GERMAN ROAD RACES e.V.

SPONSOR
Polar Electro GmbH Deutschland
Jul 08
09
EVENT

Schlechte Zeiten - Bei den Meisterschaften in Nürnberg hinterließen einige Athleten keinen guten Eindruck. Sieben deutsche Einzelläufer sind für Olympia qualifiziert - gibt die Wohlstandsgesellschaft nicht mehr her? Thomas Hahn in der Süddeutschen Zeitung

Laufen ist in Deutschland ein Wellness-Trend geworden, eine Massenbewegung für Hobbysportler, die bei den Marathons ihre persönliche Heldengeschichte schreiben wollen.

Ein Fehler hatte sich ereignet, und für einen kurzen Wettkampf waren die deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg ein zeitloser Titelkampf. Der Starter hatte seinen Schuss zum 800-Meter-Finale der Frauen abgegeben, doch die Uhr stand still, als die Läuferinnen ihre zwei Runden drehten.

Und als sich Jana Hartmann von der LG Olympia Dortmund im Endspurt gegen die Wattenscheider Favoritin Monika Gradzki durchgesetzt hatte, wusste niemand, was diese Leistung in Minuten und Sekunden wert war. Schon kursierte der Witz, dass so möglicherweise eine erfüllte Olympia-Norm im Verborgenen geblieben war. Aber das war wirklich nur ein Witz. 1:59,75 Minuten ist Jana Hartmann noch nie gelaufen, ihre Bestzeit hat sie diesen Juni in 2:02,53 aufgestellt, und damals in Kassel hat es nicht geregnet wie an diesem Sonntag in Nürnberg.

Auch die Meisterschaften in Nürnberg sind kein Termin gewesen, an dem man einen besonders guten Eindruck von den deutschen Läufern gewinnen konnte. Für die meisten war die Olympia-Qualifikation ohnehin schon vorbei, weil sie nach den strengen Vorgaben des Deutschken Leichtathletik-Verbandes (DLV), die sich an den Ansprüchen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) orientieren, ja nicht nur eine Qualifikationsnorm unterbieten mussten, sondern auch noch eine zweite. Entsprechend klein wird die Zahl der Einzelläufer in Peking sein: 100-Meter-Läufer Tobias Unger ist dabei, der in Nürnberg in 10,20 Sekunden Meister wurde.

Trainingsmethodische Fehler bei der Wettkampfplanung

Ebenso die Meisterinnen Carolin Nytra (Hürdensprint) und Sabrina Mockenhaupt (5000 Meter) sowie 1500-Meter-Läufer Carsten Schlangen, der im Nürnberger Finale krank fehlte. Ihnen allen gelang die perfekte Saison: früh die Norm abgehakt, rechtzeitig die Konzentration auf den Saisonhöhepunkt gerichtet. Dazu kommen die Marathon-Läuferinnen Irina Mikitenko, Melanie Kraus und Susanne Hahn und vielleicht der ein oder andere Sonderfall, von dem sich der DOSB allerdings erst überzeugen lassen müsste. Ansonsten bekommen am 20. Juli in Heusden Jan Fitschen über 5000 und Filmon Ghirmai über 3000 Meter Hindernis die Chance, ihre Normen nachzureichen.

Das ist nicht viel, vor allem wenn man bedenkt, welch dichte Leistungsfelder die deutsche Laufelite noch in den achtziger Jahren aufwies. Und natürlich diskutiert die Szene mit Eifer, woran diese Negativ-Entwicklung liegt. Chefbundestrainer Jürgen Mallow könnte dazu vieles sagen, tat es in Nürnberg aber auf Anfrage nicht. Zu komplex sei das Thema, um es im Rahmen einer Bilanzpressekonferenz zu besprechen. Und auch Tono Kirschbaum, Trainer des 10.000-Meter-Europameisters Fitschen, seufzt, wenn er die Frage nach der deutschen Lauf-Malaise hört, die vor allem dünne Meisterschaftskonkurrenzen und wenig beeindruckende Endzeiten dokumentieren: "Darüber können wir ein Seminar abhalten."

Beim Doping liegt ein Erklärungsansatz, nachdem einzelne deutsche Läufer in der Vergangenheit deutliche Indizien dafür geliefert haben. Aber Doping ist nicht der einzige Ansatz, sonst müsste man ja unterstellen, dass früher alle Läufer gedopt hätten und es heute niemand mehr tut. Manche Kritiker reden von Bequemlichkeit bei der heutigen Athleten-Generation. Andere denken an trainingsmethodische Fehler und falsches Management bei der Wettkampfplanung; der 19-jährige 800-Meter-Meister Robin Schembera hat selbst davon gesprochen, nachdem er in Nürnberg vergeblich um die Olympia-Qualifikation gerannt war: Er habe zu wenige Auslandsstarts mit schneller Konkurrenz gewagt.

"Die Hatz zermürbt"


Und einer wie Kirschbaum beklagt außerdem, "dass man sich an den hohen Normen die Zähne ausbeißt". Beispiel Fitschen. Der wollte im Mai die nötigen 27:50 Minuten in Stanford laufen, scheiterte aber mit Bestzeit von 28:02,44, scheiterte danach bei einem zweiten Versuch in Neerpelt frustrierend deutlich und hetzt nun den 13:21,40 für einen 5000-Meter-Start hinterher. "Diese Hatz ist oft auch zermürbend", sagt Kirschbaum. Er wünschte sich die internationale B-Norm wäre das Maß für einen Olympiastart, dann hätte Fitschen längst in die Peking-Vorbereitungen einsteigen können. Andererseits: Vergangenes Jahr zeigte sich der DLV sehr kulant bei der WM-Nominierung seiner schwächelnden Marathonläufer - in der Olympia-Saison liefen sie dann der Norm so weit hinterher wie immer.

Und so landet man wieder bei den gesellschaftlichen Faktoren des Niedergangs. Dass die alten Zeiten nur gut gewesen wären, ist dabei gar nicht der Punkt, sie waren einfach anders, mit weniger massenmedialem Einfluss auf die Jugend, weniger Funsport und weniger Wettbewerb zwischen den Verbänden, Talente zu gewinnen. Laufen ist in Deutschland ein Wellness-Trend geworden, eine Massenbewegung für Hobbysportler, die bei den Marathons ihre persönliche Heldengeschichte schreiben wollen.

Als Hochleistungssport ist es vielen zu anstrengend geworden, vor allem aber erreichen die begabten Jugendlichen in einer technisierten Welt, der ein eingeschränkter Schulsportunterricht wenig entgegensetzen kann, nicht mehr die athletischen Fähigkeiten früherer Generationen. Es gibt nicht mehr so viele Läufer, die auf hohem Niveau trainieren können, ohne dieses Niveau als Anstrengung zu empfinden. Die Folge hat man auch in Nürnberg wieder gesehen, und zwar in deutlichen Zahlen.

Denn meistens funktionierte die Zeitnahme.

Thomas Hahn in der Süddeutschen Zeitung, Dienstag, dem 8. Juli 2008
Sagen Sie es weiter: Teilen

News

ANZEIGE
joggen-online Trainingspläne
ANZEIGE