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Nov 06
30
DOPING

Das Ausmaß des Betrugs - Die Prozessakten von Thomas Springstein dokumentieren das Scheitern des Dopingkontrollsystems - Friedhard Teuffel im TAGESSPIEGEL - Doping – alles noch viel schlimmer

„Ich war zunächst überrascht, dann empört, und am Ende hat es mich nur noch angeekelt.“

Berlin - Es sind 110 Seiten, und wer auch immer sie gelesen hat, wird danach sein Bild vom Doping �ndern. Helmut Digel etwa, der Vizepr�sident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, beschreibt seine Reaktion so: �Ich war zun�chst �berrascht, dann emp�rt, und am Ende hat es mich nur noch angeekelt.� Die 110 Seiten hatte die Staatsanwaltschaft in Magdeburg nach einer Hausdurchsuchung beim Leichtathletiktrainer Thomas Springstein zusammengestellt.

Sie liegen dem Tagesspiegel vor und bestehen aus Vergabepl�nen und Bestelllisten f�r Dopingmittel, aus E-Mails, in denen sich Springstein mit dem spanischen Arzt Miguel Peraita �ber Betrugsmethoden im Sport austauscht. Springstein ist inzwischen wegen Dopingvergabe an eine damals minderj�hrige Athletin zu einer Bew�hrungsstrafe von 16 Monaten verurteilt. Der Prozess gegen ihn ist seit einem halben Jahr zu Ende, doch nachdem die Staatsanwaltschaft Magdeburg dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) Einsicht in die Akten gegeben hat, geht ein Aufschrei durch den Sport. Denn die Akten dokumentieren das Scheitern des Dopingkontrollsystems.

Wohl noch nie haben Sportfunktion�re so tiefe Einblicke in die M�glichkeiten der Leistungsmanipulation erhalten. Auf ihrer Grundlage hat der DLV auch Strafanzeige gegen Peraita und den niederl�ndischen Athletenmanager Jos Hermens erstattet und ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere Athleten eingeleitet, darunter Springsteins Lebensgef�hrtin Grit Breuer. �Hier tut sich ein Abgrund nach dem n�chsten auf�, sagt Nada-Gesch�ftsf�hrer Roland Augustin. Es gab bisher viele Bef�rchtungen �ber das Ausma� des Betrugs im Sport. Die Prozessakten k�nnten nun Erahntes belegen und aus Bef�rchtungen Gewissheiten machen.

1. Dopingkontrollen haben wenig Wirkung

Die professionellen Betr�ger sind den Fahndern nicht nur, wie bislang angenommen, einen Schritt voraus. Sie sind au�er Sichtweite. Peraita hat f�r Springstein Listen mit teilweise exotischen Substanzen erstellt. �Wir m�ssen damit rechnen, dass hier mit Substanzen gearbeitet wird, die wir noch nicht kennen�, sagt Professor Wilhelm Sch�nzer, der Leiter des K�lner Dopingkontrolllabors. Er vermutet dabei auch unzul�ssige Hormonpr�parate.

Manche Substanzen kennen die Fahnder, k�nnen sie aber nicht nachweisen, beispielsweise den Wachstumsfaktor IGF1, der in Akten mehrfach auftaucht. �IGF1 ist ein gro�es Problem�, sagt Sch�nzer, �es ist im Grunde gar nicht auf dem Markt, sondern wird nur in der Forschung verwendet.� Diese Substanz soll zum einen K�rperfett abbauen und zum Muskelwachstum beitragen, aber auch die Ausdauerleistung durch Vermehrung von roten Blutk�rperchen steigern.

Im E-Mail-Verkehr zwischen Springstein und Peraita �u�ern beide an keiner Stelle Furcht vor Dopingkontrollen � obwohl in zahlreichen Listen verbotene Substanzen genannt werden, auch Erythropoetin (Epo), vor allem aber Insulin und Wachstumshormon. Beide Substanzen sind nur im Blut nachweisbar, und Bluttests finden nur im Wettkampf statt, nicht im Training.

Falls aber doch einmal die Sorge besteht, bei einer Dopingprobe positiv aufzufallen � kein Problem. Daf�r gibt es einen �Shake�. In der Anleitung hei�t es: �Trink den Shake nur an den Tagen, an denen du sauber sein willst. Du musst zwei bis dreimal urinieren, um zufriedenstellende Ergebnisse zu bekommen. Dann kannst du vor und nach dem Rennen pissen und dann zur Kontrolle gehen.� Woraus dieser Shake besteht? �Ich wei� nicht, was da drin sein k�nnte�, sagt Sch�nzer.

Ein beliebtes Mittel, um die Leistung zu steigern, ohne erwischt zu werden, ist auch dies: Einfach mit verbotenen Substanzen in so feinen Mengen dopen, dass die zul�ssigen Grenzwerte nicht �berschritten werden. Das geht zum Beispiel mit Testosteronpflastern, die ebenfalls genannt werden. �Die Niedrigdosierung von Testosteron ist f�r den Nachweis schwierig�, r�umt Sch�nzer ein.

Seit 1998 sind Bestellungen von Dopingmitteln von Springstein dokumentiert, nie wurde jedoch ein Mitglied seiner Trainingsgruppe des Dopings �berf�hrt. Jetzt unternimmt der DLV mit den Akten einen neuen Anlauf, um zu beweisen, dass das Kontrollsystem unterlaufen wurde. Nicht zuletzt auf Grundlage dieser Akten hat die Nada ihre Einstellung zu einem Anti-Doping-Gesetz ver�ndert. Sie bef�rwortet jetzt ein hartes Durchgreifen des Staates. Auch Helmut Digel sagt: �Der organisierte Sport hat keine tauglichen Instrumente gegen Doping.�

2. Doping findet in Netzwerken statt

Ein deutscher Trainer soll sich laut den Akten von einem spanischen Arzt einen Behandlungsplan f�r seine Athleten aufstellen lassen und das Gesch�ftliche �ber einen niederl�ndischen Athletenmanager abgewickelt haben. Die Grenzen sind l�ngst gefallen, wenn es darum geht, sich zu einem Dopingnetzwerk zusammenzuschlie�en. Doch das ist nicht alles. So schreibt Peraita �ber den Blutersatzstoff Oxiglobin: �Wir versuchen es aus Krankenh�usern in den USA zu bekommen, aber es ist sehr schwierig in diesen Tagen.� Im Austausch von �rzten und Trainern entsteht auch eine hohe Doping-Fachkompetenz. �Was an Wissen dahintersteckt, ist unglaublich�, sagt Nada- Chef Augustin.

3. Doping ist ein gro�es Gesch�ft

Mit der Entwicklung von Dopingpl�nen und dem Handel von verbotenen Substanzen ist viel Geld zu verdienen. In der Prozessakte findet sich eine �Preisliste f�r Eliteathleten�, vermutlich f�r ein Behandlungsprogramm von Peraita. Im ersten Jahr m�ssen die Athleten 15 000 US-Dollar bezahlen, im zweiten 12 000. Au�erdem werden Rechnungen f�r Substanzen gestellt, mal �ber 6525 Euro, mal �ber 2644 US-Dollar f�r �technische Hilfestellung�. Springstein �berweist einmal 18 500 und einmal 20 554 Mark nach Madrid f�r �Leistungssportdiagnostik�. Ein anderes Mal k�ndigt er Zahlungen an in H�he von 3500 Mark f�r �Produkte f�r Grit� und 3000 Mark �Honorar f�r den Doc f�r neue Instruktionen f�r den neuen Athleten f�r drei Monate�.

4. Dopingbetrug kennt keine Skrupel

Springstein und Peraita haben sich �ber Substanzen ausgetauscht, die zwar nicht nachweisbar sind, aber auch noch nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht. So ist Oxiglobin laut Sch�nzer in den USA nur in der Tiermedizin zugelassen. �Hier wird deutlich, dass ein Arzt, der seines Berufsstandes nicht w�rdig ist, alle Grenzen �berschreitet�, sagt Digel. Auch Springstein hat jedoch Erfahrung mit Substanzen aus der Tiermedizin. Beim Medikamentenskandal Anfang der Neunzigerjahre hatte er seinen Sprinterinnen Breuer und Katrin Krabbe Clenbuterol gegeben, ein Mittel aus der K�lbermast.

Die gef�hrlichste erw�hnte Substanz ist jedoch Repoxygen. �Kannst du da Repoxygen bekommen?�, fragt Peraita Springstein. Und der Trainer schreibt dem Arzt: �Das neue Repoxygen ist schwer zu bekommen.� Repoxygen ist ein Gendopingmittel. Es ver�ndert die menschliche Erbstruktur. In der Forschung ist Repoxygen bisher nicht �ber den Tierversuch hinausgekommen.

Springsteins Dopingakte - Geschlagene Sieger
Wenn es noch einen Zweifel daran gab, dass der Sport das Dopingproblem nicht allein l�sen kann, so ist er durch die Prozessakten des Leichtathletiktrainers Springstein endg�ltig beseitigt worden. Denn beinahe jedes einzelne Blatt, jede Bestellung von Dopingmitteln, jeder Vergabeplan liest sich wie eine Siegerurkunde gegen das bestehende Kontrollsystem. Kann sich der Sport �berhaupt von dieser Niederlage erholen?

Wird nicht auf Dauer der Eindruck bestehen bleiben, dass ohne Doping kein Sieg m�glich ist? Es wird auf jeden Fall nicht reichen, das System auszubauen, also mehr Geld in die Forschung zu investieren und noch h�ufiger zu kontrollieren. Wenn es den Verbandspr�sidenten wirklich wichtig ist, noch einen Rest an Glaubw�rdigkeit zu bewahren, m�ssen sie ihre Niederlage anerkennen und den Staat um Hilfe bitten. Nur der Staat verf�gt �ber die n�tigen Instrumente: Hausdurchsuchungen, Verh�re, Festnahmen. Er k�nnte zudem den Besitz von Dopingmitteln bestrafen und damit auch den Athleten ins Visier nehmen. Doch der organisierte Sport will den Athleten nicht kriminalisieren. Die n�chsten Niederlagen werden daher nicht lange auf sich warten lassen. Teu


Doping � alles noch viel schlimmer
DER KOMMENTAR
Berlin - Das Dopingkontrollsystem des Sports ist weit weniger wirksam als bisher angenommen. Das geht aus den Prozessakten gegen den Leichtathletiktrainer Thomas Springstein hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. Darin tauschen sich Springstein und ein spanischer Arzt �ber zahlreiche Substanzen und Betrugsmethoden aus, die mit den bisherigen Verfahren nicht nachzuweisen oder den Dopingfahndern nicht einmal bekannt sind.
Es geht dabei vor allem um Hormonpr�parate, aber auch um Mittel zur Verf�lschung des Dopingtestergebnisses. �Wir m�ssen damit rechnen, dass hier mit Substanzen gearbeitet wird, die wir nicht kennen�, sagte Wilhelm Sch�nzer, der Leiter des K�lner Doping-Kontrolllabors. Helmut Digel, der Vizepr�sident des Internationalen Leichtathletikverbandes, sagte nach Einsicht in die Akten: �Der organisierte Sport hat keine tauglichen Instrumente gegen Doping.�

Springstein war im M�rz wegen Dopingvergabe an eine minderj�hrige Athletin vom Amtsgericht Magdeburg zu einer Bew�hrungsstrafe verurteilt worden. Nachdem der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) Einsicht in die Prozessakten erhalten hatte, leitete er jetzt Doping-Ermittlungsverfahren gegen Athleten aus Springsteins Trainingsgruppe ein, darunter dessen Lebensgef�hrtin Grit Breuer.
Au�erdem erstattete er Strafanzeige gegen einen spanischen Arzt und einen niederl�ndischen Athletenmanager. Mit dem spanischen Arzt stand Springstein laut den Akten seit mindestens 1998 im Austausch �ber Doping. �Hier tut sich ein Abgrund nach dem n�chsten auf�, sagte Roland Augustin, der Gesch�ftsf�hrer der Nationalen Anti-Doping-Agentur. Im E-Mail-Verkehr erw�hnten Springstein und der Arzt auch das Mittel Repoxygen. Es war das erste Mal, dass eine Gendopingsubstanz auftauchte.
Repoxygen greift in die menschliche Erbstruktur ein, ist aber bisher nur im Tierversuch erprobt.

Von Friedhard Teuffel
DER TAGESSPIEGEL
Mittwoch, dem 29.11.2006
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