• Erika Dilger: Die Fitnessbewegung in Deutschland. Wurzeln, Einflüsse und Entwicklungen. Schorndorf 2008: Hofmann. (476 S.; 39,90 €)
    Erika Dilger: Die Fitnessbewegung in Deutschland. Wurzeln, Einflüsse und Entwicklungen. Schorndorf 2008: Hofmann. (476 S.; 39,90 €) © Schorndorf 2008: Hofmann.
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Entstehung und Entwicklung der Fitnessbewegung in Deutschland - Eine neue sporthistorische Studie lässt einige Fragen offen - Die Rezension von Prof. Dr. Detlef Kuhlmann

Nimmt man Erika Dilger beim Wort, dann kündigt sie im Umschlagtext zum Buch eine Darstellung der „Einflüsse auf die Fitnessbewegung in den alten deutschen Bundesländern nach 1945“ an. Demzufolge hätte man tatsächlich eine Analyse pro Bundesland erwarten können, die allerdings nirgendwo geliefert wird.

Fitness ist einer jener „Allerwelts“-Begriffe, die wir seit Jahrzehnten gern verwenden, um einen wünschenswerten Zustand körperlichen Wohlbefindens auszudrücken: Wer wollte nicht „richtig fit“ sein und seine Fitness durch regelmäßiges Sporttreiben erhöhen, erhalten oder wiederherstellen?

Welche (programmatischen) Beiträge mag wohl der organisierte Sport, respektive der „alte“ Deutsche Sportbund (DSB) als Vorläufer des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu jener „Fitnessbewegung in Deutschland“ beigesteuert haben? Solche und andere Fragen können gestellt werden, wenn nun eine knapp 500 Seiten „dicke“ Studie zu den Wurzeln, den Einflüssen und den Entwicklungen der Fitnessbewegung in Deutschland vorgelegt wird.

Die Abhandlung von Erika Dilger, der Ehefrau des emeritierten und im letzten Jahr verstorbenen Prof. Dr. Werner Dilger (Lehrstuhlinhaber der Künstlichen Intelligenz an der TU Chemnitz) wurde von der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz im Jahre 2007 als Dissertation angenommen. Die Autorin versteht ihre Untersuchung als eine sporthistorische Arbeit und verortet sie zeithistorisch in die Phase „nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung“.

Das umfangreiche Werk kann – soviel vorab – zuallererst als eine enorme Fleißleistung eingestuft werden. Erika Dilger trägt eine große Fülle von kleinsten historischen Fakten zur Fitnessbewegung zusammen und blickt dabei auch auf die politisch-wirtschaftlichen und soziokulturellen Bedingungen jener Epoche(n) – mehr noch: Die Autorin verlässt zwischendurch sogar Deutschland und klärt uns beispielsweise über „Ausgewählte Aspekte der Entwicklung der modernen Fitnessbewegung in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart“ (Überschrift von Teil III) auf, nachdem sie im Teil davor bereits die „Wurzeln und internationalen Einflüsse“ (Überschrift) ausführlich referiert und dort im Abschnitt zwei insbesondere die Geschehnisse um die „Ursprünge in den USA bis Ende des Zweiten Weltkrieges“ (Überschrift), und zwar beginnend etwa in der Kolonialzeit bis zur Eröffnung der ersten Studios aufgelistet hat.

Um die „Entwicklung der Fitnessbewegung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung“ (Überschrift) geht es so gesehen „nur“ und „erst“ im Teil IV der Arbeit, der im hinteren Klappentext des Buches als Hauptteil der Arbeit angekündigt wird und mit 151 Seiten nochmals in vier Teilabschnitte gegliedert ist: Erika Dilger widmet sich zunächst den gesellschaftlichen bzw. politischen Rahmenbedingungen dieser Zeit (1. Abschnitt), beschreibt sodann knapp auf zehn Seiten den „Aufbau des Sportsystems und die Ausdifferenzierung des Sports“ (2. Abschnitt).

Es folgt vor dem Fazit im 4. Abschnitt auf über hundert Seiten ein Abriss der „Entwicklung der kommerziellen Fitnessbranche in Deutschland von 1955 bis 1990“ (3. Abschnitt). Hier schließt sich geradezu nahtlos der fünfte und letzte inhaltliche Teil der Arbeit mit dem Titel „Kommerzielle Fitnessbranche in Deutschland Anfang des 21. Jahrhunderts“ an, bevor im Schlussteil (VI) u. a. eine Zusammenfassung angeboten und offene Forschungsfragen gestellt werden. Im Anhang legt die Autorin u. a. ein Personenregister mit rund 400 Namen vor, die vorn im Text vorkommen.

Wie steht es nun um die Aktivitäten und Einflüsse des organisierten Sports, insbesondere des DSB als höchster Sachwalter des Sports hierzulande im Blick auf die „Fitnessbewegung in Deutschland“ (Titel des Buches von Erika Dilger)?

Zur Antwortsuche reicht im Grunde die Lektüre ab Mitte der Seite 236 bis zur Seite 245 oben aus. Wir erfahren hier u. a.: „1959 wurde im Bundestag die Resolution ’zweiter Weg’ des Sports verabschiedet, dessen Zielsetzung dem Breitensport galt“ (S. 238). Meint Erika Dilger, die sich in der Sportwissenschaft nach eigenen Angaben bisher nur durch englisch-sprachige Publikationen hervorgetan hat, allen Ernstes, dass sich seinerzeit Politiker im Bonner Bundestag mit dieser Resolution beschäftigt haben? In Wirklichkeit wurde sie beim außerordentlichen Bundestag des DSB am 7. und 8. November 1959 in Duisburg verabschiedet, wie man beispielsweise im Dokumentationsband von Friedrich Mevert („50 Jahre Deutscher Sportbund“, Hoya 2000) immer noch ganz gut und ziemlich zweifelsfrei nachlesen kann.

Im Grunde zeichnet Erika Dilger hier ein bisschen Trimm-Dich-Geschichte nach, die letztlich zu einem veränderten Sportverständnis geführt hat und von ihr als durchaus ambivalent für die Vereinslandschaft in Deutschland eingeordnet wird: „Die Folgen der Aktionen und Kampagnen des DSB waren strukturelle Veränderungen der Sportvereine und ein Ansturm von nicht gerechneten Mitgliedern bei einer gleichzeitig immer schwieriger werdenden technischen und organisatorischen Abwicklung des Vereinsbetriebs“ (S. 243).

Diesen Befund hätte man sich schon ein wenig differenzierter gewünscht: Hat also die Fitnessbewegung unerwünschte Nebenfolgen ausgelöst, etwa den Vereinsbetrieb „gestört“? Und: Wie sind denn wohl die verschiedenen DSB-Aktionen in den einzelnen Mitgliedsverbänden rezipiert worden? Gab es nicht vielleicht sogar „besondere“ Fitnessbewegungen bei-spielsweise beim Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (adh) bzw. in den Sportprogrammen der 173 Mitgliedshochschulen oder in den Vereinen beim Deutschen Turner-Bund, den man als Premium-Anbieter von Fitness- und Gesundheitssport bezeichnen kann?

Nimmt man Erika Dilger beim Wort, dann kündigt sie im Umschlagtext zum Buch eine Darstellung der „Einflüsse auf die Fitnessbewegung in den alten deutschen Bundesländern nach 1945“ an. Demzufolge hätte man tatsächlich eine Analyse pro Bundesland erwarten können, die allerdings nirgendwo geliefert wird. Dazu wäre dann womöglich auch ein Hinweis notwendig gewesen, inwiefern gerade die Landessportbünde bzw. Landessportverbände Fitness regional zu ihrem Thema gemacht und wie sie dabei die DSB-Programme genutzt haben.

Diese und viele andere Fragen aus der Sicht von Vereinen und Verbänden müssen leider unbeantwortet bleiben. Es bleibt nach der Lektüre der Studie von Erika Dilger der fade Eindruck, als konzentrierten sich die von ihr dargelegten Wurzeln, Einflüsse und Entwicklungen der Fitnessbewegung in Deutschland mehr und schwerpunktmäßig auf die „kommerzielle Fitnessbranche“, der sie zumindest vom Umfang her eindeutig den Vorrang gegenüber der nicht-kommerziellen Bewegung gibt. Diese Vorgehensweise führt auch dazu, dass sie die Verdienste deren Pioniere (z.B. Harry Gelbfarb, Gernulf Garbe) mit biografischen Porträts würdigt.

Wäre es da nicht ebenso angebracht gewesen, für den organisierten Sport wenigstens Persönlichkeiten wie Jürgen Palm und Jürgen Dieckert aufzuführen? Ferner bleibt unklar, warum Erika Dilger die kommerzielle Entwicklung der Fitnessbranche bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts darstellt, während ihre Ausführungen über die nicht-kommerzielle Bewegung mit der Wiedervereinigung aufhören.

Apropos Wiedervereinigung: Erika Dilger, die von 1969 bis 1973 die Fächer Sport, Englisch und Pädagogik in Karlsruhe studiert hat, grenzt ihre historischen Analysen geografisch ein auf den Westen Deutschlands, weil es in der DDR „ein völlig anderes Sportsystem“ gab, wie die Autorin in der Einführung in die Thematik konstatiert. Es mag ja vielleicht zutreffend sein, dass der Begriff Fitness in diesem Sportsystem bzw. im DDR-Sprachgebrauch nicht vorkam, aber war die DDR deswegen schon ein „Fitness-freies“ Land?

Gab es dort nicht zur Förderung von Gesundheit, Lebensfreude und Leistungsfähigkeit so etwas wie „Körperkultur“ oder „Freizeitsport“ und „Erholungssport“ – allesamt Begriffe, die mindestens eine semantische Affinität zu Fitness aufweisen und deren Wurzeln, Einflüsse und Entwicklungen in Bezug auf die Fitnessbewegung in Deutschland dann noch näher zu inspizieren wären, solange es Zeitzeugen dafür gibt …

Erika Dilger: Die Fitnessbewegung in Deutschland. Wurzeln, Einflüsse und Entwicklungen. Schorndorf 2008: Hofmann. (476 S.; 39,90 €)

Prof. Dr. Detlef Kuhlmann