• Stalingrad Madonna von Kurt Reuber
    Stalingrad Madonna von Kurt Reuber © photo by JoJan - Eigenes Werk - Wikimedia
  • Das besondere blaue Licht hat mich eingefangen.
    Das besondere blaue Licht hat mich eingefangen. © Horst Milde
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Unscheinbar und aufrüttelnd - Weihnachten 2017

Vor einigen Jahren wurde ich gefragt, ob ich die Predigt beim ökumenischen Abendgebet zum Berlin-Marathon halten könne.

Gern habe ich zugesagt. Zwei Lebensthemen kommen da zusammen: Bewegung und Glaube.

Heute weiß ich, dass es vielen Läuferinnen und Läufern auch so geht. Für sie verbindet sich der Laufsport - ob leistungsorientiert oder als Hobbyläuferin - mit Dimensionen von Entspannung, Meditation, Gebet oder Glauben, die Schöpfung wird anders wahrgenommen und das eigene Leben auch.

In unserer Welt haben wir heute oft das Gefühl, dass nur zählt, was sich rechnet. Wir haben oft das Gefühl, dass alles seinen Preis hat.

Alles muss nützlich sein. „Was habe ich davon", scheint die Kernfrage unserer Zeit zu sein.

Aber die Liebe Gottes fragt so nicht. Das Leben ist ein Geschenk. Und Gottes Weg mit uns folgt seiner eigenen, ganz anderen Logik: Gott wird ein Kind. Und die es sehen und hören, einfache Leute, staunen und gehen verändert weiter. Es bleibt nicht alles, wie es immer war.

Das feiern wir Weihnachten. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Jesus ist als Kind schon auf der Flucht und ist Mensch in der Tiefe des Leides. Du bist etwas wert, weil Du ein Mensch bist. Und alles beginnt mit dem Kind auf den Feldern von Bethlehem.

Bevor ich zum ersten Mal vor zwei Jahren den Marathon-Gottesdienst mit Hunderten von Läuferinnen und Läufern in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche gefeiert habe, bin ich vorher noch einmal in die Kirche gegangen.

Das besondere blaue Licht hat mich eingefangen. Und ich war fast allein dort.

Hängengeblieben bin ich an einem unscheinbaren Bild im hinteren Teil der Kirche. Es trägt den Titel „Madonna mit Kind" und befindet sich seit 1983 an diesem Ort als ein Symbol für Frieden und Versöhnung; ebenso wie das Nagelkreuz der Versöhnungsgemeinschaft von Coventry.

Eine schlichte Kohlezeichnung. Eine Mutter mit ihrem Kind, nah aneinander geschmiegt, gehüllt in ein Tuch.

Ein Weihnachtsbild.

Genau vor 75 Jahren 1942 zeichnet Kurt Reuber dieses Bild im Kessel von Stalingrad. Er zeichnet es für die Kameraden zu Weihnachten. Diese „Stalingrad-Madonna" ist auf den ersten Blick unscheinbar und doch ein Gegenbild zu Gewalt, Zerstörung und Terror.

Und gerade heute verbindet sich damit für mich auch der furchtbare Anschlag vor einem Jahr. Denn sinnloser Terror, Hass und Fanatismus haben unmittelbar vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ihr schreckliches und menschenverachtendes Gesicht gezeigt und unendliches Leid in viele Familien getragen.

Am 18. Dezember 1942 schreibt Kurt Reuber: „Alles leidet, Leib und Seele." Sein Bild ist für mich ein Gegenbild, das mich aufrüttelt und tröstet. Der Theologe und Arzt zeichnete es in den Feuerpausen auf die Rückseite einer Landkarte.

Am rechten Rand drei Worte: Licht - Leben - Liebe. Ganz wenig und doch ganz viel.

Mitten drin in Bombennächten und Todesangst, mitten drin in den Abgründen der Welt und des Lebens ein ganz anderes Bild, ein ganz anderer Ton, ein Geschmack von einem andern Leben.

Eine Sehnsucht. Unscheinbar und ansteckend. Eine Frau mit einem Kind. Und ich höre die Weihnachtsgeschichte in mir klingen: Friede auf Erden. Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren.

Es gibt eine große Sehnsucht nach einem anderen Leben in einer friedlichen Welt. Wir tragen sie in uns. Es ist eine Sehnsucht nach einer Welt, in der wir miteinander unterwegs sind und nicht gegeneinander, in der wir fragen, was der Mensch neben mir braucht und was uns miteinander verbindet.

Aus allen Religionen dieser Welt habe ich in meinem Leben Menschen getroffen, die diese Sehnsucht nach einem anderen Leben teilen.

Sie glauben fest daran, dass Gott unseren Weg sieht und uns mit seiner Liebe behütet.

Und manchmal braucht unsere Sehnsucht solche Bilder und solche Worte: Licht - Leben - Liebe.  

Möge in dieser Heiligen Nacht

der Friede dein erster Gast sein,

und möge das Licht der Weihnachtskerzen

dem Glück den Weg weisen zu deinem Haus.

(Irischer Weihnachtssegen)

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten und ein Jahr 2018 in Frieden

Im Advent 2018 / Peter Burkowski 

Stalingradmadonna:

Zum Weihnachtsfest 1942, als die Rote Armee Stalingrad bereits über vier Wochen eingeschlossen hatte und die eingekesselten Soldaten gegen Kälte und Hunger um ihr Überleben kämpften, zeichnete Reuber für seine Kameraden mit Kohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte die später berühmt gewordene Stalingradmadonna.

In einem Bunker in Stalingrad beteten seine Kameraden Weihnachten 1942 vor diesem Bild der Mutter mit Kind. Die Stalingradmadonna, sein Selbstbildnis und etwa 150 weitere Porträts wurden von seinem Kommandeur mit der letzten Maschine aus dem Kessel von Stalingrad nach Deutschland gebracht. Auf Initiative des Bundespräsidenten Karl Carstens wurde das Original der Madonna von Stalingrad am 26. August 1983 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche übergeben, wo es heute in einer kleinen Nische zu sehen ist. Als Zeichen der Aussöhnung befindet sich dort auch eine Madonna mit Kind in Form einer Ikone, die von der Kirche in Wolgograd (das frühere Stalingrad) gestiftet wurde.

Quelle: WIKIPEDIA

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