• Auch der Zahnarzt Florian Orth aus Regensburg, 15-mal deutscher Meister im Mittel- und Langstreckenlauf, will  nicht mehr ins deutsche Nationaltrikot schlüpfen.
    Auch der Zahnarzt Florian Orth aus Regensburg, 15-mal deutscher Meister im Mittel- und Langstreckenlauf, will nicht mehr ins deutsche Nationaltrikot schlüpfen. © Victah Sailer
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Die Besten verzichten aufs Nationaltrikot - Warum vergrault die deutsche Leichtathletik ihre Spitzenläufer? Von KLAUS BLUME

Spitzenathleten fordern „eine Lobby für uns Läufer"

Eigentlich wollte Arne Gabius bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August in London für Deutschland im Marathonlauf starten, doch aus Ärger über den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) will der Arzt aus Stuttgart nun nicht mehr das deutsche Nationaltrikot tragen.

Die Wertschätzung der Läufer im Verband sei „sehr schlecht" geworden, weil bei der Neuordnung der Bundestrainer vieles ins Arge geraten sei. Das alles erzeuge Stress, „und Stress kann ich nicht gebrauchen." 

Auch der Zahnarzt Florian Orth aus Regensburg, 15-mal deutscher Meister im Mittel- und Langstreckenlauf, will  nicht mehr ins deutsche Nationaltrikot schlüpfen.

Orth argumentiert: „Ich muss ganz ehrlich feststellen, dass ich für einen Verband, der mir als Athlet weder vertraut, noch meine Leistung respektiert, und ein Land, das mich nach meinem besten Jahr 2016, dank ,Spitzensportreform‘, sowohl für Trainingslager, Sporthilfe als auch Verdienstausfall in meiner dualen Karriere nicht mehr für förderungswürdig hält, vorerst nicht mehr an den Start gehen möchte."

Andere deutsche Spitzenläufer sprechen bereits von „zwielichtigem Verhalten" im Verband, sogar von einer „neuen Art Feudalismus".

Denn da heiße es gegenüber den Vereinen:  Bringt uns euren Besten auf unsere Burg, sprich: unserem Verband, dann kann er als Aushängeschild dienen. Wie Gesa Krause, die Europameisterin und Olympiasechste über 3000 Meter Hindernis. Sie - nicht die Werfer - seien das Gesicht der deutschen Leichtathletik. Sie gelte als Galionsfigur des hiesigen Verbandes.

Doch gerade an ihrem Beispiel zeigt sich, wie schwer sich die neuen Bundestrainer mit den erfahrenen Stars tun. Thomas Dreißigacker, mit 29 Jahren der neue leitende Bundestrainer in Sachen Lauf, schwärmt zwar: „Athleten, wie Gesa Krause haben gezeigt, dass auch deutsche Läufer mit der absoluten Weltspitze mithalten können." Doch in diesem Satz schwingt vor allem viel Hoffnung, weil Gesa Krause von den Schnellsten der Welt - den Afrikanerinnen - noch ein ganzes, weites Stück entfernt ist.

Verwirrt hat die 24jährige obendrein mit ihrem Vereinswechsel von der renommierten Frankfurter Eintracht zum kleinen Verein Silvesterlauf Trier.

Der Tageszeitung „Trierscher Volksfreund" zufolge ging es dabei in erster Linie um Geld, und zwar aus vielen Taschen. Den Wechsel sollen sich die Trierer einen „höheren vierstelligen Betrag" per annum kosten lassen. Zusätzlich flössen Mittel des Landessportbundes und des Leichtathletik-Verbandes Rheinland-Pfalz in Krauses Vereinswechsel. Der Vertrag hat eine Laufzeit von vier Jahren, also bis einschließlich der Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Nun ist per se nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Berufsläuferin, und als solche ist Gesa Krause einzuordnen, vor allem dort läuft, wo es sich  finanziell lohnt. Wie zum Beispiel am 10. Januar in Ras Al Khaimah in den Vereinigten Arabischen Republiken. Dort stand ein Weltrekord-Versuch im Halbmarathon (21.0975 km) auf dem Programm.

Im hochklassigsten Rennen der Leichathletik-Geschichte stellte Peres Chepchirchir aus Kenia mit 1:05:06 Stunden dort den bestellten Weltrekord auf, während Gesa Krause, die zuvor im Wettkampf niemals länger als zehn Kilometer gelaufen war, nach 15 Kilometern aufgab. Ihre Analyse: „Ich hatte schon nach fünf (!) Kilometern gemerkt, dass ich das Tempo nicht halten kann."

Und dann: „Ich hatte aber zuvor mit meinem Heimtrainer Wolfgang Heinig in Kenia gut trainiert."

Meinetwegen, doch was sollte dieser Unsinn?

Präziser gefragt: Was hat eine 3000-Meter-Spezialistin bei einem 21 Kilometer langem Straßenlauf verloren,vor allem, wenn dort die nachweislich sechs schnellsten Spezialistinnen aller Zeiten laufen?  Thomas Dreißigacker, der neue deutsche Lauf-Chef, versucht, zu erklären: „Dieses Rennen war geplant, um neue Reize anzugehen, vor allem im mentalen Bereich. Ich halte diesen Einsatz, auch im Nachhinein, nicht für verkehrt."

Zumindest finanziell gesehen. Zwar wird es ein Geheimnis bleiben, was die Scheichs von Ras Al Khaimah den afrikanischen Super-Stars wirklich an Startgeldern und Laufprämien gezahlt haben - doch für ein Taschengeld wird auch Gesa Krause ihren guten Namen nicht aufs Spiel gesetzt haben.

Derzeit trainiert sie mal wieder in Kenia, nachdem sie mit Wolfgang Heinig zuvor nach Äthiopien geflogen war. Doch schon nach zwölf Stunden haben beide das Land fluchtartig in Richtung Kenia verlassen, „da unser Hotel von vielen Häusern, Verkehr, Lärm und Smog umgeben war", erklärt Gesa Krause 

Ein Desaster! Was Dreißigacker aber gar nicht so sieht: „Auch dabei ging es um neue Reize. Aber das war in Äthiopien zu riskant, also dann doch lieber wieder nach Kenia."

Beim Deutschen Leichtathletik-Verband, so der erfahrene Marathonläufer Arne Gabius, gehe derzeit vieles durcheinander. Vor allem für die Läufer.

Deshalb fordern andere Spitzenathleten „eine Lobby für uns Läufer", auf das man endlich wahrgenommen werde. Vor allem fachlich. Einen Rechtsanwalt, der auch läuferisch beschlagen sei, habe man schon mal in der Hinterhand.

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Klaus Blume
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