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Aug 10
29
MEDIZIN

Dr. Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel - Guter Stoff - Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten aus der Medizin - Heute: Partydroge gegen Depressionen

Niedergeschlagenheit, die nicht weichen will. Etliche Medikamente, die gegen den Trübsinn versagt haben. Und dann eine einzige Spritze – und die Stimmung hellt sich innerhalb von ein bis zwei Stunden deutlich auf. Dieses bemerkenswerte Ergebnis haben amerikanische Ärzte bei Patienten mit schwerer Depression oder manisch-depressiver (bipolarer) Krankheit erzielt. Der Wirkstoff, den sie eingesetzt haben, heißt Ketamin, ein in der Medizin erprobtes Narkosemittel und zugleich eine Partydroge („Vitamin K“).

Ketamin wird als Rauschmittel missbraucht, weil es das Bewusstsein verändert, Halluzinationen und „dissoziative“ Zustände erzeugt. Der Berauschte glaubt, wie bei einem Nahtod-Erlebnis aus seiner Haut zu fahren. Er steht gewissermaßen neben sich.

Auch Carlos Zarate von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA in Bethesda und sein Team beobachteten, dass ihre depressiven Patienten unter Ketamin solche Wahrnehmungsstörungen hatten, allerdings nur vorübergehend und nicht besonders schwerwiegend. Der positive antidepressive Effekt hielt dagegen mitunter sogar mehrere Tage an. Im Gehirn beeinflusst Ketamin unter anderem den Stoffwechsel des Botenstoffs Glutamat.

Das Mittel blockiert den NMDA-Rezeptor, eine Andockstelle für Glutamat auf Nervenzellen. Dieser Effekt ist möglicherweise auch entscheidend für die Rauschzustände. Wichtiger ist aber vielleicht, dass Ketamin AMPA-Rezeptoren anregt. Sie sind ebenfalls auf Glutamat ausgelegt und möglicherweise entscheidend für die antidepressive Wirkung.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Ketamin in Zukunft breit gegen Depressionen eingesetzt wird. Aber auf der Basis der Untersuchungen können neue Wirkstoffe entwickelt werden, die gezielter wirken. Etwa, indem sie nur den AMPA-Rezeptor stimulieren und so das Risiko von Halluzinationen via NMDA ausschalten. Es wäre sicher wünschenswert, ein Medikament gegen Depressionen zu haben, das rasch und auch in schweren Fällen wirkt. Bisher dauert es oft Wochen, bis ein Antidepressivum anschlägt – wenn überhaupt.

Was genau hinter einer Depression oder der manisch-depressiven Krankheit steckt, ist noch immer nicht geklärt. Möglicherweise gibt es eine Reihe verschiedener Ursachen, die in das gleiche Leiden münden. Das könnte auch erklären, warum Medikamente nicht bei jedem Patienten anschlagen. Und es könnte bedeuten, dass ein zukünftiges Mittel, das ähnlich wie Ketamin wirkt, Patienten hilft, denen bisher nur schwer zu helfen war, sagt Markus Leweke vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Bereits vor Jahrzehnten entwickelten übrigens deutsche Psychiater mit dem Schlafentzug eine andere Methode, um Depressive rasch aus dem seelischen Tief zu holen. „In den Morgenstunden stellen die Leute fest, dass sie sich wieder freuen können“, sagt der Psychiater Ulrich Hegerl von der Leipziger Uniklinik. Leider kehrt mit dem Schlaf auch die Finsternis in die Seele zurück.

Dr. Hartmut Wewetzer
leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Sonntag, dem 22. August 2010

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