• Mr. Cool & the Gang: Bolt mit seinen Landsleuten Carter-Frater-Blake-Bolt
    Mr. Cool & the Gang: Bolt mit seinen Landsleuten Carter-Frater-Blake-Bolt © Victah Sailer
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    Usain Bolt © Victah Sailer
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Usain Bolt als Mahner: Bloß nicht das Erbe verjubeln - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Leichtathleten Jamaikas sollten nicht so viel feiern und ihr Talent verjubeln. Ausgerechnet der alte Bolt fordert, was der junge Bolt nie wollte: Training statt Party.

Usain Bolt, jetzt geht es um dein Erbe. Zum Auftakt des Wochenendes vor dem Heroes Day, am 13. Oktober, wird der schnellste Mann und berühmteste Jamaikaner der Welt endlich seinen Platz einnehmen vor dem Nationalstadion von Kingston.
 
Den einen Arm gen Himmel ausgestreckt und den anderen angewinkelt, wird er dann überlebensgroß und in Bronze gegossen in einer Reihe stehen mit den Helden des jamaikanischen Sprints: Merlene Ottey, Don Quarrie, Arthur Wint; Letzterer machte sich unsterblich mit dem ersten Gewinn einer Goldmedaille für Jamaika bei den Olympischen Spielen von London 1948, der sportlichen Unabhängigkeitserklärung, vierzehn Jahre bevor Großbritannien die Kolonie in die Selbständigkeit entließ.

Bolt war bis zur Disqualifikation der jamaikanischen Staffel von Peking 2008 dreifacher Olympiasieger dort wie von London 2012 und Rio 2016. Bei vier Weltmeisterschaften gewann er elf Titel. Seine Weltrekorde von 9,58 und 19,19 Sekunden über hundert und zweihundert Meter scheinen unerreichbar.

Da der Über-Läufer mit gerade 31 Jahren seine Laufbahn beendet hat, gilt es, seinen Ruhm zu wahren und zu nutzen. Da soll schon ein bisschen mehr entstehen als Bolts Restaurant mit dem hübschen Namen „Tracks and Records“, der auf seine unvergleichlichen Sprints wie auf seine Leidenschaft für Musik anspielt; da soll nicht allein der Kramladen von Vater Bolt in dem Örtchen Sherwood Content Touristen ins Hinterland locken.

Vom Bau einer Mehrzweck-Arena mit Laufbahn und Kricket-Akademie ist die Rede; sie soll Bolts Namen tragen und Athleten aus dem Ausland anziehen – bloß dass es bereits ein solches Stadion in Trelawny gibt; die Zeitung „The Gleaner“ beschreibt die Investition als rausgeschmissenes Geld.

Ein Museum für das Werden und Wirken von Bolt sollte entstehen, schließlich gibt es auch eines für Bob Marley, den der Sprinter als bedeutendste Identifikationsfigur Jamaikas abgelöst hat. Mama Jennifer Bolt dürfte einige Devotionalien aus ihrer privaten Sammlung beisteuern können. Es gäbe auch noch ein paar Straßen und Plätze, Stadien und Wettkämpfe nach Bolt zu benennen.

Doch das Wichtigste bleibt der Geist, die Inspiration des großen Sohnes und größten Sportlers der Insel.

Der Champion, auf Promotion-Tour in Japan, stellt gerade fest, dass die jungen Leichtathleten Jamaikas nichts Besseres zu tun haben, als ihre ersten Profi-Verträge zu feiern und ihr erstes Geld zu verjubeln statt zu trainieren. Wenn sie sich damit zufriedengäben, warnt Bolt, drohten Jamaika Schwierigkeiten; es sehe gar nicht gut aus.

Ist das nicht verrückt?

Bis er seinen Trainer Glen Mills fand oder umgekehrt dieser ihn, lebte Bolt genau so: mit unfassbarem Talent gesegnet und am liebsten ohne jedes Training. Der Geist des jungen Usain bedroht das Erbe des großen Bolt.  

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Freitag dem 8. September 2017