Die Cross-Saison - Cross Country Running – Schule des Willens

(Fast) Alle machen es – nur die Deutschen zeigen kaum Interesse – Liegt hier der Schlüssel für den Niedergang des deutschen Langstreckenlaufes? Der Berliner Cross-Country-Lauf seit 1964 das große Vorbild – abgelöst durch den Darmstadt-Cross

Paula Radcliffe tut es, Kenenisa Bekele tut es ... diese Folge ließe sich beliebig mit Prominenten und weniger Prominenten aus der Laufszene fortsetzen. Es besteht kein Zweifel, dass Crosslaufen die natürlichste Weise ist, sich im Gelände, fernab der asphaltierten Straßen, der fest geschotterten Forst- und Waldwirtschaftswege fortzubewegen.

Eine zudem reizvolle, denn Trainingseinheiten auf verschlungenen Pfaden, im weitläufigen Wiesen- und Weidenterrain oder im lockeren Baumbestand erfrischen Geist und Seele, bieten Abwechslung, wenngleich ein Laufen in derartigem Gelände ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit bedingt.

Querfeldein-Wettkämpfe jedoch finden dem Trend der Zeit entsprechend stadtnah statt, um vorhandene Infrastrukturen zu nutzen und um die entsprechende mediengerechte Öffentlichkeit zu interessieren. Entsprechend „kultiviert“ ist das Querfeldeinterrain, denn bei Meisterschaften auf höchster Ebene werden zumeist Pferderennbahnen oder Park- oder Brachlandschaften genutzt.

Crosslaufen – eine besondere Schule für die Entwicklung des Laufens!

Was ist das Besondere am Cross-Country-Laufen?

Die Laufexperten weltweit sind sich einig, dass das Laufen im eher unwegsamen Gelände eine komplette Schulung für die körperliche Fitness bedeutet und beste Voraussetzungen schafft für eine Steigerung der Leistungsfähigkeit im Mittel- und Langstreckenbereich - auf der Bahn und/ oder auf der Straße. Komponenten wie Kraft- und (teilweise auch ) Grundlagenausdauer, Koordination und Willensstärke werden dabei ausgebildet bzw. gestärkt.

Ein Wechsel der Trainingsreize wirkt oftmals belebend in der Monotonie des Trainingsaufbaues, fördert zudem das Wohlbefinden und stärkt das Immunsystem. Cross-Country-Running als Spaßfaktor!?

Durchaus, auch wenn Querfeldeinlaufen allerdings auch Verletzungsgefahren in sich birgt, wenn der Sehnen- und Bänderapparat den Anforderungen des Geländes nicht gewachsen ist. Das landschaftsorientierte Laufen fordert nicht nur einen ständigen Rhythmuswechsel, sondern schult auch insbesondere das Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen.

Der Querfeldeinläufer sollte zugleich auch ein Naturschützer, ein Bewahrer des ökologischen Gleichgewichts der Natur sein, schließlich geht es darum, die weniger von der Zivilisation angegriffenen Zonen nicht rücksichtslos den eigenen Interessen zu opfern.

Ein Heer von Trainingsweltmeistern?

Traditionsgemäß ist Cross in den Ländern West- und Südeuropas Kult in den Wintermonaten, die Teilnehmerzahlen bei Crosslauf-Veranstaltungen in Belgien, Frankreich und Großbritannien belegen dies. Cross hat in den USA und Kanada ebenso eine große Tradition wie auch auf dem fünften Kontinent. In den lauforientierten Regionen Afrikas ähnelt nahezu jedes Training einem Crosslauf, Hunderte von Männern und Frauen, von Jungen und Mädchen messen sich im Gelände. Eine wahre Fundgrube für Talentespäher.

Auch viele Deutsche gesichtet

Doch zurück nach Europa: Auf der iberischen Halbinsel tummeln sich zwischen Dezember und März Hunderte von leistungsstarken Läufern aller Herren Länder zum Training und Wettkampf. Selbst viele Deutsche wurden gesichtet, doch weniger, um sich bei den zahlreichen Cross-Veranstaltungen mit der internationalen Güteklasse zu messen, sondern fleißig und still vor sich hin zu trainierend.

Trainingsweltmeister allenthalben.

Aber mit welcher Zielsetzung mühen sich unsere Besten? Etwa für die wenigen Hallenwettkämpfe hier zu Lande? Bei den internationalen Titelkämpfen schickt der Verband ehedem keine Vertreter mangels Klasse, weil man keine „Endkampfchance“ vermutet.

Für den DLV - Cross nur zwischen November und Jahreswechsel

Qua Dekret des Deutschen Leichtathletik-Verbandes hat Cross nur noch eine Daseinsberechtigung zwischen November und dem Jahreswechsel. Der Terminkalender sieht dementsprechend ausgedünnt aus. Die nationalen Meisterschaften sind völlig deplatziert wieder einmal Ende November angesiedelt, eine einheitliche Linie ist keineswegs zu erkennen. Methodisch gibt die Termingestaltung wenig Sinn, vor allem, wenn die Bahnsaison Ende September ausklingt, die Straßenlauf-Saison trotz ganzjähriger Ausrichtung eher Ende Oktober einen gewissen Abschwung erkennen lässt.

Wo bleibt für unsere Läufergilde die dringend notwendige, angemessene Zeit für Regeneration und Neuaufbau?

Hier Berlin – dort Darmstadt

Nur wenige Veranstalter sehen in der Organisation von Crossläufen nationalen Zuschnitts noch einen Sinn.

Der Berliner Crosslauf von SCC-RUNNING, schlichtweg die „Großmutter aller Laufveranstaltungen“ mit großer Tradition und erfolgen seit 1964, bleibt nach dem Rückzug vom Maifeld nahe dem Olympiastadion ins zugegeben mehr idyllische Grunewaldgelände trotz 1000 Teilnehmern am 5. November als Auftakt in die Cross-Saison eher ein regionales Ereignis - aber mit dem sportlichen Anspruch den leistungsbereiten und anspruchvollen Läufern unter den Leichtathleten eine Chance zur Bewährung im Gelände zu bieten.

Andere wie der Neusser Crosslauf gehören ebenso der Vergangenheit an wie der Crosslauf auf der Merheimer Heide in Köln.

Nachdem der Deutsche Cross-Cup sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ist, bleibt alleine als nationales Ereignis noch der Darmstadt-Cross übrig, der als letztes „aufrechte Fähnlein“ im lauen Lüftchen der Laufbewegung flattert.

ASC Darmstadt einsamer Rufer

Am Sitz des DLV ist der hessische Traditionsverein ASC Darmstadt eher der einsame Rufer in der Cross-Ödnis, redlich bemüht, dem Querfeldeinlaufen hierzulande ein Lebenszeichen einzuhauchen. Die Darmstädter starteten Ende November 2004 mit der Team-Challenge einen weiteren Versuch , Crosslauf auch zuschauerträchtig zu veranstalten. Die Mikitenkos, Mockenhaupts, Hallmanns, Dietz und Lubinas traten dabei in nationalen Teams gegen ausländische Teams à la Biathlon in der Arena „AufSchalke“ im Kampf um ordentliche Prämien an.

Immerhin begann man hier mit Kreativität und Darmstadt war auch 2005 Ausrichter der nationalen Titelkämpfe mit neuen Ideen der Präsentation.

Aus der Lethargie des Trainingsalltags locken

Wo sollen denn bitteschön letztlich die Entwicklungen im Laufbereich herkommen, wenn schon das Angebot ein überaus dürftiges ist. Die fast ausschließlich regional angelegten Wettkämpfe bedeuteten gleichzeitig, dass sich unsere Besten in einer ausgelebten Konsequenz aus dem Wege gehen (können).

Es fehlt einfach die erforderliche Konkurrenz, um unsere sogenannten Asse aus der Lethargie des Trainingsalltags zu locken.

Verweichlichen unsere Läufer durch Training in geheizten Hallen?

Liegt hier der Grund für die Schwäche im Laufbereich?

Wo sich andere im Ausland (siehe oben) bei Wind und Wetter, im schnellen Wiesengeläuf oder im knöcheltiefen Morast die nötige Härte und Kampfstärke für die Bahn- oder Straßensaison holen, trainieren unsere Besten in der geheizten Halle, zugegeben fleißig, jedoch ohne jeden Anreiz, aber still vor sich hin. Woche für Woche im gleichen Rhythmus. Belastungsintensitäten sommers wie winters gleichförmig.

Erfolglos - wie jeder sehen kann!

Mittelfristig doch ein Weg aus der Talsohle?

Vielleicht ist es mittelfristig doch ein Weg aus der Talsohle, denn schließlich stehen im stetigen Wechsel Europa- und Weltmeisterschaften an, bei denen auch Vertreter aus Deutschland starten sollten.

Wenn wir in Deutschland schon eine stattliche Laufkultur mit einer enormen Dichte an attraktiven Laufveranstaltungen haben, die allerdings fast ausschließlich breitensportorientiert ist, dann sollte Deutschland auch bei den international Topereignissen repräsentiert werden.

Schließlich zählen Risikobereitschaft, Experimentierfreudigkeit, Herausforderung und Leistung in einem weltweit geachteten Industrieland wie Deutschland (noch immer) als Tugenden.

Die Cross-Saison (und die Zukunft) beginnt in Darmstadt

Der Darmstadt-Cross auf der Lichtwiese am Hochschulstadion wird hoffentlich einmal mehr zur Standortbestimmung in der frühen Cross-Saison führen, die mit den Europameisterschaften danach einen ersten Höhepunkt haben wird - hoffen wir, daß Darmstadt den Weg aus der Resignation und des Stillstands im Cross- und Laufsport zeigen wird.

Wilfried Raatz