichtathletik hat einfach mit diesem Problem zu kämpfen, und deshalb war es für mich logisch und notwendig, mich dieser Frage in besonderer Weise zu widmen. Das habe ich auch getan.

Welche schönen Momente können Sie hervorheben?

Was mich mit besonderer Freude erfüllt hat war natürlich, dass es gelungen ist, gegen den Widerstand des DOSB den Erlass des Anti-Doping-Gesetzes in Deutschland durchzubringen. Es war schon so etwas wie eine persönliche Glanzstunde, als der Bundestag dieses Gesetz verabschiedet hat, weil der DLV und ich persönlich im deutschen Sport sehr einsame Rufer waren.

Sie werden weiterhin als Chef des Orga­nisationskomitees für die EM in Berlin fungieren und damit für das kommende Jahr auch in der Leichtathletik weiter präsent sein. Folgt danach der komplette Ausstieg aus der Sportart?

Es ist immer schwierig, weit in die Zukunft zu schauen. Zunächst ist die Aufgabe der Organisation der Europameisterschaft in Berlin. Da bin ich ja schon mittendrin. Es ist eine Herausforderung, auf der anderen Seite aber auch eine Arbeit, die einfach Spaß macht. Das Ziel ist es, diese Europameisterschaft so zu präsentieren, dass neue Maßstäbe gesetzt werden. Das beginnt mit der Präsentation unserer Sportart im Olympiasta­dion selbst und geht weiter bei der Kombination mit dem zweiten Veranstaltungsort Breitscheidplatz, wo die Straßenwettbewerbe gestartet werden und auch die Kugelstoß-Qualifikation der Männer stattfindet. Es ist aber auch der Ort, wo politische Akzente für Europa gesetzt werden. Insgesamt gesehen ist das eine Dimension einer Europa­meisterschaft, die wir so in der Vergangenheit noch nie hatten.

Inwiefern ist die EM die große Chance­, die Leichtathletik ins Bewusstsein der Bevölkerung zu holen und mehr Nachwuchs für den Sport zu begeistern?

Es ist mein großes Ziel, dass wir auch verstehen, dass die Leichtathletik eine Sportart ist, die sich nicht zwingend auf Wettbewerbe­ im Stadion reduzieren muss. Sie kann wunderbar auch in den Zentren der Städte funktionieren. Mit „Berlin fliegt“ am Brandenburger Tor haben wir vorgemacht, wie attraktiv viele Disziplinen der Leichtathletik in der Stadt in Szene­ gesetzt werden können. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass dieser Weg konsequent weitergegangen wird – nicht nur auf der Ebene des Spitzensports, sondern auch auf der Ebene darunter. Dass wir den Mut haben, auf Kreis- und Bezirksebene Veranstaltungen in den Städten zu machen. Die Resonanz ist immer hervorragend. Für unsere Sportart ist es sehr wichtig, dass wir zu den Leuten kommen und die Ästhetik und das körperliche Potenzial unserer Sportart immer hautnah erlebbar machen. Ich glaube­, dass die künftige Ausrichtung der Leichtathletik auf Stadien­ und Stadtzentren eine wichtige Möglichkeit ist, das Potenzial unseres Sports auszuschöpfen. Die EM kann hierbei wichtige Akzente setzen.

Die EM liegt zwischen der äußerst stimmungsvollen WM in London und der WM in Doha 2019, bei der große Zweifel bestehen, ob das kleine Stadion überhaupt einmal voll wird. Muss die EM in Berlin deswegen etwas­ ganz Besonderes leisten, um die Leichtathletik ins Olympiajahr 2020 hinüberzuretten?

Die Leichtathletik findet ja nicht nur im Rahmen von Welt- und Europameisterschaften statt. Es gibt viele Veranstaltungen dazwischen. Alleine unsere Deutschen Meisterschaften lösen ein hohes mediales Interesse aus. Wenn man die Einschaltquoten im Fernsehen betrachtet, liegen wir bei den Sommersportarten im absoluten Spitzenbereich. Aber richtig ist natürlich, dass die Weltmeisterschaft in Doha von einer Reihe von Sorgen begleitet wird. Das beginnt mit dem Zeitpunkt, der für uns unter sportfachlichen Aspekten subopti­mal ist (Anm. d. Red.: Die WM findet Ende September/Anfang Oktober statt), der aber auch in der Präsentation sehr stark mit dem Fußball konkurrieren wird. Das sind natürlich Nachteile für uns. Insofern hätte ich mir, ganz offen gesagt, für die Weltmeisterschaft 2019 einen anderen Standort und eine andere Zeit gewünscht. Jetzt müssen wir aber damit leben und das Beste daraus machen.

Bei der EM soll die neue, junge deutsche Athletengeneration im Vordergrund stehen, die schon jetzt teil­weise für Furore gesorgt hat. Im Zuge der Gründung des Vereins „Athleten Deutschland“ haben Sie aber auch davon gesprochen, dass viele Athleten sportpolitisch nicht so interessiert seien­ und „die Dinge rechts und links des Weges“ eher unbeachtet ließen. Ist die sportlich so leistungs­starke Genera­tion in Ihren Augen noch nicht so weit, sich kritisch mit den Problemen des Sports auseinanderzusetzen?

Meine Erfahrung ist, dass viele Athleten sich sehr stark auf ihre sportliche Entwicklung fokussieren. Es gibt aber auch Athleten – die gab es aber auch früher –, die versuchen, über ihre eigene Entwicklung hinaus die Entwicklung des Sports insgesamt kritisch und konstruktiv zu begleiten. Diese­ Athleten halte ich für außerordentlich wichtig. Wir machen einen Großteil unserer Arbeit für den Leistungssport und damit auch für die Athleten. Deswegen ist es wichtig, dass sich diejenigen, die die klassische Zielgruppe unserer Tätigkeit sind, einbringen und in vielen Bereichen unsere Arbeit bereichern. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass es immer mehr Athleten werden, die sich einmischen, ihre Interessen kundtun, aber gleichzeitig auch Verantwortung für die gesamte Sportentwicklung übernehmen.

Die gesamte Sportentwicklung hat auch IAAF-Präsident Sebastian Coe im Blick. In unserem letzten Interview vor knapp einem Jahr haben Sie Unver­ständnis darüber geäußert, dass er keinen Sitz im IOC hat, und gleichzeitig hervorgehoben, dass er gerade deswegen auch eigenständige­ Positionen beziehen kann. Wenn Sie sehen, wie Coe jetzt die Sportart umkrempeln will: Wünschen Sie ihm in Zukunft einen Sitz, oder soll lieber alles so bleiben, wie es jetzt ist?

Da möchte ich gerne unmittelbar mit Sebastian Coe selbst antworten, genau darüber habe ich nämlich mit ihm gesprochen. Er hat mir klargemacht, dass er mit der jetzigen Situation leben kann, weil er sich eben sehr frei und unabhängig fühlt. Insofern deckt sich meine­ Einschätzung von damals mit der unmittelbaren Wahrnehmung von Sebastian Coe. Ich glaube, dass es für die Politik von Coe in der Leichtathletik ohne Bedeutung ist, ob er Mitglied im IOC ist oder nicht. Die Frage ist, wie die IAAF im IOC ihre Interessen vertritt. Da muss man sehen, dass eine Reihe von IAAF-Council-Mitgliedern ja ohnehin IOC-Mitglieder sind. Auf der anderen Seite bleibe ich dabei, dass es eigentlich als unzumutbare Situation ist, dass der Präsident der wichtigsten olympischen Sportart nicht automatisch ins IOC geholt wurde. Von außen betrachtet sieht es doch sehr stark nach persönlichen Differenzen zwischen Thomas Bach und Sebastian Coe aus – ohne dass ich das tatsächlich verifizieren könnte.

Der aktuellste Vorstoß von Coe und der IAAF sieht die Einführung der IAAF-Weltrangliste vor, die maßgeblich sein soll für die Qualifikation von Athleten für die Großereignisse WM und Olympia. Das könnte das Nominierungsverfahren auch in Deutschland auf dem Kopf stellen. Wie stehen Sie dazu?

Das ist ein interessanter neuer Aspekt. Beim Nominierungsprozess gab es ja in Vergangenheit doch sehr viel Ärger, was schon bei Frage anfing, wie die Krite­rien festgesetzt werden. Wir hatten da erhebliche Unterschiede in einzelnen Disziplinen. Wenn man die Anforderung in den technischen Disziplinen mit denen in den Laufdisziplinen – vor allem bei den längeren Strecken – vergleicht, gab es sehr unterschiedliche Maßstäbe. Insofern könnte ein Nominierungssystem nach Ranking ein neuer Weg sein. Man müsste sich die Gesamtlösung noch mal genau ansehen, aber insgesamt ist es eine interessante Idee, die es wert ist, weiter durchdacht zu werden.

Auch die europäischen Rekordlisten haben Sie sich zum Thema gemacht. Wie ist da der Stand der Umsetzung?

Aktuell liegt ein Vorschlag des europäischen Verbandes vor, demzufolge die bestehenden Rekorde­ in einer sogenannten Allzeitliste fortbestehen sollen. Es soll zusätzlich eine neue Rekordliste­ geführt werden, die nur noch Rekorde anerkennen will, wenn vorher eine Mindestanzahl von negativen Kontrolltests durchgeführt wurden. Es soll auf die Rahmenbedingungen Rücksicht genommen werden, die sich seit den 80er-Jahren, als es kein im heutigen Sinne funktionierendes Kontrollsystem gab, im Vergleich zu heute stark verändert haben. Es ist sehr schwer, Leistungen von damals mit heute zu vergleichen. Insofern halte ich den Vorschlag des europäischen Verbandes, an dem ich ja mitgearbeitet habe, für den richtigen Weg. Ich hoffe, dass sich die IAAF diesem Vorschlag möglichst rasch anschließt. Sebastian Coe hat ja bereits seine Sympathien zum Ausdruck gebracht. Jetzt ist das Council der IAAF am Zuge, um die nötigen Entscheidungen zu treffen. Ich muss aber auch ergänzen: Es bleibt dabei, dass ich kein Fan von Rekordlisten bin. Ich denke, die Leichtathletik lebt von der Dynamik des unmittelbaren Wettkampfes. Die Rekordlisten der jeweiligen Disziplin als Maßstab der Bewertung der Leistung herzunehmen, ist aus meiner Sicht immer problematisch, weil Rekorde im Regelfall unter besonders günstigen Umständen zustande gekommen sind. Die Leichtathletik wäre schlecht beraten, sich auf ein Rekorddenken einzulassen. Die Spannung der Leichtathletik kommt aus dem Vergleich der unterschiedlichen Leistungen vor Ort. Darauf sollte sich die Leichtathletik fokussieren.

Ist das nicht ein Ansatz, der nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei vielen Athleten schwer angebracht werden kann? Die Leichtathletik bleibt ja eine sehr messbare Sportart, und es scheint, als wäre der Fokus auf den direk­ten Vergleichswettkampf oft nicht mehr als ein Überbleibsel aus früheren Zeiten.

Es ist richtig, dass wir sehr stark davon geprägt sind, Leistungen sofort statistisch einordnen zu wollen und die Bedeutung dieser Leistung letzten Endes zu Bestleistungen in Bezug setzen. Das ist auch nachvollziehbar, weil die Leichtathletik eine Sportart ist, die sich an objektiven Werten bemisst. Aber ich glaube, dass sich daraus nicht die Attraktivität einer Sportart ableiten lässt. Die Attraktivität kommt aus dem Wettbewerb. Man sieht einem 100-Meter-Lauf rein optisch nicht an, ob er in 10,95 Sekunden oder in 11,3 Sekunden beendet wurde. Man sieht aber sehr deutlich, ob es ein enges und spannendes Rennen war. Aus diesen Punkten leitet sich die Attraktivität ab.

Weniger attraktiv war in diesem Jahr die Diamond League, die ebenfalls refor­miert werden soll. Müsste gerade hier der Ansatz, den direkten Wettkampf in den Mittelpunkt zu stellen, umgesetzt werden?

Ja, das muss man machen. Vor allem aber leidet die Diamond-League-Serie, die ja momentan aus 14 Wettkämpfen besteht, darunter, dass sie keine Geschichte erzählt. Ihr fehlt das Storytelling, das eine Serie unbedingt braucht, um für Zuschauer interessant zu sein. Die Meetings können sicherlich im Stadion spannend sein, aber für jemanden, der die Serie verfolgt, ist es schwierig zu verstehen, worin ihre Spannung besteht. Ich glaube, dass man hier in Zukunft andere Wege gehen muss, und ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass man ein neues System aufbaut. Beispielsweise könnten fünf Meetings vor dem internatio­nalen Saisonhöhepunkt stattfinden und zwei danach – sozusagen als Revanche für die internationale Meisterschaft. Bei den fünf vorher stattfindenden Wettkämpfen wäre es eine Möglichkeit, einen Hinentwicklung zu den Meisterschaften aufzubauen. So könnte man eine Geschichte erzählen, die ich momentan vermisse.

Sie gehen in einer Phase als Präsident von Bord, in der aus sportpolitischer Sicht viel passiert: IAAF-Reformen, die Spitzensportreform in Deutschland, Diskussionen um die Glaubwürdigkeit und das damit verbundene, stets virulente Thema Anti-Doping-Kampf stehen auf der Agenda. Wünschten Sie sich, dass all diese Prozesse früher ernsthaft begonnen hätten, damit Sie sie weiter begleiten und direkt beeinflussen können?

Ja, zum Beispiel die eben angesprochene Entwicklung der internatio­nalen Wettkampfserie. Da wünsche ich mir etwas völlig Neues. Diese Entwicklung hätte ich in der Tat gerne noch länger begleitet, wobei natürlich das Schwergewicht bei der Lösungsfindung nicht auf der DLV-Seite liegt, sondern bei der IAAF. Für Deutschland wünsche ich mir, dass wir mit einem Meeting in einer neuen Meeting-Serie vertreten sind. Da denke ich natürlich ans ISTAF. Das sollte auch unser Anspruch sein. Es hätte mir Spaß gemacht, noch weiter in diesem Prozess mitzuwirken, aber ich gehe auch davon aus, dass die Nachfolger hier das entsprechende Engagement mitbringen­.

Sie haben sich stets klar für einen glaubhaften Kampf gegen Doping ausgesprochen, doch auch in Deutschland, einem der Vorzeigeländer im Anti-­Doping-Kampf, hält sich hartnäckig das Bild des schmutzigen Leistungssports. Wie kann dieses Bild wieder geradegerückt werden?

Indem wir uns dem Problem offensiv stellen. Früher war es durchaus wahrnehmbare Praxis, dass versucht wurde, durch Ignorieren des Problems dieses klein zu machen – was aber nie gelungen ist. Im Gegenteil: Doping ist ein Problem des Leistungssports insgesamt, kein isoliertes Problem der Leichtathletik. Es ist fast systemimmanent. Deshalb muss man alle Anstrengungen unternehmen, dagegen anzukämpfen. Es war für mich immer wichtig, dass wir das Thema offensiv angegangen sind, und wir haben in meinen Amtszeiten auch einiges erreicht. Wir waren einer der ersten Verbände, die ihr Kontrollsystem und ihre Sanktionierung voll an externe Organisationen übertragen haben, nämlich die NADA und das deutsche Sportschiedsgericht. Und noch mal: Auch das Anti-Doping-Gesetz haben wir durchgebracht. Ich glaube­, dass wir in Deutschland wirklich beispielhafte Strukturen im Kampf gegen Doping entwickelt haben. Es geht jetzt darum, dieses Niveau flächendeckend auf internationaler Ebene zu realisieren. In dem Zusammenhang ist es mir ein Anliegen, dass die Standards, die in der Dopingbekämpfung erforderlich sind, nicht nur Gegenstand von Sonntagsreden sind, sondern spürbare Voraussetzungen. Das heißt für mich, dass es in Zukunft neben der sportlichen Qualifikation auch bestimmte Mindeststandards im Dopingkontrollsystem erfüllt werden müssen, um international teilnehmen zu können. Wenn ein funktionierendes Dopingkontrollsystem nicht vorhanden ist, dürfen aus meiner Sicht die Athleten aus diesen Ländern nicht bei Großereignissen starten.

Fehlt die Unterstützung aus der Politik? Sie haben die Äußerungen von Bundesinnenminster Thomas de Maiziere kritisiert, der bei gleichbleibender Förderung 30 Prozent mehr Medaillen gefordert hat.

Die Politik verbindet natürlich mit der Sportförderung klare Erwartungshaltungen – und zwar den sportlichen Erfolg bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Das ist nachvollziehbar. Auf der anderen Seite wehre ich mich als Sportverbandsvertreter natürlich dagegen, dass der Wert sportlicher Leistungen auf Medaillen reduziert wird. Die sportliche Leistung ist ein vielschichtiges Produkt, das immer auch im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen gesehen werden muss. Ich kann nicht eine Sportart, die 30 oder 40 Teilnehmerländer hat, mit einer Sportart vergleichen, die über 200 Teilnehmerländer hat. Da besteht eine ganz andere Konkurrenzsitua­tion. Je größer die Konkurrenz ist, desto­ höher sind auch Leistungen zu bewerten, die nicht zu einer Medaille führen. So eine differenzierte Betrachtungsweise habe ich damals im Interview des Bundesinnenministers vermisst.

Wichtige Umstrukturierungen, die mit dem Beschluss der Spitzensport­reform im vergangenen Jahr angestoßen werden sollten, wurden nach hinten verschoben. Glauben Sie, dass überhaupt noch alles so umsetzt wird, wie es ursprünglich geplant war – oder könnte auch noch mal einiges neu gedacht werden, beispielsweise die Zentralisierung der Stützpunkte oder das Potenzialanalysesystem (PotAS)?

Das ist momentan schwer zu beurteilen. Tatsächlich ist die echte Umsetzung der Reform deutlich nach hinten verschoben worden. Man muss auch noch abwarten, ob mit der neuen Bundesregierung auch neue Akzente gesetzt werden. Falls beispielsweise ein deutlicher Mittelzuwuchs kommen würde, wäre die Frage, ob es bei dem Konzept der Reduzierung der Bundesstützpunkte wirklich bleibt oder ob man andere Wege geht. Für mich ist die Zukunft der Spitzensportreform im Moment in vielfältiger Weise unklar. Persönlich glaube ich, dass dringend Veränderungsbedarf besteht, aber in der Reform auch Elemente enthalten sind, die ich kritisch sehe – zum Beispiel die Bemessung der Förderung nach der Prognose von Medaillen. Das kann nicht der Zukunftsweg sein.

Wagen Sie doch mal einen Ausblick: Wo sehen Sie die deutsche Leichtathletik in zehn Jahren?

Das ist eine schwierige Frage. Meine Hoffnung ist, dass die deutsche Leichtathletik die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren erlebt haben – nämlich eine deutliche Stabilisierung im Spitzenbereich der internationalen Leichtathletik –, fortsetzt. Und insbesondere auch, dass wir die Spitzenposition in breit gefächerten Disziplinen einnehmen und uns nicht nur auf bestimmte Disziplingruppen beschränken. Vor allem aber, dass wir auch in zehn Jahren eine Leichtathletik haben, die ethisch verantwortet werden kann und die ihre kulturell bedeutsamen Inhalte nicht dem Kommerz geopfert hat.

Daniel Becker und Ralf Kerkeling in "Leichtathletik" - 15. November 2017 - Nr. 46