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    Gesa Felicitas Krause © Lothar Pöhlitz/Kiefner
  • Gesa Felicitas Krause bei der EM in Amsterdam 2016
    Gesa Felicitas Krause bei der EM in Amsterdam 2016 © Lothar Pöhlitz/Kiefner
  • Gesa Felicitas Krause in Helsinki 2012
    Gesa Felicitas Krause in Helsinki 2012 © Lothar Pöhlitz/Chai 2012
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    Gesa Felicitas Krause © Lothar Pöhlitz/Kiefner
  • Emma Coburn (USA) in Rio 2016: „Ich war nicht etwa geschockt, sondern erleichtert, dass Ruth dieses höllische Tempo anschlug
    Emma Coburn (USA) in Rio 2016: „Ich war nicht etwa geschockt, sondern erleichtert, dass Ruth dieses höllische Tempo anschlug". © Victah Sailer
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Gesa Felicitas Krause - ein Portrait - Von KLAUS BLUME*

„Wenn man sich als Athlet zu sehr damit beschäftigt, ob andere dopen, ist es schwierig, überhaupt diesen Sport zu betreiben.“

Es stand zu lesen, die heutige Weltklasse-Läuferin Gesa Krause aus dem ländlichen Nordhessen hätte schon als kleines Mädchen in Ihrem Poesiealbum vermerkt: Mein größter Traum wäre die Teilnahme an Olympischen Spielen.

Diesen Traum hat sich die jetzt 24jährige Ausnahmeathletin schon vor vier Jahren in London erfüllt, als sie über 3000 Meter Hindernis Platz acht belegen konnte.

Inzwischen hat sie sich geradezu selbst überholt: Wurde im Juli in Amsterdam auf dieser Strecke - und zwar ganz überlegen - Europameisterin, um dann in Kenia und im schweizerischen Höhenkurort Davos zu trainieren. Dass es bei Olympia in Rio für Gesa eine Medaille werden könnte - daran zweifelte vor den Spielen kaum einer der internationalen Experten. Obendrein in deutscher Rekordzeit. Zum Rekord (9:18,41 Minuten) reichte es zwar, doch nicht zu einer Medaille. Im Gegensatz zu ihrer Bronzemedaille bei den Weltmeisterschaften sprang in Brasilien lediglich ein enttäuschender sechster Platz heraus. 
 
Ja, enttäuschend!

Denn Gesa unternahm - ganz anders als die mutige amerikanische Olympiadritte Emma Coburn aus Boulder - zu keiner Zeit des Rennens den Versuch, vom angeschlagenen Weltrekord-Tempo der für Bahrain startenden kenianischen Olympiasiegerin Ruth Jebet (8:59,75 Minuten) zu profitieren.

Die 25-jährige Emma Coburn erzählte später: „Ich war nicht etwa geschockt, sondern erleichtert, dass Ruth dieses höllische Tempo anschlug. Ich wusste zwar, dass ich ihr nicht folgen konnte, dass aber hinter mir die meisten im Feld einfach nicht den Mut hatten, nach zwei ruhigen Anfangsrunden, ebenfalls nach vorn zu laufen. Ich tat es, denn ich sorgte mich nicht um die Zeit, sondern nur um die Bronzemedaille.“

Zu jenen Läuferinnen, die sich in Rio von Ruth Jebet einschüchtern ließen, gehörte leider auch Gesa Felicitias Krause („Das Niveau dafür habe ich eben einfach noch nicht“). Wirklich? Fünfmal hat sie in diesem Jahr zuvor in Kenia Kilometer geschrubbt und Tempo gebolzt, zuletzt vor Rio auch noch zusätzlich im schweizerischen Davos, worin wohl der Anfang allen Übels liegt.

Gesas langjähriger Coach Wolfgang Heinig hat mit seiner hochtalentierten Bahnläuferin im Grunde nämlich so gearbeitet, wie er es als Marathon-Coach seit langem gewohnt ist: Abseits wichtiger Wettkämpfe wurden in aller Stille Kilometer „gefressen“.

Wäre Gesa stattdessen - zwischendurch - mehr Bahnrennen gelaufen, auch auf flachen Distanzen - von 3000 bis 5000 Meter - die Ausgangssituation wäre in Rio eine ganz andere gewesen.

Mancher der renommierten Trainer aus Afrika, den Niederlanden oder den USA meint ohnehin, Gesa könne als Läuferin weit bekannter - ja, sogar prominenter - werden, würde sie nur hin und wieder eine andere Disziplin wählen. Zum Beispiel die olympischen 5000 Meter oder die gern gesehene Mittelstrecke über 1500 Meter, auf der sie in diesem Jahr, ganz nebenbei, auch schon Großes vollbracht hat.

Wobei sich freilich die Frage stellt, warum sie eigentlich Hindernisläuferin geworden?

Was sie an der Hatz über die festen klobigen Hindernisse und einem Wassergraben überhaupt gereizt hat?

„Genau DAS! Eben das Außergewöhnliche. Und die Fertigkeit, dieses Außergewöhnliche irgendwann außergewöhnlich beherrschen zu können“, erklärte sie selbstbewusst.

Um dieses Selbstbewusstsein wiederum zu erklären: Als WM-Dritte von Peking hat sie mal erzählt, könne sie durchaus noch schneller, als bisher laufen. Gleichzeitig hat sie gesagt, was zuvor schon Olympiasieger Dieter Baumann immer wieder gepredigt und auch noch eindrucksvoll aller Welt vorgemacht hat: Die Läufer aus Ostafrika, selbst die angeblich ständig überlegenen Kenianer, sind allesamt schlagbar.

Und wer sich Gesa Krauses Hindernisläufe - eingedenk dessen - noch einmal im Internet ansieht, und dabei ihren Stil mit dem der Kenianerinnen vergleicht, wird erstaunt sein! Denn Gesa überquert die Hindernisse, diese feststehenden „Pferdehürden“, mit einer fließenden eleganten Bewegung. Das sieht nach einem großen Vorteil gegenüber den Afrikanerinnen aus, denen allesamt diese Hürden regelrecht im Wege zu stehen scheinen.

Wie hat sie sich diesen Stil überhaupt angeeignet?

Spielte dabei auch eine Rolle, dass sie sich - als Jugendliche - sogar am Hürdensprint versucht hat? „Das hat sicherlich eine Rolle gespielt, aber auch, dass ich mich als Jugend-Athletin an allen möglichen Disziplinen versucht habe - mal abgesehen vom Kugelstoßen und Stabhochsprung. Dennoch hat mir diese vielseitige Ausbildung, in der hessischen Provinz, also abseits der großen Leichtathletik-Welt, sicher sehr geholfen.“

Nun trainiert sie seit sehr vielen Jahren bei dem gebürtigen Torgauer Wolfgang Heinig in Frankfurt und im schönen Odenwald; also bei dem Ehemann der einstigen Weltklasse-Marathonläuferin Katrin Dörre. Ein Coach, der in Läuferkreisen ob seiner Ansichten und Methoden nie ganz unumstritten gewesen ist. Was verbindet also Gesa Krause ausgerechnet mit Heinig - und obendrein so erfolgreich, dass der Konkurrenz nur noch das Staunen bleibt.

Gesa überlegt gar nicht lange, bis sie antwortet: „Weil er lange vor mir gespürt hat, dass ich eigentlich noch sehr viel schneller laufen kann, als ich tat - und mich dabei sehr professionell unterstützt hat.“

Angesichts dessen fragt man sich fast schon instinktiv: Wo will Gesa Krause als Läuferin überhaupt hin?

In Kassel lief Sie im Juli über 1500 Meter - einer klassischen olympischen Mittelstrecke - hervorragende 4:06,99 Minuten. Und zwar ohne spezielle Vorbereitung! Nicht nur Wolfgang Heinig, auch andere Trainer, mit denen sich der Autor unterhielt, sagten danach: eine Zeit von 4:03 und durchaus noch etwas besser, sei für Gesa absolut möglich. Und zwar ohne viel Trainingsaufwand.

Doch dazu wird es in diesem Jahr nicht mehr kommen. Denn nach den Olympischen Spielen in Rio sei sie bei den großen Meetings, ob in Zürich oder in Berlin, nun mal als Hindernisläuferin gefragt. Europa gegen Afrika, das ziehe die Massen in die Stadien.

Heinig dazu: „Sie ist ja Profi, und da regelt sich so etwas eben nach Angebot und Nachfrage und nicht nachdem, was man lieber laufen würde.“ Also scheint es für Gesa vorerst keine erneute Beschleunigung auf der Mittelstrecke zu geben.

Nur, was wird dann? Bleibt der Ausflug auf die 1500-Meter-Distanz eine Art Abfallprodukt ihres Gesamttrainings? Das wäre doch schade . . . „Nein, nein! Aber lasst mir mal etwas Zeit - auch zum Nachdenken.“  Eigentlich kann ich dem nicht zustimmen.  Denn es gibt ja viel mehr Startmöglichkeiten, würde sie sich nicht ausschließlich auf die Hindernisse beschränken.

Am 6. September, zum Beispiel, könnte sie in Zagreb einen Ausflug über 3000 Meter - ohne Hürden und Wassergraben - wagen; am 9. September beim weltberühmten Ivo-van-Damme-Memorial in Brüssel sogar über 5000 Meter.                                                                                             

Aber daraus wird nichts. Also Themenwechsel.

Gesa bezeichnet sich gern als Familienmensch - und ist dennoch fast das ganze Jahr über rastlos auf Achse. Von Amsterdam nach Kenia, von Nairobi nach Davos. Von dort nach Rio de Janeiro. Ein Leben aus dem Koffer. Mittlerweile mit Ihrem Lebensgefährten Dirk. Sie wird dabei finanziell von der Sporthilfe unterstützt; sie absolviert im Training aber in jeder Woche an die 180 Kilometer im Laufschritt. Und zwar in einem ganz gehörigen Laufschritt. Wer als Jogger zuschaut, dem wird schwindelig.

Aber wann kann man sie hierzulande dabei schon sehen?

Sie trainiert ja besonders gern im Läuferparadies Kenia. Klar, wenn man derart viele Trainingseinheiten schrubbt wie Gesa, ist es auch schwer, alles allein zu erledigen. In Kenia jedoch finden sich immer ebenbürtige Trainingspartner. Dort können auch jene Männer ihr Tempo mitlaufen, die auf größeren Wettkämpfen nie in Erscheinung treten.

Doch wie geht das vor Ort vor sich? Sucht sich Gesa dann irgendeine Gruppe aus, bietet womöglich sogar etwas Geld oder ein paar Schuhe fürs Mitlaufen an? „Das ist üblich“, antwortet sie. Und erklärt: „Trikots und Schuhe vom Ausrüster hat man immer bei sich, um diese, gewissermaßen als Belohnung, zu verteilen. Manchmal zahlt man aber auch mit barem Geld für einen guten Tempomacher. So ist das nun mal.“

Kurz vor Olympia wurde bekannt, dass in Kenia Prozesse gegen italienische Manager und Trainer laufen - wegen Dopings, wegen was sonst. Einige berühmte kenianische Läuferinnen sind in der Zwischenzeit auch gesperrt wurden. Läuferinnen mit italienischen Geschäftsverbindungen.

Gesa Krause hat indes für sich beschlossen: „Wenn man sich als Athlet zu sehr damit beschäftigt, ob andere dopen, ist es schwierig, überhaupt diesen Sport zu betreiben.“

Kann sie dieses Thema in Rio wirklich aus ihrem Kopf verbannen? „Ich habe doch gar keine Alternative.“ Auch dem muss ich widersprechen.

*Klaus Blume - freier Journalist - Hamburg  - (http://www.laptopwerk.de)

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