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    Michael Reinsch © Horst Milde
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Kommentar: Deutsche Sportler allein gelassen - Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Vor nicht einmal einem Jahr wurde der Fechter Max Hartung deutscher Athletensprecher. Nun droht er mit Aufgabe. Denn er muss erkennen, dass der Sportler hierzulande am Ende der Kette steht.

Verlieren Sportlerinnen und Sportler schon wieder ihre Stimme? Max Hartung, Athletensprecher im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), droht damit, dass er nicht weitermache, wenn sich nichts ändere an seiner Situation.
 
Vor nicht einmal einem Jahr ist er eingesprungen, als Christian Schreiber nicht mehr Athletensprecher sein konnte; der Ruder-Weltmeister gab auf, weil er seine Verpflichtungen in Sport und Familie, Beruf und Sportpolitik nicht mehr unter einen Hut bekam.
 
Seitdem ist es an Hartung, zu erleben, dass diejenigen in Verbänden, Politik und Wirtschaft, mit denen er sich abzustimmen, auszutauschen und auseinanderzusetzen hat, entweder hauptberuflich beschäftigt oder professionell ausgestattet sind mit Büro, Mitarbeitern, Sekretariat und Fahrdienst.

Man muss nicht Europameister im Säbelfechten sein wie Hartung, um zu realisieren, dass auf diesem Feld nicht Waffengleichheit herrscht. Dabei geht es in erster Linie nicht einmal um Kontroversen, sondern zum Beispiel um die Mitarbeit an der Reform des Spitzensports. Hartung, der sich derzeit in Sydney in Australien als Trainer versucht, beschreibt im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, wie das aussieht.

Da setze das Innenministerium etwas in Gang, gebe es durch an den DOSB, die Fachverbände seien involviert, dann die Stützpunkte, und ganz unten stehe der Athlet und frage sich, warum ausgerechnet er nicht an dieser Entscheidung beteiligt war, die schließlich sein Leben betreffe. Selbst wenn ein Umzug von ihm verlangt werde: Er erfahre als Letzter davon.

Auch deshalb haben fast fünfzig Athletenvertreter im Oktober in Köln Athleten Deutschland e.V. gegründet.

Ziel der Organisation ist es, die fehlende hauptamtliche und vom DOSB unabhängige Geschäftsstelle aufzubauen. Niemand anders als die öffentliche Hand kann die Kosten dafür bestreiten; der Sportausschuss des Deutschen Bundestages und das Innenministerium schienen schon überzeugt, das notwendige Budget von einigen hunderttausend Euro dafür zur Verfügung zu stellen.

Nun ist das Projekt durch die Verzögerung der Regierungsbildung in Berlin ins Stocken geraten – nicht einmal Ausschüsse gibt es bisher.

Da Athleten Deutschland nicht Selbstzweck ist, erinnert Hartung an die Pflicht des Staates, auch diejenigen zu fördern, die sich nicht als Soldat, Polizist oder Zöllner verpflichten wollen oder können. Ein monatliches Stipendium von 1500 Euro stellt er sich für sie vor, schließlich suche der Sport die Besten der Besten und nicht irgendwen; junge Menschen, die ihren Ehrgeiz auf den Sport statt auf den Einstieg ins Berufsleben konzentrieren sollen.

Leute wie Hartung. Dieser will in Tokio 2020 als Olympiasieger von der Planche gehen.

Da hat er in den nächsten zweieinhalb Jahren keine Zeit, sich in unangemessenen Strukturen zu verheddern und in aussichtslosen Auseinandersetzungen zu ermüden. Im Herbst, in neun, zehn Monaten, wird er sich entscheiden müssen, ob er für eine Fortsetzung im Amt kandidiert.

Vom Staat, der seine mehr als zweihundert Millionen Euro Spitzensportförderung kräftig aufstocken will und dafür ein Drittel mehr Medaillen fordert, hat er jede Unterstützung verdient.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - Donnerstag, dem 11.01.2018

Michael Reinsch

  Korrespondent für Sport in Berlin.