• Russlands Eishockey-Star Kowalchuk: „Wenn wir bei Olympia spielen, schweißen wir unser Land zusammen
    Russlands Eishockey-Star Kowalchuk: „Wenn wir bei Olympia spielen, schweißen wir unser Land zusammen" © Sportmuseum Berlin
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Russlands Eishockey-Star Kowalchuk: „Wenn wir bei Olympia spielen, schweißen wir unser Land zusammen" - Von KLAUS BLUME

Es heißt in Russland, wenn Wladimir Putin spreche, höre fast jeder zu. Rede aber Ilja Kowalchuk, verinnerliche das Gesagte auch jeder. Von Kaliningrad bis Wladiwostok.

Am Nikolaustag hat Ilja Kowalchuk gesagt: "Egal, was das IOC beschlossen hat, wir sollten unbedingt zu den Olympischen Winterspielen nach Pyongchang gehen. Denn wenn wir ablehnen, bedeutet es, dass wir uns aufgegeben haben. Wenn wir aber dort spielen, wird es das Land zusammen schweißen."  

Ein patriotischer Aufruf. Wobei der Eishockey-Star Iwan Kowalchuk schließlich nicht irgendwer ist; er ist Kapitän jenes St. Petersburger Teams, zu dessen Fans auch der leidenschaftliche Amateur Wladimir Putin gehört. Was dessen Popularität äußerst zuträglich ist, denn Eishockey gilt - mit Abstand - als Russlands beliebtester Zuschauer-Sport: Achtmal gewannen dessen Mannschaften immerhin olympisches Gold - und warum sollte das ausgerechnet diesmal anders werden?

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte zwar beschlossen, das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands, und damit dessen Funktionäre, von den Winterspielen im Februar in Südkorea auszuschließen, aber keinesfalls jene russischen Athleten, die nachweislich nicht gedopt haben. Unter den vier ausgeschlossenen Funktionären befindet sich übrigens mit Vitaly Mutko auch der russische Vize-Premier und Präsident des russischen Fußball-Verbandes. Der frühere Sportminister, den das IOC als Verantwortlichen des russischen Doping-Betrugs bei den Winterspielen 2014 in Sotschi ausgemacht hat, darf nie wieder ein olympisches Amt bekleiden.

Ob das auch seine persönliche Freundschaft mit Wladimir Putin beeinträchtigt? Dimitri Chernyschenko wiederum, 2014 in Sotschi noch OK-Chef von Mutkos Gnaden, entfernte das IOC kurzerhand aus der OK-Kommission der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

Endlich habe man die Strippenzieher erwischt, jubelte daraufhin voreilig Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). 

Von wegen!

Rund eintausend gedopte Sportler werden derzeit in Russland registriert, aber die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Denn es gibt zehntausende an Kinder- und Jugendsportvereinen, fernab Moskaus, betreut von ehrgeizigen Trainern und Ärzten, geleitet von ausgebufften lokalen Funktionären. Ein System, das zu sowjetischen Zeiten entstand und - eng in sich verzahnt - heute kaum anders funktioniert, als in alten Zeiten. Ein Tag für Tag weiterhin funktionierendes Netz. Dorthin hinein reicht Moskaus langer Arm nicht - selbst, wenn man es wollte.

Am 12. Dezember sollen Russlands Sportverbände entscheiden, ob sie nach Südkorea reisen wollen - nicht unter russischer Flagge, sondern als sogenannte „Olympische Athleten aus Russland."

Dass Funktionäre und Politiker zu Hause bleiben müssen, kommentiert Sportminister Pavel Kolobkow so: „Meine Anwesenheit bei Olympia ist völlig unwichtig. Russische Athleten sind das, auf was es wirklich ankommt." 

Es sei denn, die „Olympischen Athleten aus Russland" bestehen zuvor noch den Doping-Test der erst im Oktober  geschaffenen Independent Testing Authority (ITA). Einer Gesellschaft, die autark von IOC, Regierungen und internationalen Fachverbänden agieren soll. Geleitet wird sie von der früheren französischen Sportministerin Valerie Fourneyron, die sich nicht nur in Frankreich einen Namen als zupackende Dopingjägerin gemacht hat, sondern auch als Leiterin der Medizinischen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). 

Doch die neue Konstruktion beinhaltet auch neuen Zündstoff. Der Internationale Radsportverband (UCI), der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) und die FIFA haben bereits kundgetan, mit der ITA nicht zusammen zu arbeiten. Mal sehen, wie der vom IOC geschasste Vitaly Mutko dann als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees und als starker Mann der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland (14. Juni bis 15. Juli) gegenüber der ITA auftritt.

Aber das lässt sich ja vorher üben, zumal im nächsten Jahr ohnehin eine ganze Reihe großer internationaler Sportveranstaltungen zu absolvieren sind, bei denen Russland oft in den Mittelpunkt rücken könnte. Das beginnt Anfang Januar mit den Eisschnelllauf-Europameisterschaften im heimischen Kolomna und setzt sich im März mit dem Biathlon-Cup im sibirischen Khanty-Mansiysk fort. 

Im August feiern dann die Leichtathleten ihre Europameisterschaften im Berliner Olympia-Stadion, und das könnte zu einem besonderen Knackpunkt werden. Der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) hat nämlich die russische Föderation bisher nicht wieder aufgenommen - wird es im Sommer in Berlin anders sein?

Der dann zuständige europäische Verband kann wohl in Berlin kaum an der IAAF vorbei regieren. Und wie wird das alles für Russland enden?

Wisse sie nicht, antwortet Maria Zakharova, die schlagfertige Sprecherin des Moskauer Außenministeriums.

Sie wisse nur: „Glauben Sie mir, wir überleben immer."

Klaus Blume
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